Physik-Nobelpreisträger "Ich bin sehr gerührt"

Der eine zeigte sich überrascht, der andere sah alte Hoffnungen erfüllt: Riccardo Giacconi und Masatoshi Koshiba, zwei der drei neuen Physik-Nobelpreisträger, reagierten ganz unterschiedlich auf die Auszeichnung.


Die Zuerkennung machte Riccardo Giacconi, 71, ein wenig ratlos: "Was macht man an einem solchen Tag? Geht man in sein Büro? Ich weiß es nicht." Er sei völlig überrascht gewesen, als ihn der Anruf aus Schweden um 5.30 Uhr seiner Zeit in Washington aus dem Schlaf gerissen hatte. Dem schwedischen Rundfunk sagte der in Genua geborene US-Bürger unter Tränen: "Ich bin einfach sprachlos und sehr gerührt."

Physik-Nobelpreisträger Davis, Koshiba und Giacconi: "Was macht man an einem solchen Tag?"
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Physik-Nobelpreisträger Davis, Koshiba und Giacconi: "Was macht man an einem solchen Tag?"

Giacconi ist einer der drei diesjährigen Physik-Nobelpreisträger. Die Auszeichnung erhält er für seine Forschungen, mit der er seit den sechziger Jahren die Grundlagen der Röntgenastronomie schuf. Giacconi konstruierte mehrere Satelliten, welche die Röntgenstrahlung aus dem All beobachteten. Auf seine Arbeit geht auch das aktuelle Weltraumteleskop Chandra zurück.

Derzeit ist der 71-Jährige Präsident des US-Unternehmens Associated Universities, welches das National Radio Astronomy Observatory betreibt. In die USA war Giacconi 1959 gekommen, nachdem er in Mailand promoviert hatte. Seinen Kollegen gilt der Forscher als starke und dynamische Persönlichkeit: "Wer ihn einmal trifft, vergisst ihn nie wieder", sagt Catherine Cesarsky, Generaldirektorin der Europäischen Südsternwarte. Die Physikerin ist Nachfolgerin Giacconis, der den Posten von 1993 bis 1999 innehatte. Giacconi sei als Liebhaber der Künste bekannt. "Er liebt die Oper und ist ein sehr talentierter Maler und Handwerker", so Cesarsky.

Auch Masatoshi Koshiba erhielt am Dienstag die Nachricht aus Stockholm. "Vielen Dank. Ich fühle mich geehrt", sagte der Forscher in Tokio. 15 Jahre lang habe er auf den Preis gehofft, verriet Koshiba. Der mittlerweile 76 Jahre alte emeritierte Professor hatte mit Kollegen die Detektoren Kamiokande und Super-Kamiokande entwickelt. Die unterirdischen Anlagen lieferten neue Erkenntnisse über die Neutrinos - geisterhafte Teilchen, die in jeder Sekunde zu Milliarden die Erde und auch den menschlichen Körper durchschlagen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Koshiba, der die Musik von Johann Sebastian Bach liebt, setzte sich auch für die deutsch-japanische Zusammenarbeit ein und bekam dafür bereits 1985 das Bundesverdienstkreuz. Der Wissenschaftler arbeitete 1987 sowie von 1998 bis 1999 an deutschen Forschungsinstituten in Hamburg, Garching und Heidelberg. Zuletzt forschte er an der Universität von Tokio. Er sei ein "ungeheuer liebenswürdiger und optimistischer Mensch", sagt Norbert Schmitz, der vor kurzem emeritierte Direktor am Max-Planck-Institut für Physik in München, über Koshiba. "Ihm ist es zu verdanken, dass Japan führend ist in der Neutrino-Physik."

Während Giacconi eine Hälfte des Preisgeldes erhält, teilt sich Koshiba die zweite Hälfte mit seinem US-Kollegen Raymond Davis. Dieser hatte Ende der sechziger Jahre mit einer abenteuerlichen Apparatur eineinhalb Kilometer unter der Erdoberfläche die Existenz von Neutrinos aus der Sonne nachgewiesen. Das raffinierte Experiment beschäftigte den mittlerweile 86-Jährigen nahezu sein ganzes Forscherleben lang. Davis arbeitete fast ein halbes Jahrhundert am Staatlichen Brookhaven Labor im US-Staat New York.

Nach seiner Pensionierung 1984 forschte Davis an der Universität von Pennsylvania in Philadelphia weiter, bis er sich 1999 krankheitsbedingt zurückziehen musste. Davis leide unter Gedächtnisverlust, erklärt sein ehemaliger Chef und Freund Gerhart Friedlander. "Ich kenne Ray seit 1948 und schätze ihn als überaus liebenswürdigen und angenehmen Menschen sowie als Forscher, der gleichermaßen innovativ wie sorgfältig ist."

Zweifel an der Auszeichnung von Davis und Koshiba ließ auch der Neutrino-Forscher Rolf Nahnhauer vom Deutschen Elektronen-Synchrotron in Zeuthen nicht aufkommen: "Das sind die beiden, die den Grundstein für die Neutrino-Physik gelegt haben." Besonders Davis sei zu Beginn seiner Pionierexperimente in den USA von vielen Kollegen belächelt worden, so Nahnhauer. "Aber gerade der Anfang ist immer das Schwere. Die Experimente später größer und genauer zu machen, ist viel leichter."



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