Planetares Klima Auf dem Mars schwindet der Schnee

Ausgedehnte Eisflächen und viel Schnee - die Witterungsverhältnisse auf dem Mars lassen die Herzen von Winterfreunden höher schlagen. Doch das Klima ändert sich.
Von Alexander Stirn

"Wann wird's mal wieder richtig Sommer", trällerte Rudi Carrell vor mehr als 25 Jahren. "Wann wird's mal wieder richtig Winter", wäre mittlerweile genauso passend. Denn die einst weiße Jahreszeit hat in den vergangenen Jahren einiges an Biss verloren - zumindest in Mitteleuropa.

Auf dem Roten Planeten, im Schnitt 78 Millionen Kilometer weiter von der Sonne entfernt als die Erde, waren die Dinge bislang übersichtlicher. Durchschnittliche Temperaturen zwischen minus fünf und minus 90 Grad Celsius können durchaus als frostig bezeichnet werden. Die Polarkappen, die vermutlich zum größten Teil aus gefrorenem Kohlendioxid ("Trockeneis") bestehen, dehnen sich im Winter mitunter bis zum 50 Breitengrad aus. Doch auch das ewige Mars-Eis ist offensichtlich starken klimatischen Veränderungen unterworfen.

Wie zwei Forscherteams in der aktuellen Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" berichten, haben Eis und Schnee auch auf dem Roten Planeten den Rückzug angetreten. Normalerweise zeigen die Trockeneisschichten des Mars-Südpols auch während des 160 Tage dauernden Sommers Flagge. Hochauflösende Bilder der Sonde "Mars Global Surveyor" machen jedoch deutlich, dass sich die seit längerem bekannten Mulden in der frostigen Oberschicht der Polkappen während eines Jahres teils dramatisch verändert haben.

Bereits im Jahre 1999 war die Mars Orbiter Camera am Südpol des Roten Planeten auf abgerundete Vertiefungen und Ausbuchtungen in der Eisschicht gestoßen. Zwei Jahre später zeigte sich, dass die Mulden deutlich gewachsen waren, während viele kleinere Strukturen gar nicht mehr ausgemacht werden konnten. Die Veränderungen waren gravierend: Bei fast der Hälfte aller Formationen zeigten sich während des 687 Erdentage zählenden Marsjahres Einbußen zwischen einem und drei Metern. Wissenschaftler ziehen erste Parallelen zu irdischen Vorgängen im Anschluss an die letzte Eiszeit.

Da erst Daten aus einem Jahr vorliegen, lässt sich noch nicht sagen, wann der Schwund des Eises begonnen hat, wie lange er dauert und was mit dem Kohlendioxid (CO2) passiert. Die jetzt vorgestellten Bilder machen in den Augen der Astronomen jedoch eines klar: Auf dem Mars existiert während des gesamten Jahres ein großes Reservoir an festem Kohlendioxid. Somit scheint ein kontinuierlicher Gasaustausch zwischen Oberfläche und Atmosphäre möglich, der entscheidende Auswirkungen auf das Klima und dessen Stabilität haben kann.

"Weil wir dieses Reservoir sehen, kann nicht die maximal mögliche Menge von Kohlendioxid in der Atmosphäre sein", sagt der renommierte Marsforscher Michael Malin. "Das deutet auf ein sehr dynamisches Klima hin."

Der US-Forscher scheut sich auch nicht, den Bogen zu seinem Lieblingsthema zu schlagen: flüssiges Wasser auf dem Mars. Falls die CO2-Reserven groß genug wären, würden sie beim vollständigen Verdunsten außergewöhnliche atmosphärische Bedingungen schaffen: Auf Grund des hohen Druckes könnte dann, so Malin, sogar "flüssiges Wasser auf oder nahe der Oberfläche existieren". Selbst positive Auswirkungen auf das Überleben von Menschen auf dem Mars werden nicht ausgeschlossen.

Während das verdampfende Kohlendioxid offensichtlich einem längerfristigen Trend folgt, sind in der Mars-Atmosphäre auch saisonale Effekte anzutreffen. Bis zu einem Drittel des atmosphärischen Kohlendioxids sammelt sich im Laufe eines Jahres auf der Oberfläche - in Form von CO2-Schnee.

Einem Team von Forschern des Goddard Space Flight Centers der Nasa und des Massachusetts Institute of Technology ist es gelungen, die Höhe der Schneeschicht zu bestimmen. Wie die Astronomen um David Smith in "Science" schreiben, haben Lasermessungen zu einem überraschenden Ergebnis geführt: Demnach finden sich die meisten Schneeansammlungen unterhalb einer Breite von 75 Grad.

Von irdischen Schneeverhältnissen enttäuschte Wintersportler sollten sich allerdings nicht zu früh freuen. Die Forscher sind überzeugt, dass das marsianische Weiß viel dichter und eisiger ist als der irdische Schnee. Von Pulverschneequalitäten jedenfalls könne keine Rede sein.

Und noch ein Problem tut sich auf: Erstmals konnten die Forscher einen ungewöhnlichen Schneemangel auf der nördlichen Halbkugel des Planeten ausmachen - möglicherweise verursacht durch einen örtlichen Staubsturm. Auch auf dem Mars könnte also bald die Frage lauten: "Wann wird's mal wieder richtig Winter?"

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