Fotostrecke

Komet Tschuri: Wo ist "Philae"?

Foto: Arne Dedert/ dpa

Kometenlander "Philae" muss jetzt warten

Die Esa hat ihre Strategie geändert: Die Kometensonde "Rosetta" lauscht nicht mehr nach dem Kometenlander "Philae". Weil der zu lange geschwiegen hat, stehen jetzt erst einmal andere Spähaufgaben an.

Viel mehr wissenschaftlicher Ruhm geht kaum. Als am vergangenen Freitag das Magazin "Science" erschien, hatte es ein kleines Kistchen aus Friedrichshafen auf dem Titelblatt. Am Rand eines grauschwarz schimmernden Felsblocks ist der in Deutschland gebaute Kometenlander "Philae" zu sehen - durch ungeplantes Aufsetzen augenscheinlich etwas deformiert. Aber irgendwie doch munter aussehend. In der rechten oberen Ecke des Covers zieht währenddessen die Muttersonde "Rosetta" ihre Bahn.

Die schimmernden Felsen gehören zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, den die meisten nur Tschuri nennen. Irgendwo am Rand eines Kraters namens Hatmehit auf dem Kopf des Kometen, dicht am Äquator, liegt "Philae" seit dem 12. Dezember vergangenen Jahres. Wo genau wissen die Forscher noch immer nicht - auch wenn sie dem Ort längst einen Namen gegeben haben: Abydos. So heißt eine archäologische Stätte am westlichen Nilufer in Ägypten. Dort wurde einst der Gott Osiris verehrt, der wiederum unter anderem für die Wiedergeburt zuständig war.

Und die könnte "Philae" durchaus gut gebrauchen. Zwar berichten Wissenschaftlerteams in "Science" gleich in sieben Einzelartikeln von der Auswertung der bisher gewonnenen Daten. Doch die stammen vor allem aus der Zeit unmittelbar nach dem Aufsetzen.

Zwölf Minuten, dann lange Stille

Seit dem der Lander am 13. Juni nach monatelanger Funkstille wieder aufgewacht ist, hat er sich nur sehr sporadisch bei "Rosetta" gemeldet. Mit "On-off-Beziehung" ist das ganze beinahe noch beschönigend beschrieben.

Im Video: "Philae" ist wieder aufgewacht

SPIEGEL ONLINE

Direkt mit der Erde kommunizieren kann "Philae" nicht, Verbindungen müssen immer über den Orbiter hergestellt werden. Zum bislang letzten Mal hat das am Abend des 9. Juli geklappt. Für lange zwölf Minuten sendete da ein Messgerät seine Daten, das sich mit der inneren Struktur des Kometen befasst. Seitdem herrscht wieder Stille.

Fotostrecke

Tschuri: Der löchrige Komet

Foto: Vincent et al./ Nature Publishing Group

Vor Kurzem hat man sich daher bei der Esa entschieden, dass sich "Rosetta" nicht mehr in erster Linie um eine Verbindung zu dem kapriziösen Landemodul bemühen soll - sondern sich erst einmal um die eigene Arbeit kümmert. "Es ist nicht mehr das primäre Ziel, mit 'Philae' Kontakt zu halten", erklärt Flugdynamikexperte Frank Budnik vom Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt. "'Philae' muss ein bisschen warten."

Nun gehe es vor allem darum, die Südhälfte des Kometen näher in Augenschein zu nehmen. Die habe lange im Dunkeln gelegen, sei aber jetzt in helles Licht getaucht. "Wir kommen immer näher an den sonnennächsten Punkt", sagt Budnik, bei anderen Experimenten müssten die wissenschaftlichen Untersuchungen beginnen. Daher entferne sich "Rosetta" jetzt aus der Gegend, in der ein Kontakt mit "Philae" wahrscheinlich ist.

"Rosetta" zieht rund 170 Kilometer über dem Kometen ihre Bahnen, zwei Mal pro Woche wird der Kurs neu festgelegt. Die Sonde muss einen gewissen Abstand zu Tschuri wahren. Das hat damit zu tun, dass der fliegende Ball aus Schnee und Gestein auf dem Weg zum sonnennächsten Punkt immer aktiver wird. Er sprüht mächtige Staubfontänen ins All. Und die können "Rosetta" gefährlich werden.

Kommandos in die Stille

Die Sonde orientiert sich mit einem Sternensensor. Wenn der gestört wird, weiß sie nicht mehr, wo genau sie sich befindet. Zumal der vom Kometen wegströmende Staub auch noch von der Sonne beleuchtet wird. Das kann den Sensor ganz kirre machen: "Dann detektiert er Sterne, wo keine sind, und findet keine echten Sterne mehr", beschreibt Frank Budnik.

In diesem Fall wechselt die Sonde in einen Sicherheitsmodus, alle wissenschaftlichen Untersuchungen werden unterbrochen. Das ist auch tatsächlich schon so passiert - also passt man bei der Esa auf, nicht zu dicht am Kometen entlangzufliegen.

Und "Philae"? Beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln, von wo aus der Lander kontrolliert wird, ist man immer noch recht zuversichtlich. Wahrscheinlich funktioniere eine der beiden Sendeantennen nicht nach Plan, heißt es. Sonst gebe es aber keine Hinweise auf größere Schäden. Im Prinzip könne der offenbar recht schattige Lageplatz sogar dabei helfen, dass die Maschine nicht überhitzt. Vielleicht bis zum Oktober seien Experimente möglich.

Wenn "Philae" sich wieder mal meldet.

So lange der Lander schweigt, arbeiten die Experten am sogenannten Bodenmodell. Das ist ein Nachbau des Geräts auf dem Kometen. Hier lassen sich die Kommandos testen, die weiterhin an "Philae" gesendet werden. Blind, sozusagen, solange sich der Roboter nicht wieder meldet.

Die Idee ist einfach: Wenn Philae die Kommandos irgendwann doch hört, soll er am besten schon einmal anfangen mit dem neuerlichen Datensammeln. Beim nächsten erfolgreichen Funkkontakt könnten die Informationen dann gleich zur Erde geschickt werden.

Bisher hätten die Kontaktversuche mit "Philae" immer stattgefunden, wenn es für den Lander morgens gewesen sei, sagt Frank Bundnik. Nach den aktuellen "Rosetta"-Untersuchungen auf der Südseite des Kometen werde man die Strategie aber ändern, sagt Budnik. "Das könnte auch ein Vorteil sein, da er den ganzen Tag hatte, um seine Batterien aufzuladen."

Zusammenfassung: Wissenschaftler wissen ungefähr, wo der Landeroboter "Philae" auf dem Kometen Tschuri liegt, aber nicht, was ihm fehlt. Er kommuniziert nur selten mit der Sonde "Rosetta", die seine Daten zur Erde weiterleitet. Beim DLR schickt man blind Kommandos, hoffend, dass "Philae" sie hört. Das wird jetzt unwahrscheinlicher, weil die Esa die Flugroute von "Rosetta" geändert hat. Die Sonde soll mehr eigene Wissenschaft betreiben.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.