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08. Dezember 2012, 12:45 Uhr

Kritik an Weltraumbehörde Nasa

Ziellos im Weltall

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Die Nasa hat ihren Kompass verloren: Der Weltraumbehörde fehlt ein Ziel, das die eigenen Mitarbeiter oder gar die USA begeistern könnte. Ein Expertenbericht, von der Nasa selbst in Auftrag gegeben, offenbart jetzt das ganze Ausmaß der Misere.

Noch im Sommer schien die Welt in Ordnung: "Was Sie erreicht haben, verkörpert den Geist Amerikas", erklärte Präsident Obama am 13. August in einer Grußbotschaft an das Jet Propulsion Laboratory (JPL). "'Curiosity' wird uns viel Neues lehren und sogar den Grundstein für einen bemannten Flug zum Mars legen." Die JPL-Ingenieure hatten kurz zuvor das automatische Marsmobil "Curiosity" sicher auf dem Roten Planeten gelandet.

Doch die schönen Worte täuschen: Die Wirklichkeit des US-Weltraumprogramms ist desolat. Das bestätigte nun auch ein von der Nasa beauftragtes unabhängiges Expertengremium. Es bescheinigt der Weltraumbehörde, keine klare Marschroute zu haben. In ihrem am Donnerstag vorgestellten Bericht kritisiert das National Research Council (NRC) vor allem das Fehlen eines breiten nationalen Konsens darüber, welche Projekte im All vorangetrieben werden sollen.

Niemals zuvor habe er die Nasa so ziellos dahintreiben gesehen, sagte Ex-Astronaut Robert Crippen, der 1981 den ersten Flug eines Space Shuttles steuerte. Heute gehört Crippen zum zwölfköpfigen NRC-Expertenteam. Seitdem die US-Raumfähren 2011 ins Museum verbannt wurden, müssen sich amerikanische Astronauten mit russischen "Sojus"-Kapseln zur Internationalen Raumstation (ISS) chauffieren lassen - ein willkommenes Zubrot für die Russen.

Zudem ist die ISS bei den Amerikanern unpopulär. Das in etwa 350 Kilometern Höhe kreisende Labor wird als kein echter Schritt ins All wahrgenommen. Höher hinaus geht es aber derzeit auch nicht: Obama hat das von seinem Amtsvorgänger George W. Bush verkündete Mondprogramm gestrichen. Es sah vor, gegen Ende dieses Jahrzehnts eine bemannte Station auf dem Erdtrabanten zu errichten, war aber durch massive Unterfinanzierung schon unter Bush soweit in Verzug, dass eine Fortführung nicht mehr vertretbar erschien.

Zu viel mit zu wenig

Aber wohin soll die Reise gehen? "Bei der bemannten Raumfahrt verfolgt die Nasa momentan das Ziel, bis 2025 einen Asteroiden zu besuchen", erklärt Albert Carnesale von der University of California in Los Angeles, Leiter des NRC-Komitees. Dieses Ziel ist als Zwischenstation zu verstehen, eher eine Vorübung für den bemannten Marsflug, welcher für mindestens zehn Jahre später vage in Aussicht gestellt wird.

Doch einen kleinen kosmischen Felsblock mit dem immensen Aufwand einer bemannten Mission anzusteuern, begeistert nach Überzeugung des NRC kaum jemanden. "Wir sehen nur begrenzte Hinweise, dass die Mehrheit der Nasa-Mitarbeiter darin ein überzeugendes Ziel sieht", so Carnesale.

Die NRC-Experten hatten zehn Nasa-Institute in den USA untersucht, darunter auch das kalifornische JPL. Zusätzlich befragten sie fast 800 Mitarbeiter. Dabei sei deutlich geworden, dass die Weltraumbehörde zu viele Ziele gleichzeitig verfolge. Das vom Kongress genehmigte Budget, das im vergangenen Jahrzehnt im Wesentlichen konstant war, reiche dafür vorne und hinten nicht. Denn die zahlreichen Projekte umfassten ein weites Feld von Themen, neben der bemannten Raumfahrt auch die wissenschaftliche Erforschung des Alls, die Erdbeobachtung und die Luftfahrtforschung. Kurzum: die Nasa verzettelt sich.

Der Bericht nennt vier Optionen, um aus der misslichen Lage herauszukommen:

Doch gerade auf internationaler Ebene wächst die Unfähigkeit der Nasa zu gemeinsamen großen Missionen, beispielsweise mit der Europäischen Weltraumbehörde Esa. Hauptsächlich ist dies der Kostenexplosion beim "James Webb"-Weltraumteleskop geschuldet. Gegen Ende des Jahrzehnts soll es die Nachfolge des in die Jahre gekommenen "Hubble"-Teleskops antreten. Die Kosten sind zuletzt auf geschätzte 8,7 Milliarden Dollar gestiegen.

Das gesamte Forschungsbudget der Nasa steht deshalb unter Druck. Die Folge: Andere Missionen werden auf Eis gelegt. So zog sich die Nasa aus Kostengründen weitgehend aus dem "ExoMars"-Projekt zurück, ebenso aus Projekten zur Grundlagenforschung wie dem Gravitationswellen-Observatorium "Lisa". Das gleiche gilt für die Mission ins Jupiter-System - die wird die Esa nun Anfang des kommenden Jahrzehnts im Alleingang wagen.

Immerhin hat die Obama-Regierung die unbemannte Marsforschung noch nicht völlig aus den Augen verloren. Zwei Tage vor der Veröffentlichung des NRC-Reports verkündete der Wissenschaftschef der Nasa Pläne für ein neues Marsmobil nach dem Vorbild von "Curiosity", Startdatum wäre das Jahr 2020. Das dürfte jedoch kaum ausreichen, um an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen. Der kommende Kurs der Nasa wird deshalb wohl vor allem ein Schrumpfkurs sein.

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