Neue Raumanzüge Haute Couture für den Mond

Die Nasa will schon bald zurück zum Mond, doch ihre Astronauten haben noch nichts Passendes anzuziehen. Höchste Zeit für eine neue Modekollektion. Die Raumfahrerkluft hat, was irdischen Designer-Anzügen fehlt: eine eingebaute Hightech-Windel.

Experimenteller Anzug im Test (in North Dakota, Mai 2006): Sechs bis acht Jahre soll ein Anzug halten
AP

Experimenteller Anzug im Test (in North Dakota, Mai 2006): Sechs bis acht Jahre soll ein Anzug halten

Von


Berlin - Irgendwann ging es einfach nicht mehr, beim besten Willen nicht. Als Alan Shepard im Mai 1961 als erster Amerikaner auf dem Weg ins All war, wurde der Start seiner "Redstone"-Rakete unmittelbar vor dem Start immer wieder verschoben. Shepard saß stundenlang in seiner "Mercury"-Kapsel, die er "Freedom 7" getauft hatte - und musste dringend auf Toilette.

Doch für ein kleines Bedürfnis hatten die Nasa-Ingenieure keine Vorkehrungen getroffen. Das wäre auch gar nicht nötig gewesen, denn eigentlich sollte Shepard eine Viertelstunde nach dem Start schon wieder auf der Erde sein. Und nun? Der Astronaut tat, was er tun musste - und vertraute auf die Saugfähigkeit seiner dicken Unterhosen. Aus Angst vor einem Kurzschluss waren die elektrischen Systeme des Raumanzugs kurzzeitig abgestellt worden.

Immerhin, die Nasa-Verantwortlichen hatten aus der Episode etwas für die Zukunft gelernt. Seit den Kindertagen der Raumfahrt hat sich der Astronautenanzug stetig weiterentwickelt. Und nun schickt sich die Nasa an, einen weiteren modischen Zeitenwechsel im All einzuläuten. Es geht um die zukünftige Ausstattung der Astronauten für Reisen zur Internationalen Raumstation, zum Mond - und vielleicht auch zum Mars.

Für die Missionen der Zukunft wird die US-Weltraumbehörde ihrem bisherigen Hoflieferanten untreu. Jahrzehntelang wurden die Anzüge bei der zum UTC-Konzern gehörenden Firma Hamilton im Bundesstaat Connecticut gefertigt. Doch damit ist nun Schluss. Für UTC war die Wechselankündigung ein Schock, war man doch bis dahin der absolute Platzhirsch - und hatte seit 1966 die Nasa-Anzüge produziert; zunächst als Maßanfertigung, später, für die Shuttle-Astronauten, als Produkt im Baukastensystem.

In Zukunft kommt die Bekleidung der US-Astronauten nun aus Texas. Unlängst hat die Raumfahrtbehörde einen 184-Millionen-Dollar-Auftrag an die Firma Oceaneering vergeben, die bisher vor allem mit Spezialausstattung für die Öl- und Gasindustrie ihr Geld verdient hatte. Nun darf sie das sogenannte Constellation Space Suit System (CSSS) für die Nasa entwerfen und produzieren. Der Vertrag läuft zunächst einmal sechs Jahre - doch eine Verlängerung dürfte nicht unwahrscheinlich sein.

Wahrscheinlich wird Oceaneering mit dem Auftrag auch mehr Geld verdienen als die derzeit in Aussicht gestellten 184 Millionen Dollar. Der Auftrag umfasst nämlich bisher nur die Produktion neuer Anzüge für die Reise zur Internationalen Raumstation ISS. Neue Anzüge für Einsätze auf dem Mond sollen die Texaner zwar entwickeln, für die Produktion wären aber mehrere hundert Millionen Dollar zusätzlich fällig. Im Extremfall würde das Paket dann 109 Anzüge - 24 davon für Mondspaziergänge - im Gesamtwert von 745 Millionen Dollar umfassen.

Für den trockenen Po: Maximum Absorbency Garment

Die Anforderungen an den neuen Anzug sind hoch: Während die "Apollo"-Astronauten auf dem Mond sehr steife Raumanzüge trugen, sollen die neuen Modelle deutlich flexibler werden, heißt es bei der Nasa. So sollen Astronauten in die Lage versetzt werden, sich um ihre eigentlichen Aufgaben auf dem Mond zu kümmern, ohne sich Gedanken über die Fortbewegung zu machen. Dazu sollen die neuen Anzüge auch um einiges leichter werden.

Trotzdem müssen auch die neuen Modelle ein hohes Maß an Schutz bieten: vor den Extremtemperaturen des Alls, vor Mondstaub, Mikrometeoriten und so weiter. Im Prinzip ist ein Astronautenanzug eine Art Mini-Raumschiff: Alle Lebenserhaltungssysteme funktionieren autonom; eine Kühlung sorgt dafür, dass die Raumfahrer keinen Hitzeschlag bekommen. Eine Art Baukastensystem soll es im Übrigen ermöglichen, die Anzüge für Einsätze im freien Weltraum, etwa an der ISS, und für Missionen auf dem Mond anzupassen.

Eine weitere wichtige Anforderung an die neuen Anzüge ist, dass sie nur wenig Pflege benötigen. Schließlich muss die Ausstattung im Astronautenkleiderschrank auf dem Mond eine Missionsdauer von bis zu sechs Monate verkraften. Sechs bis acht Jahre soll ein Raumanzug insgesamt halten und danach noch für das Astronautentraining bereitstehen.

Das Problem mit den kleinen Bedürfnissen im All wird übrigens auch heute noch im Stil der Zeit von Alan Shepard gelöst. Mittlerweile tragen die Astronauten besonders saugfähige Unterwäsche, bezeichnet als Maximum Absorbency Garment (MAG). In dem delikaten Kleidungsstück, das wie eine Erwachsenenwindel funktioniert, saugt ein Polyacrylat die Körperflüssigkeiten so gut wie möglich weg - im Zweifelsfall künftig auch bei Spaziergängen auf dem Mond.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.