Panne beim Start Fehlgeleitete Mars-Sonde blamiert Russlands Raumfahrt

Es sollte die Wiedergeburt der russischen Raumfahrt werden, doch eine Panne könnte den Traum jäh zerstören: Die Sonde "Phobos-Grunt" hat kurz nach dem Start die Übergangsbahn auf dem Weg zum Marsmond verfehlt. Noch können die Ingenieure die Mission retten - doch die Zeit wird knapp.

AFP

Moskau - Der riesige graue Plattenbau an der Straße der Gewerkschaften im Moskauer Südwesten wirkt nicht wie ein Ort, an dem große Wissenschaft betrieben wird. Vor dem Gebäude donnert der Verkehr auf acht Spuren vorbei, drinnen, im schmucklosen Foyer, empfangen den Besucher Bohnerwachsgeruch und strenge Polizistenblicke. Und doch arbeiten hier, am Institut für Weltraumforschung (IKI), Wissenschaftler, die zur internationalen Elite ihres Fachs zählen.

An diesem Morgen scheinen sich manche Forscher am IKI zu fühlen wie Verurteilte, die doch noch auf Gnade hoffen. "Es geht für viele von uns um jahrzehntelange Arbeit", sagt Alexander Sacharow, Physiker und wissenschaftlicher Sekretär des IKI. "Wenn diese Mission scheitert, dann..." Der bescheiden wirkende 70-Jährige macht eine lange Pause, es fällt ihm schwer, den Satz zu beenden.

In der Nacht zum Mittwoch startete vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur die Mars-Sonde "Phobos-Grunt" - eine extrem ehrgeizige Mission, die hier am IKI erdacht und konzipiert wurde, Sacharow ist ihr Chefwissenschaftler. Zunächst lief alles perfekt: Die Rakete brachte den 13,5 Tonnen schweren Apparat problemlos in die vorgesehene Umlaufbahn. Doch dann zündete das Triebwerk nicht, das die Sonde auf Mars-Kurs bringen sollte. Bisher herrscht Unklarheit über die Ursache des Fehlers. Ingenieure im Raumfahrtkontrollzentrum hoffen, dass es nur ein Software-Fehler war, dann ließe sich die Mission möglicherweise noch retten.

Es sollte die Wiedergeburt der russischen Raumfahrt werden

"Phobos-Grunt" ist - nach der gescheiterten Mission "Mars-96" - nicht nur Russlands erste interplanetare Mission seit 15 Jahren, sondern auch eines der ehrgeizigsten Vorhaben der Raumfahrtgeschichte überhaupt: Wenn die Reise der Sonde zum Roten Planeten doch noch gelingt, soll sie Anfang 2013 ein Landegerät auf dem kleinen Marsmond Phobos absetzen. Das würde dort Bodenproben nehmen und sie anschließend zur Erde zurückbringen. Bis zu 200 Gramm Material sollen auf dem kartoffelförmigen Mond geschürft werden, im August 2014 sollen sie in einer Rückkehrkapsel auf dem Gelände der russischen Militärbasis Sary Shagan in Kasachstan landen.

Es ist der erste Versuch, makroskopische Proben von einem Himmelskörper jenseits des Monds zur Erde zu bringen. Russland will sich mit der 120 Millionen Euro teuren Mission technologisch und wissenschaftlich eigentlich wieder an der Spitze der Weltraumforschung zurückmelden. "Wir hatten noch nie so eine komplizierte Forschungsmission im All", sagt Alexander Sacharow. "Für uns würde sie die Wiedergeburt unserer Raumfahrt bedeuten."

Statt Renaissance nun eine weitere Panne. Schon seit knapp einem Jahr macht Russland mit Raumfahrtunglücken Schlagzeilen: Im August stürzte eine "Sojus"-Rakete mit einem unbemannten "Progress"-Transporter, der Versorgungsgüter zur Internationalen Raumstation ISS bringen sollte, über der südwestsibirischen Altai-Region ab. Kurz zuvor war der 170 Millionen Euro teure Telekommunikationssatellit Express AM-4 in eine zu niedrige Umlaufbahn gelangt. Im Februar ging ein ultramoderner Militärsatellit verloren, im Dezember letzten Jahres stürzten nach einem Raketenfehlstart drei Satelliten für das Navigationssystem Glonass in den Pazifik.

Dabei sehnt Russland das Ende von fast zwei Jahrzehnten Raumfahrtkrise herbei. Der Ministerpräsident Wladimir Putin hat die Raumfahrt zur Chefsache erklärt, der Chef der Raumfahrtagentur Roskosmos, Wladimir Popowkin, will die russische Raumfahrtindustrie von Grund auf reformieren, die Forschung im Weltraum stark wiederbeleben und Russland auf dem Weltmarkt für kommerzielle Satellitenstarts attraktiver machen.

"Raumfahrt ist ein Risikogeschäft"

Neue wissenschaftliche und technologisch aufwendige Raumfahrtmissionen starten oder sind in Planung, neue Raumschiffe und neue Raketen sollen gebaut werden. Nach jahrelanger drastischer Unterfinanzierung gibt das Riesenreich neuerdings wieder deutlich mehr für Raumfahrt aus, in diesem Jahr sollen es umgerechnet etwa 2,5 Milliarden Euro sein. Obwohl nur rund ein Sechstel des Nasa-Budgets, ist es für russische Verhältnisse bereits eine Rekordsumme.

