Projekt "Dädalus" Sternenfahrt mit Mini-Bomben

Selbst die Sterne in nächster Nähe zur Sonne sind für heutige Raketen unerreichbar fern. Doch Ende der siebziger Jahre ließen sich Forscher von solchen Kleinigkeiten nicht abschrecken: Im Projekt "Dädalus" wollten sie einen Raumschiff-Koloss auf die Reise schicken.


Science-Fiction-Autoren und Raumfahrtingenieure verbindet neben der Vorliebe für ferne Welten auch ein gegenseitiger Neid: Während erstere zu ihrem Leidwesen bei der Eroberung des Alls nur Zaungäste sind, bewundern letztere insgeheim, wie hemdsärmelig sich die Schreiberlinge über technische Probleme hinwegsetzen und phantastische Weltraumreisen erträumen. Doch bisweilen wollen die Ingenieure es den Phantasten heimzahlen. In solchen Momenten konzipieren sie interstellare Raketen.

Angenommen, eine Reise zum Mond dauert eine Minute, und das gleiche hypothetische Transportmittel ließe sich für eine Spritztour zum Sonnen-nächsten Stern chartern. Dann sollten die Passagiere außer Raumanzügen vor allem Geduld mitbringen: Knapp 200 Jahre wären für die stellare Odyssee zu veranschlagen.

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Forscherträume: Antriebskonzepte für interstellare Reisen

Ein tapferes Dutzend aus Wissenschaftlern und Ingenieuren der "British Interplanetary Society" wollte sich davon nicht abschrecken lassen. 1978 veröffentlichten die Forscher nach mehreren Jahren Freizeit-Arbeit ihre Studie zum Projekt "Dädalus". Auf der Basis verfügbarer oder zumindest in Kürze möglicher Technologie, so die Zielsetzung, sollte eine Rakete erdacht werden, die Barnards Stern erreichen könne. Der rote Zwergstern im Sternbild Schlangenträger gehört in sechs Lichtjahren Entfernung zur nächsten Nachbarschaft der Sonne und stand damals im Ruf, von Planeten umrundet zu werden. Deshalb erschien er als interessantes Ziel für eine erste interstellare Reise.

"Es war als Robotermission gedacht, die in 50 Jahren ans Ziel kommen sollte", vertraute Alan Bond, Raketeningenieur und Anführer der Dädalus-Truppe, der britischen BBC an. "Das schien uns ein vertretbarer Zeitraum, da er etwa der Dauer einer wissenschaftlichen Karriere entspricht."

Raumschiff-Koloss von 54.000 Tonnen

Der unbemannte Raumschiff-Koloss, mit 54.000 Tonnen rund hundert Mal schwerer als die heutige Raumstation ISS, sollte im Erdorbit montiert werden. Als Antrieb für den Stellar-Boliden hatte Bond Atomenergie vorgesehen - allerdings nicht die traditionelle Kernspaltung, sondern die weit ergiebigere Kernfusion, die die Sterne leuchten lässt. In der Wasserstoffbombe findet sie eine unrühmliche und bis heute einzige technische Anwendung. Zahllose Mini-Wasserstoffbomben, so die Studie, sollen den Sternenkreuzer auf gut zwölf Prozent der Lichtgeschwindigkeit katapultieren.

Nach heutigen Maßstäben wirkt das gigantische Dädalus-Konzept wie ein verzweifelter Gegenentwurf zur Raumfahrt-Schrumpfkur der siebziger Jahre, die Enthusiasten mit abgesagten Mondflügen und sinkenden Etats der US-Raumfahrtbehörde Nasa reihenweise schlechte Nachrichten bescherte.

Doch Kernfusionsantriebe gerieten nie ganz außer Mode. Bill Emrich am Marshall Space Flight Center der Nasa forscht auch heute an entsprechender Triebwerkstechnik. Sein Konzept sieht eine 100 Meter lange Magnetröhre vor, in der mit Mikrowellen erhitztes Plasma fusioniert. Das störrische, 600 Millionen Grad heiße Gas neigt bekanntlich zum Ausbruch aus seiner magnetischen Flasche - und genau das wird für den Rückstoß gebraucht.

In sechs Wochen zum Mars

Emrichs Antrieb macht ungeduldigen Planetenstürmern Hoffnung: In sechs Wochen zum Mars und in nur zwei Jahren zum Pluto. "Ein bis zwei Prozent der Lichtgeschwindigkeit sind drin - optimistisch gerechnet", erklärt der Physiker im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nicht schlecht, aber für den Sternentrip immer noch zu langsam.

"Dädalus" wollte zwar nach den Sternen greifen, doch sein Reiseziel ist mittlerweile von der Aufgabenliste der Wissenschaftler gestrichen: Mittlerweile scheint klar, dass Barnards Stern keine planetaren Begleiter besitzt. Von Messfehlern bei den ersten Vermutungen war die Rede.

Auch seinerzeit hatten es die "Dädalus"-Visionäre nicht leicht mit der Kollegenzunft. Kritiker nörgelten, die Zündung des nuklearen Brennstoffes aus Deuterium und Helium mit energiereichen Elektronenstrahlen sei niemals demonstriert worden, erst recht nicht in der irrwitzigen Rate von 250 Mini-Explosionen pro Sekunde. Auch sei das benötigte Helium-3-Isotop extrem selten und kaum in den vorgesehenen Mengen zu beschaffen.

Boxenstopp am Jupiter

Trotz des Gegenwinds hielt das Bond-Team Kurs: Helium-3 solle bei einem Boxenstopp am Jupiter aus der Atmosphäre des Riesenplaneten gesaugt werden, orakelten die Sternenfahrer. Dort könne auch das Deuterium, also schwerer Wasserstoff, aufgetankt werden. Die H-Bömbchen sollten magnetisch eingeschlossen werden. So werde gleichzeitig ein Totalschaden des Raketenmotors verhindert und die nötige Bündelung des nuklearen Auspuffstrahls erreicht.

25 Jahre nach dem Start sollten zwei optische Bordfernrohre, jedes doppelt so groß wie das Hubble-Weltraumteleskop, zusammen mit Radioteleskopen die Beobachtung des Zielsterns und seiner vermuteten Planeten aufnehmen. Gefüttert mit den gewonnenen Daten, könnten mehrere nukleargetriebene Kleinsonden einige Jahre vor dem Rendezvous-Termin das Mutterschiff verlassen und gezielt im Barnard-System nach ortsansässigen Lebensformen Ausschau halten, so das Szenario.

Währenddessen sollte "Dädalus" am Zwergstern vorbeirasen. Eine Bremsung war nicht vorgesehen: Das Sternenschiff sollte lediglich als Relais-Station die Messungen und Bilder der Forschungssonden zurück zur Erde funken. Die Wissenschaftler, die in Bonds Vision einst als ehrgeizige Jungforscher das Mammutprojekt auf den Weg gebracht hätten und mittlerweile vergreist wären, müssten sich noch weitere sechs Jahre gedulden: So lange bräuchten die Radiowellen, um von irdischen Antennen eingefangen zu werden. Zeit genug zu studieren, was die schreibende Zunft an neuer Science-Fiction ausgeheckt hat.



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