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Galileo: Wegweiser im Weltraum

Foto: ESA/ M. Pedoussaut

Europäisches Navigationssystem Was wurde aus... Galileo?

Endlich unabhängig von den USA, Russland und China: Die Europäer träumen von ihrem eigenen Navigationssystem im All. Am Freitag starten die nächsten Satelliten für Galileo, doch das Projekt ist mühselig und teuer.

Diesmal sind also Alba und Oriana dran. Jedes Mal, wenn eine Rakete Satelliten des Navigationssystems Galileo ins All bringt, tragen diese jeweils den Namen eines Kindes, das vor Jahren mal einen Malwettbewerb der EU-Kommission gewonnen hat. Aus jedem Land gibt es einen Preisträger, wie es sich eben gehört in Europa.

Am Freitagmorgen (04.08 Uhr MESZ) starten nun die Galileo-Satelliten Nummer 9 und 10 mit einer "Sojus"-Rakete ins All, benannt eben nach den Siegerkindern aus Spanien und Frankreich. Doch auch die beiden neuen Geräte werden noch längst nicht ausreichen, um den Probebetrieb von Galileo zu starten. Das könnte 2016 soweit sein. Vielleicht.

Noch in diesem Jahr sollen zwei weitere Satelliten ins All gebracht werden, um der Einhaltung dieses Versprechens zumindest näher zu kommen. Wenn 18 funktionierende Navigationshelfer im Orbit sind, in rund 23.200 Kilometern Höhe, sollen erste Dienste für die Nutzer angeboten werden. Einmal komplett soll das System dann aus 30 Satelliten bestehen, 27 im Dauereinsatz und drei Ersatzkandidaten.

Im Vergleich zum ursprünglichen Zeitplan liegt das europäische Navigationssystem weit zurück. Immer wieder bot es den Beteiligten reichlich Anlass zum Ärgern: Da floppte etwa der angestrebte Betrieb des Verbundes durch ein Industriekonsortium, stattdessen musste die EU-Kommission einspringen. Galileo ist längst viele Milliarden Euro teurer als ursprünglich veranschlagt. Dass es sich eines Tages einmal, wie geplant, selbst finanzieren kann, daran glaubt niemand mehr.

"Nicht alle Satelliten funktionieren, wie wir das geplant haben"

Da waren aber auch die beiden Satelliten, die vor einem Jahr auf falschen Umlaufbahnen landeten - und unter hohem Treibstoffverbrauch auf korrigierte Orbits gebracht werden mussten. Und da sind die massiven technischen Probleme, die mittlerweile bei mindestens einem der ersten ins All geschossenen Exemplare aufgetreten sind.

"Nicht alle Satelliten funktionieren, wie wir das geplant haben", sagt auch Esa-Chef Johann-Dietrich Wörner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Einer der ersten Testsatelliten sende inzwischen überhaupt nicht mehr. Bei einem anderen sei eine von vier Uhren defekt. Hinzu kommen die zwei Satelliten, die nicht im richtigen Orbit sind. "Die müssen wir eventuell ersetzen", sagt Wörner.

Galileo, das macht Wörner klar, wird auf lange Zeit ein Thema bleiben - und später auch frisches Geld der europäischen Staaten brauchen. Auch wenn man bei der Esa heute noch nicht weiß, wie viel: "Ich habe im Moment noch keinen Überblick, welche finanziellen Auswirkungen das haben wird", sagt Wörner. Wichtig ist ihm aber eines: Das GPS-Programm habe am Anfang auch jahrelang Probleme gehabt. "Davon haben wir bloß nie etwas erfahren."

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Nach Jahren der Diskussion, der organisatorischen und technischen Probleme nähert sich das Projekt einem Punkt, wo es zumindest einen Teil der von seinen Befürwortern einst gegebenen Versprechen einlösen kann. Nicht nur um Navigation für Autos oder Fußgänger geht es, sondern auch um führerlose Züge, Schiffe oder Flugzeuge.

Frequenzen werden auch von China genutzt

Man kann sich fragen: Wofür das alles? Wofür dieses europäische Koste-es-was-es-wolle-Navi? Das amerikanische GPS-System funktioniert weltweit ebenso gut wie das russische Glonass. Vermutlich wird auch das chinesische Beidou - trotz auch hier bestehender Verzögerungen - schneller komplett einsatzbereit sein als die europäische Konkurrenz.