Viele russische Raumfahrtwissenschaftler und -ingenieure sind deshalb trotz der Pannenserie in vorsichtiger Aufbruchstimmung. "Vielleicht gelingt uns die Erneuerung der Raumfahrt", sagt der Planetengeologe Alexander Basilewski vom Moskauer Vernadski-Institut für Geochemie. Der 75-Jährige arbeitet seit mehr als vier Jahrzehnten an Raumfahrtmissionen mit, bei der "Phobos-Grunt"-Mission leitet er das Team, das die Landestelle auf dem Marsmond aussucht. "Wir haben noch immer nicht genug Geld, uns fehlen Experten, es gibt zu viel Bürokratie und Probleme mit dem Management", sagt er. "Aber wir sollten unsere Ambitionen verfolgen, und wir sollten uns auch nicht von Unfällen abschrecken lassen. Auch die Amerikaner hatten ja immer wieder Unglücksphasen. Raumfahrt ist ein Risikogeschäft."

Tatsächlich hat Russland derzeit nicht nur Misserfolge zu verzeichnen: Mitte Juli beispielsweise wurde das Weltraumteleskop "Spektr-Radioastron" erfolgreich ins All gebracht - mit seinem ausklappbaren Zehn-Meter-Parabolspiegel ein technisches Meisterstück und eines der leistungsfähigsten Radioteleskope überhaupt. Im Verbund mit irdischen Radioteleskopen soll es exotische Objekte im Universum wie Radiogalaxien, schwarze Löcher und Quasare, aber auch Ereignisse wie Supernovae und Gammastrahlen-Ausbrüche in bisher nie erreichter Detailgenauigkeit beobachten.

Doch von keiner Mission der letzten Jahre haben sich russische Raumfahrtwissenschaftler und -ingenieure so viel erhofft wie von "Phobos-Grunt". Es ging dabei um viel mehr als nur um den spektakulären Versuch, Bodenproben des Marsmonds Phobos zur Erde zu bringen. An der Mission haben Dutzende russische Wissenschaftlerteams aus fast allen naturwissenschaftlichen Bereichen mitgeplant und -gearbeitet, es war auch der Versuch, Forschung in Russland wieder attraktiv zu machen und den Exodus von Wissenschaftlern und Ingenieuren aufzuhalten.

All das geht Alexander Sacharow durch den Kopf, wenn er sich einen Misserfolg der "Phobos-Grunt"-Mission ausmalt. "Wir haben in den letzten 25 Jahren viele Wissenschaftler und Ingenieure verloren, auch einige Technologien", sagt er mit brüchiger Stimme. "Wenn diese Mission scheitert, dann wird das sehr, sehr schlecht für uns. Dann müssen wir unsere gesamte Raumfahrt von Grund auf überdenken und ganz neu anfangen."

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Seite 1
alexausroßlau 09.11.2011
1. ...
Zitat von sysopEs sollte die Wiedergeburt der russischen Raumfahrt werden, doch eine Panne könnte den Traum jäh zerstören: Die Sonde "Phobos Grunt" hat kurz nach dem Start die Übergangsbahn auf dem Weg zum Marsmond verfehlt. Noch können die Ingenieure die Mission retten - doch die Zeit wird knapp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,796704,00.html
Schon wieder?
Markus Landgraf 09.11.2011
2. Zu früh geschmäht
Solange die Fregat noch Batterieladung hat, sollten wir Fobos-Grunt nicht begraben. Es sieht allerdings nicht gut aus, immer noch im Safe mode .... ad astra
si_tacuisses 09.11.2011
3. Wenn der Autor wüßte, was alles schon vor
Zitat von sysopEs sollte die Wiedergeburt der russischen Raumfahrt werden, doch eine Panne könnte den Traum jäh zerstören: Die Sonde "Phobos Grunt" hat kurz nach dem Start die Übergangsbahn auf dem Weg zum Marsmond verfehlt. Noch können die Ingenieure die Mission retten - doch die Zeit wird knapp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,796704,00.html
Vandenberg in den Pazifik geplumpst ist, würde er nicht einen solchen Schwachsinn verzapfen.
Andrycha 09.11.2011
4. es war ein mal ...
Man kann sagen was man will, aber zur Zeiten des Kommunismus hatte Bildung hohe Priorität. Und eben aus dieser Zeit stammen alle Menschen die das Heutige Raumfahrt Programm von Russland stützen. Aber statt Wissenschaft voranzutreiben und die Fachkräfte zu halten wird lieber die Debile Regierung und Moskau bespaßst.
tactical-user 09.11.2011
5. Titel?!
Zitat von sysopEs sollte die Wiedergeburt der russischen Raumfahrt werden, doch eine Panne könnte den Traum jäh zerstören: Die Sonde "Phobos Grunt" hat kurz nach dem Start die Übergangsbahn auf dem Weg zum Marsmond verfehlt. Noch können die Ingenieure die Mission retten - doch die Zeit wird knapp. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,796704,00.html
Ja, ja...Was für eine Überschrift... Hauptsache die "Russen" runtermachen. Was war denn dann mit dem Fehlstart der Ariane 5 Rakete 1996? Der Resultierte doch aus der Vertauschung von einem "Punkt" mit einem "Komma" im Programmcode? (Korrigieren Sie mich wenn ich falsch liege) Wie gesagt, hauptsache man hat wieder mal einen Anlass die "Russen" runterzumachen.
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