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Obama und die Nasa: Begegnung mit gemischten Gefühlen

Foto: JIM YOUNG/ REUTERS

Neue Nasa-Strategie Obama schickt Raumfahrer ans Reißbrett zurück

Barack Obama verordnet der Nasa eine Radikalkur: Bei einem Besuch im Kennedy Space Center hat der US-Präsident das vorzeitige Aus für das neue Raumfahrtprogramm "Constellation" besiegelt. Flüge ins All will er künftig Privatfirmen überlassen - der Frust in der Behörde ist groß.

Das Operations and Checkout Building ist, wie viele Anlagen des Kennedy Space Center, ein eindrucksvolles Monster. In dem historischen, 200 Meter langen, 30 Meter hohen Hangar wurden einst die Module der "Apollo"-Raketen getestet, nebenan wohnten die Astronauten. Seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz, wurde der Bau 2007 feierlich umgewidmet. Fortan sollte dort das neue Raumfahrtprogramm "Constellation" Gestalt annehmen, mit der "Orion"-Kapsel.

US-Präsident Barack Obama

Weltraumbehörde Nasa

Es war also eine bittere Ironie, dass am Donnerstag (Ortszeit) ausgerechnet in dieser Mammuthalle in Florida das kontroverse Aus für "Constellation" besiegelte und die ans Reißbrett zurückbefahl. Mehr als zehn Milliarden Dollar hat das Programm bislang verschlungen. Er verkündete das Aus auf seine Art: mit harten Worten, doch aufmunternden Floskeln, die den Eindruck erwecken sollten, dies sei kein Ende, sondern "erst der Anfang".

"Hier im Kennedy Space Center", begann Obama, der eine Nasa-silberblaue Krawatte trug, "sind wir umringt von Monumenten und Meilensteinen." Hinter ihm standen eine Raumkapsel und ein Raketentriebwerk, vor ihm im Publikum saß der 80-jährige Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond. Obama wurde aber schnell ernst. Die guten, alten Zeiten seien leider vorbei: "All das muss sich ändern."

Die rund 200 handverlesenen Gäste - Vertreter der Nasa, aber auch Emissäre neuer, privater Weltraumfirmen - wussten nicht recht, ob sie darüber klatschen oder ächzen sollten. Es war eine dieser typisch unsentimentalen Obama-Botschaften: Die Vergangenheit ist schön und gut, die Zukunft wird schwer, packen wir's an.

Verhaltener Empfang für Barack Obama

Obama war nach Cape Canaveral auf den Weltraumbahnhof der USA gekommen, um der Nasa all das persönlich und, so sein Vizesprecher Bill Burton, "im Detail zu erklären". Also sprach er vom "nächsten Kapitel", vom "Sprung in die Zukunft", von einer "transformativen Agenda".

Diese optimistischen Schlagworte konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen: Für die vor 51 Jahren gegründete, von Legenden wie Pannen gleichermaßen geprägte Raumfahrtagentur geht es hiermit ums Ganze. Entweder sie denkt drastisch um - oder sie stürzt ab.

Und so empfingen die Nasa-Leute Obama in Florida eher verhalten. Denn die Grundzüge des "kühnen, neuen Kurses" (Weißes Haus) waren bereits durchgesickert und hatten vor allem in der Raumfahrtszene Entsetzen ausgelöst. Kurzum: Obama will das klassische Nasa-Programm abschaffen - zu teuer, zu unsicher, zu komplex - und durch neue, gewagte, doch erst in Jahrzehnten mögliche Technologien ersetzen.

"Niederschmetternd", urteilten die einstigen Apollo-Astronauten Neil Armstrong, Jim Lovell und Gene Cernan in einem offenen Brief an Obama: Die Nasa-Radikalkur werde die seit einem halben Jahrhundert "führende Weltraumnation" USA zur Nation von "zweit- oder sogar drittklassiger Statur" degradieren - eine "lange Abwärtsfahrt zur Mittelmäßigkeit".

Obamas Pläne sind in der Tat harsch. Er strich das 2005 von Vorgänger George W. Bush ausgerufene "Constallation"-Programm, das den in den Ruhestand tretenden Space Shuttles nachfolgen und US-Astronauten mit der "Orion" zurück zum Mond und später auch zum Mars bringen sollte. Es war jetzt schon um Jahre hinterher und viel zu teuer geworden.

Der Nasa werden die Flügel gestutzt

Internationalen Raumstation ISS

Stattdessen werden die Ambitionen der Nasa gestutzt: Sie soll zwar weiter Astronauten zur bringen, aber mehr erst mal nicht. Das soll die Nasa außerdem gemeinsam mit Privatfirmen verwirklichen - "von jungen Start-ups bis zu etablierten Führern", so Obama in Florida. Deren Wettbewerb werde "die Raumfahrt einfacher und erschwinglicher machen".

Die "Orion"-Kapsel wird dafür zu einer Art Weltraum-Rettungsboot umfunktioniert, falls bei diesen Einsätzen etwas schiefgeht - ein kleines Trostpflaster, das Obama den Kritikern seiner Pläne noch nachträglich zugestand.

