Navigationssystem Galileo Perfekt verpeilt im Orbit 

Mal fliegen sie 2700 Kilometer zu hoch, mal 9500 Kilometer zu tief: Im All vagabundieren zwei Galileo-Satelliten auf einer falschen Umlaufbahn. Doch die Panne könnte ein Glücksfall sein.

DPA/ ESA

Manchmal eröffnen Pannen ungeahnte neue Möglichkeiten. Die beiden Galileo-Satelliten sollten die Erde eigentlich auf einer Kreisbahn in 23.522 Kilometern Höhe umrunden und damit den Grundstein für den Aufbau des europäischen Konkurrenten zum GPS-System der Amerikaner und zum Glonass-System der Russen legen.

Weil aber eine Hydrazin-Leitung der Oberstufe während des Starts im August "temporär" eingefroren war, wurden zwei Lagekontrolldüsen der "Sojus"-Rakete nicht ausreichend mit Treibstoff versorgt. Seitdem vagabundieren die falsch abgesetzten Satelliten auf einer elliptischen statt auf einer kreisförmigen Bahn durchs All. Mal fliegen sie 2700 Kilometer zu hoch, mal 9500 Kilometer zu tief.

Drei Szenarien nach der Panne

Aus eigener Kraft können sie sich nicht in die vorgesehene Kreisbahn manövrieren, dafür reicht ihr Treibstoff nicht. Beobachter hatten die Satelliten daher eigentlich längst abgeschrieben. Doch womöglich sind sie noch nicht ganz verloren.

"Europas Raumfahrtorganisation hat nach der Panne drei Szenarien entwickelt, über die nun entschieden werden muss", berichtet Günter Hein, bei der Raumfahrtorganisation Esa Chef für die Weiterentwicklung des Galileo-Systems. Man könne die Satelliten

  • abschalten

  • in den nächsten zwei, drei Monaten testen, um etwaige Probleme zu ermitteln, die dann bei den folgenden Satelliten abgestellt werden könnten

oder

  • nach den Tests angeschaltet lassen und weiterhin als Teile des Galileo-Gesamtsystems nutzen oder mit ihnen Aufgaben lösen, an die man bisher gar nicht gedacht habe.

Er selbst tendiere zum zweiten Szenarium mit Übergang zum dritten. Nutzungsideen gebe es genug. Etwa ließen sich mit den Satelliten Phänomene aus der Relativitätstheorie oder Gravitationswellen erforschen. Sogar eine verbesserte Navigation ist nach Heins Aussagen denkbar - ausgerechnet wegen der falschen Umlaufbahn.

Den größeren Dopplereffekt der Satelliten aufgrund der elliptischen Bahn könne man nutzen, um die Mehrdeutigkeitsbestimmung von Trägerphasen schneller durchzuführen, erklärt er. Dadurch ließe sich schneller eine höhere Positionierungsgenauigkeit erreichen. Ein solcher Vorschlag sei schon vor 10 bis 15 Jahren angedacht gewesen, aber nicht realisiert worden. Damals wollte man dazu die Daten von "Iridium"-Telefonsatelliten in einer erdnahen und GPS-Satelliten in einer mittleren Umlaufbahn kombinieren.

"Wir müssten dazu allerdings den tiefsten Punkt der Umlaufbahn um etwa 500 Kilometer anheben", erklärt Hein. Die Bahn sei dann zwar immer noch eine Ellipse, komme aber einem Kreis schon deutlich näher. Die Korrektur erfordere allerdings viel Treibstoff, was die Lebensdauer der Satelliten verkürze. Mit dem Treibstoff wird normalerweise immer wieder die Bahn minimal korrigiert.

Weil der Abstand der Orbiter zur Erde nun teils deutlich kleiner ist als geplant, sind ihre Funksignale auch stärker. Nicht jedes Empfangsgerät werde diese daher verarbeiten können, schränkt Hein ein. "Wir hoffen aber, dass die Satelliten zumindest stundenweise für den normalen Anwender nutzbar sind."