Die Europäer haben auf solche Argumente stets mit strategischen Erwägungen geantwortet. "Wir bauen ein System, das europäische Unabhängigkeit sichert und helfen dabei, eine industrielle Basis in Europa zu bauen", sagte etwa Daniel Calleja Crespo  von der EU-Kommission beim Start der letzten Satelliten im März.

Im Gegensatz zu den anderen Systemen sei Galileo nicht militärisch kontrolliert, das war immer das wichtigste Argument. Man legte aber auch stets Wert darauf, nicht gegen die anderen Systeme - allen voran GPS - zu arbeiten, sondern sie zu ergänzen.

Mindestens ein Problem bei diesen Erwägungen gibt es freilich: Chinas Beidou-Satelliten nutzen dieselben Frequenzen wie die Europäer. Das wird vor allem dann wichtig, wenn jemand absichtlich die Satelliten aus dem Reich der Mitte stört - denn der knipst die Galileo-Technik gleich mit aus. "Die Chinesen haben die Frequenzen offenbar so gewählt, dass sie sich einen Schutz der eigenen Satelliten erhoffen", mutmaßte Esa-Chef Wörner vor einiger Zeit in einem Interview .

Brandbrief der Industrie

Bei den kommenden Galileo-Starts sollen vier statt wie bisher zwei Satelliten auf einmal ins All gebracht werden - weil neben der "Sojus"-Rakete in Französisch-Guayana auch die leistungsfähigere Ariane zum Einsatz kommt.

Die Innereien der nächsten Galileo-Satelliten werden gerade vom britischen Unternehmen Surrey Satellite Technology gefertigt. Zusammengebaut wird dann alles bei OHB in Bremen. Je vier Atomuhren bilden das technische Herz der fliegenden Navigationshelfer. Daraus werden dann die Navigationssignale erzeugt und zur Erde geschickt.

Galileo soll mehrere Dienste anbieten:

  • Ein kostenloser offener Dienst (Open Service, OS), mit dessen Hilfe Autos metergenau auf Kurs kommen oder Grundstücke vermessen werden können.
  • Ein kostenpflichtiger und verschlüsselter Dienst (Commercial Service, CS), der noch mehr Präzision verspricht.
  • Ein Dienst für sicherheitskritische Anwendungen (Safety-of-Life, SoL), zum Beispiel im Luft- und Schienenverkehr, der unter anderem davor warnt, wenn die Qualität der Satellitensignale schwankt.

Dazu sollen bei vollem Ausbau des Systems zwei weitere Dienste kommen:

  • Ein Dienst für staatliche - im Zweifelsfall auch militärische - Aufgaben (Public Regulated Service, PRS), der unter anderem gegen Störungen gesichert ist.
  • Ein Such- und Rettungsdienst (Search And Rescue, SAR), der Notsender zum Beispiel von Schiffen oder Flugzeugen orten kann. Die Notrufsender sollen über den Satelliten auch direkt kontaktierbar sein.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreibt bereits eine Hand voll Testzentren, in Berchtesgaden, Rostock, Braunschweig und in der Nähe von Aachen. Dort wird Technik entwickelt für den Tag, an dem Galileo endlich einsatzfähig ist.

Bald muss Geld für neue Satelliten her

In einem Brandbrief  haben allerdings gerade europäische Hightech-Unternehmen, zusammengeschlossen in der Galileo Services Association, die Regierungen des Kontinents zu mehr Unterstützung aufgefordert. Nur so lasse sich sichern, dass die Investitionen in das Navigationssystem nicht vor allem ausländischen Serviceanbietern zugutekommen.

Ohne weitere Hilfe, so argumentieren die Firmen, hätten die Europäer sonst für viel Geld ein tolles System im All aufgebaut - und die Geschäfte damit würden trotzdem woanders gemacht.

Egal wie: Europas Traum von Wegweiser im All wird noch viel Mühe kosten. "Man braucht nicht zu denken, dass man nur alle Satelliten ins All bringen muss, und dann für ein paar Jahrzehnte seine Ruhe hat", sagt Esa-Chef Wörner. Die Konstellation müsse immer wieder erneuert werden.

"Wenn der letzte Satellit der ersten Serie an seinem Platz ist, muss der erste Satellit der zweiten Generation schon fertig entwickelt sein." Deshalb werde er sich in Kürze an die Esa-Mitgliedstaaten wenden, um Geld für die Entwicklung dieser neuen Satelliten einzusammeln. Die entsprechenden Arbeiten dauerten schließlich ein paar Jahre.

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