"Ein etwas ein riskanter Vorschlag", sagte John Logsdon, der frühere Direktor des Space Policy Institute an der George Washington University, der "New York Times". "Aber wir stecken in Technologien fest, die wir in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt haben."

Das kommerzielle Outsourcing soll der Nasa Zeit geben, sich technologisch komplett neu zu erfinden, um dann eines Tages aufs Neue selbst die Eroberung des Weltalls jenseits von Mond und Mars anzupeilen - nur besser. "Wir wollen bedeutende Durchbrüche", forderte Obama. Spätestens 2025 soll es eine Rakete geben, die nicht nur den Mond, sondern auch Asteroiden und gegen 2030 den Mars erreicht.

Obamas Kehrtwende stürzt Nasa in eine Sinnkrise

"Eine Landung auf dem Mars wird kommen", sagte Obama. "Und ich werde sie miterleben."

Insider hören das mit gemischten Gefühlen - trotz einer Budgeterhöhung für die Nasa von sechs Milliarden Dollar bis 2015. Sie fürchten, dass das Ende von "Constellation" sie um Jahre zurückwirft. Dabei geht es ihnen nicht nur um den Stolz der Institution. Es geht ihnen um die nationale Sicherheit und die aktuellen Konsequenzen für viele Wirtschaftszweige, die von der Weltraumtechnologie abhängen: Luftfahrt, Ölerkundung, Fernsehen, Mobilfunk - und nicht zuletzt die US-Rüstungsindustrie.

Für viele an der Nasa ist die Kehrtwende nur der jüngste Schlag. Budgetkürzungen, Managementprobleme, Unfälle wie die Katastrophe der Raumfähre "Columbia" 2003 und die nahende Pensionierung des gesamten Shuttle-Flotte haben die Behörde so schon in eine Sinnkrise gestürzt. Jetzt nimmt Obama ihnen auch noch das "Constellation"-Projekt.

Der Groll sitzt tief. Das Weiße Haus hatte die Nasa selbst viel zu spät und leger über die Pläne informiert. Selbst das Top-Management erfuhr erst kurz vor der Öffentlichkeit vom Ende des "Constellation"- Programms. Sogar um Obamas Florida-Visite gab es intern Zank.

Von den Russen abhängig

Im Kongress regt sich ähnlicher Widerstand. Die Übergangsphase bis zur neuen US-Raumfahrtgeneration, so die Befürchtung, verschaffe anderen Ländern einen Vorsprung.

"Wir müssen die Lücke im US-Raumflug schließen oder uns der Realität stellen, dass wir beim Zugang zum All völlig auf Russland angewiesen sind", warnt die Senatorin Kay Bailey Hutchison, eine Republikanerin aus Texas, wo die Nasa ihren Hauptsitz hat.

Hutchison verweist darauf, dass das Space-Shuttle-Programm dieses Jahr ausläuft, mit nur noch drei weiteren Starts. "Russland und China werden dann die einzigen Nationen der Welt sein, die Menschen ins All bringen können. Das ist inakzeptabel." Hinzu kommen Indien und Brasilien, die auch ins All streben.

Ein weiteres Argument: Arbeitsplätze. Das 100-Milliarden-Dollar-Vorhaben "Constellation" hätte 25.000 Jobs geschaffen und den Vertragspartnern der Nasa - Boeing, Lockheed Martin, Alliant - mehr als 60 Milliarden Dollar Umsatz beschert. So sollte Lockheed Martin die "Orion" bauen, nun bleibt nur noch ein Skelett. Da hilft auch Obamas Zusage wenig, der neue Kurs stelle landesweit mehr als 10.000 neue Stellen "über die nächsten Jahre" in Aussicht.

Hoffnung auf den Goldrausch

Nicht alle kritisieren Obamas Pläne. "Als ein Apollo-Astronaut weiß ich, wie wichtig es ist, sich bei der Erforschung des Alls an ganz neue Grenzen zu wagen", erklärte Buzz Aldrin, der 1969 nach Armstrong als Zweiter den Mond betrat. Obama unterstrich diesen Punkt am Donnerstag mit klaren Worten: "Einige glauben, dass wir als erstes wieder versuchen sollten, zur Mondoberfläche zurückzukehren." Doch wozu? "Buzz war doch schon mal da."

Andere erhoffen sich einen Goldrausch. Das war auch in Florida gut zu sehen: Ganz vorn im Publikum saßen fünf Top-Manager von SpaceX, einer kalifornischen Firma, die eine eigene Transportrakete entwickelt hat. Die könnte die Lücke nach "Constellation" füllen. Vorstandschef Elon Musk, Gründer der Ebay-Tochter PayPal, ist erst 38. Am Donnerstag begleitete er Obama beim Nasa-Rundgang.

Der tat dabei sein Bestes, die Zweifler zu überzeugen. Zweieinhalb Stunden nahm er sich Zeit an diesem windigen Nachmittag, um unter Beweis zu stellen: "Ich bin der Mission der Nasa und ihrer Zukunft 100-prozentig verpflichtet." Eine Rakete, die er sich zeigen ließ, war eine brandneue Falcon 9, die soll demnächst Fracht zur Raumstation befördern.

Auf der Seite des 54 Meter langen, weiß-schwarzen Zylinders stand in großen Buchstaben der Name des Herstellers: SpaceX.