Galileo-Fahrplan angeblich nicht in Gefahr

Ungeachtet der Panne sieht Hein den Galileo-Fahrplan nicht in Gefahr, bis 2020 alle 30 Satelliten ins All zu bringen. "Ich denke, dass der Termin gehalten werden kann", sagte er. Das weltumspannende Navigationssystem erfordert 24 Satelliten, sechs sind als Reserve gedacht. In den Orbit geschossen wurden bislang sechs Testsatelliten, von denen drei nicht mehr funktionieren, und die zwei Hightech-Geräte auf der falschen, elliptischen Umlaufbahn.

Die Russen hätten versichert, dass sie die Ursache für die Havarie schnell beheben können, sagt Hein. Es gehe eigentlich nur darum, die Treibstoffleitung in der Oberstufe, die zu nahe an einer kalten Helium-Leitung verlegt war, "zu entflechten". Deshalb werde die Esa zunächst auch weiter mit den "Sojus"-Raketen arbeiten.

Wenn der nächste Galileo-Start nicht wie geplant im Dezember erfolge, bedeute das nur eine "kleine Verzögerung um wenige Monate". Bei den Amerikanern habe es beim Aufbau des GPS-Systems auch drei Fehlstarts gegeben, sagt der Geodäsie- und Satellitennavigationsprofessor, der früher an der Bundeswehruniversität in München gelehrt hat. Wenn 2015 vier oder sechs weitere Galileo-Satelliten auf der Umlaufbahn seien, könne auch der sogenannte "early service" des Systems beginnen. Ab Ende 2015, aber möglicherweise auch schon früher, würden die weiteren Satelliten dann mit den europäischen "Ariane"-Raketen im Viererpack ins All geschossen.

Die Frage, ob die Europäische Kommission an die Russen Regressforderungen stellen werde, konnte Hein nicht beantworten. Es sei sicher schwer, ihnen Unzuverlässigkeit nachzuweisen. Immerhin habe die "Fregat"-Oberstufe der "Sojus"-Rakete schon 45-mal hintereinander einwandfrei funktioniert. Zudem betone ja auch Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain immer wieder, dass "jeder neue Start ein neues Abenteuer" sei.



insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thinkrice 28.10.2014
1.
Es wird das sich Europa auf diesem Gebiet unabhängig von den USA macht. Jetzt brauchen wir nur noch starke nationale, europäische Armeen, welche die Landesverteidigung und Auslandseinsätze selbst stemmen können, einen vernünftigen Geheimdienst, der keine Unterwanderung durch die Amis zulässt, eigene europäische, nicht-staatliche Ratingagenturen, usw. um die Souveränität der europäischen Nationalstaaten sicherzustellen bzw. wiederherzustellen!
frank1980 28.10.2014
2. Für was braucht
Europa eigentlich ein eigenes System ? Zivil bringt es kaum Vorteile, militärisch ist Europa sowieso weitestgehend bedeutungslos geworden.
static2206 28.10.2014
3. @frank1980 Wegen der Unabhängigkeit
Die Amerikaner haben schon öfters angedeutet im Notfall das GPS für die zivile Nutzung abzuschalten oder in weniger gravierenden Fällen noch ungenauer zu machen. Deswegen ist ein unabhängiges System sehr sinnvoll
never-stop 28.10.2014
4. Abenteuer für den Steuerzahler
Was für ein entspanntes Arbeiten. Zwei Starts vermasselt, 2 sündteure Satelliten weg, das projekt verlängert, so what. Wie bei der Bundeswehr/ dem Beschaffungsamt. Die Russen habe offensichtlich den Verlust zu verantworten, punkt. Kein Regress? Ok, wie wär's wenn sie für die nächsten 2 Starts keine Rechnung stellen?
baerry 28.10.2014
5.
Alle drei Szenarien wirken auf mich wie eher wie 'das beste aus einer schlechten Situation' machen. Bestenfalls also eine halbwegs brauchbare Zweitverertung, rein für die genannten Zwecke/Experimente hätte man wohl nie einen oder gar zwei Satelliten in die Umlaufbahn geschossen. Besser als Abschalten ist natürlich jede Verwendung, zum Glück wird das aber erst, wenn man dadurch eine überraschende Erkenntnis gewinnt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.