Satellitenbild der Woche Big Bang im Schwabenland

Das Städtchen Nördlingen fasziniert mit seiner malerischen Mittelalterarchitektur. Doch vor 15 Millionen Jahren ereignete sich in der Region eine unvorstellbare Katastrophe. Spuren davon sieht man auch aus dem All.

Kreisrund angelegte Stadt Nördlingen (unten links) im Nördlinger Ries
ESA

Kreisrund angelegte Stadt Nördlingen (unten links) im Nördlinger Ries


Selbst aus dem All betrachtet, vermittelt das Örtchen Nördlingen noch einen Hauch schwäbische Beschaulichkeit.

Die roten Dächer des 20.000-Einwohner-Städtchens zwischen den sorgfältig angelegten Feldern sind so kreisrund, als hätten die Stadtgründer einst einen gigantischen Zirkel benutzt, um das Stadtgebiet festzulegen. Auf dieser Satellitenaufnahme ist der größte Ort des sogenannten Nördlinger Ries zwischen Stuttgart und Ingolstadt im unteren, linken Bildabschnitt zu erkennen.

Obwohl im Ries schon in der Steinzeit Menschen lebten und später die Römer in Nördlingen ein Militärlager errichteten, ist der Ortskern heute vor allem von malerischer Mittelalterarchitektur geprägt. Die Stadtmauer mit dem alten Wehrgang ist noch so gut intakt, dass man hier immer noch Wachen patrouillieren lassen könnte.

Wenn man in der Geschichte der Region sehr, sehr weit zurückgeht, ist es mit der Beschaulichkeit nicht mehr so weit her. Vor rund 15 Millionen Jahren ereignete sich hier eine unvorstellbare Katastrophe.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Damals, im Zeitalter des Miozäns, unterschieden sich Gelände und Klima stark vom heutigen. Sümpfe und Wälder prägten eine Subtropenlandschaft, durch die Urzeittiere stapften. Von der Gefahr aus dem All, die mit 70.000 Kilometern pro Stunde heranraste, war nichts zu erahnen.

Es muss eine gigantische Explosion gewesen sein, die der Meteorit verursacht hat. Der Brocken war wohl mehr als einen Kilometer dick, bei dem Aufprall wurde er regelrecht pulverisiert und erzeugte die Energie von Tausenden Atombomben. Es herrschten Temperaturen von über 25.000 Grad Celsius am Einschlagsort, jedes Leben im Umkreis von hundert Kilometern erlosch augenblicklich. Gesteinsbrocken wurden Hunderte Kilometer weit geschleudert.

Stadtansicht von Nördlingen mit mittelalterlicher Stadtmauer
blickwinkel/ imago images

Stadtansicht von Nördlingen mit mittelalterlicher Stadtmauer

In der Zeit nach dem Einschlag bildete sich in dem knapp 25 Kilometer großen Krater, den der Einschlag hinterlassen hatte, ein Gewässer etwa so groß wie der Bodensee. Später verlandete es und hinterließ die flache Landschaft des Ries.

Heute sind die Spuren der Katastrophe selbst aus der Höhe des Weltalls nur noch schwer zu erkennen. Ein bewaldeter Kreis um die vielen Felder bildet die Kraterränder. Der flache Boden innendrin ist ideal für die Landwirtschaft geeignet.

Dass die Einwohner von Nördlingen heute überhaupt von der Meteoritenkatastrophe wissen, verdanken sie zwei US-Geologen. Aufgrund von Gestein, das vulkanischem Tuff ähnelt, hatten Forscher lange vulkanische Aktivitäten für die Entstehung der Landschaft verantwortlich gemacht. Erst zu Beginn der Sechzigerjahre konnten Eugene Shoemaker und Edward Chao nachweisen, dass ein Meteorit das so genannte Ries-Ereignis verursacht hatte.

Planspiel zur Rettung der Erde

Auch deshalb hat sich Nördlingen inzwischen zu einer Touristenattraktion mit einem eigenen Museum zum Rieskrater entwickelt. Aber die meisten Besucher treibt die Mittelalterromantik in den Ort, so die Europäische Weltraumorganisation Esa, die das Bild mit einem ihrer Erdbeobachtungssatelliten gemacht hat.

Dass einer der Millionen Asteroiden und Meteoroide, die im All herumschwirren, auf der Erde einschlägt und für eine Megakatastrophe sorgt, ist übrigens gar nicht so abwegig. Forscher befassen sich schon länger mit Strategien, um solche Einschläge zu verhindern. So fand erst vergangene Woche an der University of Maryland in der Nähe der US-Hauptstadt Washington ein Planspiel statt. Dabei sollten Forscher einen Weg finden, um die Welt vor dem Einschlag eines maximal 300 Meter großen Brocken zu schützen. Ein bisschen so wie Bruce Willis in "Armageddon".

Rätselhafte Explosion: Der große Knall in Tunguska

ZDF Enterprises

joe

insgesamt 17 Beiträge
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Tom20170804 06.05.2019
1. Lieber auf dem Mars buddeln
Genau solch ein Beitrag für ein Abwehrszenario wurde vor einigen Jahren vorgeschlagen, Zusammenarbeit NADA/ESA, Mission: "AIM". Bei ESA entschied man damals am Ende, lieber die Gelder für einen neuen Versuch auszugeben, auf dem Mars zu landen. Asteroiden-Abwehr wäre für den Steuerzahler praktischer angelegtes Geld, als Spielchen auf dem Mars. Mal sehen, wozu ESA sich nun aufrafft.
Sibylle1969 06.05.2019
2.
Wenn man mit dem Fahrrad durch das Nördlinger Ries fährt, eine Fahrradtour, die ich sehr empfehlen kann, kann man den Kraterrand im Übrigen sehr gut in der Landschaft erkennen.
schwerpunkt 06.05.2019
3.
"Der Brocken war wohl mehr als einen Kilometer dick, bei dem Aufprall wurde er regelrecht pulverisiert und erzeugte die Energie von Tausenden Atombomben." Das mit der Energie von tausenden Atombomben ist eine gelinde Untertreibung. Soviel Energie bringt bereits ein deutlich kleinerer Asteroid ein. Bei dem Brocken, der das Nördlinger Ries bildete, dürfte die freigewordene Energie eher in die Millionen gehen.
rob33 06.05.2019
4. Wunderschöne Gegend
Nördlingen ist eine Reise wert. Das mittelalterliche Städtchen mit ihrer einzigartigen Stadtmauer lädt zum Entdecken ein. Von verschiedenen Aussichtsplätzen (z.B. Turm "Daniel", Wallersteiner Felsen,..) kann man den Krater sehr gut erkennen. Mehrere Geotope laden zum Wandern ein und geben weitreiche Antworten zur Entstehung dieser schönen Landschaft. Ich komme wieder!
bettyblue 06.05.2019
5. Schwabenland?
Nördlingen liegt in Bayern direkt an der Grenze zu Baden Württemberg.
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