Raumfähre "Discovery" Nasa befürchtet Schaden am Hitzeschild

Der Start des Space Shuttles "Discovery" verlief weniger reibungslos als zunächst erhofft. Bei drei Zwischenfällen erlitt die Raumfähre unter anderem einen Schaden am Hitzeschild. Die Nasa-Techniker rätseln nun über die Folgen.


"Discovery" beim Absprengen des Außentanks: Schaden am Hitzeschild
REUTERS/ NASA TV

"Discovery" beim Absprengen des Außentanks: Schaden am Hitzeschild

Cape Canaveral - Wären Sorge in Zentnern und Erleichterung in Tonnen messbar, die Führungskräfte der Nasa wären in den Minuten nach dem "Discovery"-Start womöglich ganz ohne Antrieb ins All geschwebt. Beim Start der Raumfähre war zunächst alles nach Plan verlaufen: Zwei Minuten nach dem Abheben lösten sich die beiden seitlichen Feststoffraketen, weitere sechs Minuten später wurde der Außentank abgeworfen, bevor der Orbiter die Erdumlaufbahn erreichte.

Michael Griffin, Direktor der US-Raumfahrtbehörde, ließ sich prompt vom Pathos davontragen: "Merken Sie sich, was Sie heute gesehen haben", sagte der Nasa-Chef. "Die Macht und Majestät des Starts, aber auch die Kompetenz und die Professionalität, die schiere Frechheit, die Beherztheit, den Mut dieses Teams, das dieses Programm vor zweieinhalb Jahren aus den Tiefen der Verzweiflung gezogen hat."

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Raumfahrt: Zwischenfälle beim "Discovery"-Start

Jetzt aber stellt sich heraus, dass Griffins Überschwang voreilig gewesen sein könnte. Kaum war der Jubel verebbt, wurde bekannt, dass der Start weniger gut verlaufen war als zunächst vermutet. Nach Angaben der Nasa kam es zu drei Zwischenfällen: Beim Abheben krachte ein Vogel an den Haupttank, später löste sich beim Absprengen des Tanks ein bisher nicht identifiziertes Trümmerstück.

Loch in Hitzekachel weckt Erinnerungen

Dann entdeckten die Techniker auf einer der zahlreichen Videoaufnahmen, dass ausgerechnet der Hitzeschild der "Discovery" einen Schaden davongetragen hatte. Ein knapp vier Zentimeter großes Stück einer Hitzekachel war abgeplatzt - an der empfindlichen Stelle am Schacht des vorderen Fahrwerks. Sofort wurden böse Erinnerungen an die "Columbia"-Katastrophe wach: Ein Schaden am Hitzeschild hatte im Februar 2003 die Raumfähre beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinander brechen lassen.

"Discovery"-Astronauten Andy Thomas (l.) und Soichi Noguchi suchen mit einer Laserkamera am Roboterarm nach Schäden an der Außenhülle
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"Discovery"-Astronauten Andy Thomas (l.) und Soichi Noguchi suchen mit einer Laserkamera am Roboterarm nach Schäden an der Außenhülle

Ob die Schäden ein Sicherheitsrisiko für die "Discovery"-Crew darstellen, konnte die Nasa zunächst nicht sagen. Auch ob es sich bei dem größeren Trümmerstück um ein Teil der äußeren Isolierung handelte, war noch nicht klar. Am Mittwoch wollte ein Spezialteam nochmals alle Aufnahmen analysieren.

Nasa-Mitarbeiter betonten, es sei nicht ungewöhnlich, dass sich beim Start einer Raumfähre Material ablöse. Zudem seien bei den 113 Missionen seit 1981 rund 15.000 einzelne Beschädigungen dokumentiert, sagte Shuttle-Flugleiter John Shannon. "Wir werden in zwei Tagen alles über das wissen, was von der Fähre abgefallen ist."

Die siebenköpfige Crew an Bord der "Discovery" hat am Mittwoch mit einer nervenaufreibenden Sicherheitsinspektion begonnen. Sieben Stunden lang kontrollierten die Astronauten die Flügel und die Nase der "Discovery" mit einem Laser-Sensor am Roboterarm der Fähre. Anschließend soll eine Kamera auf dem Roboterarm die Hitzeschutzkacheln in der Nähe der Kabine und am Heck überprüfen. Die Aktion gilt als äußerst gefährlich, da weder der Sensor noch der Roboterarm die Außenhaut der "Discovery" berühren dürfen. "Wenn wir sie berühren, kann ich mir einen neuen Job suchen", sagte Nasa-Flugdirektor Paul Hill.

Der Fluch der Foto-Flut

Die "Discovery"-Mission ist die mit Abstand meistfotografierte in der Geschichte des Shuttle-Programms. Mehr als hundert Kameras am Boden und an Bord zweier Flugzeuge filmten die Raumfähre beim Start. Bei der Annäherung an die Internationale Raumstation in 350 Kilometern Höhe wird Kommandantin Eileen Collins den Shuttle so drehen, dass die ISS-Besatzung die Unterseite des Raumschiffs fotografieren und kontrollieren kann.

Doch die minutiöse Überwachung hat nicht nur Vorteile, wie Experten betonen. Denn je intensiver die Nasa nach kleinen Schäden sucht, desto mehr wird sie finden - was wiederum das Risiko des Über- oder Unterschätzens von Gefahren birgt. "Wie unterscheidet man zwischen ernsten und harmlosen Beschädigungen?", fragte etwa der US-Astronaut David Wolf, der vier Monate an Bord der Raumstation "Mir" verbracht hat, in der "New York Times". "Wir könnten mit sehr schwierigen Entscheidungen konfrontiert werden, zum Teil wegen der zusätzlichen Informationen, die wir nun besitzen."

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Space Shuttle: Die Rückkehr zur bemannten Raumfahrt

Iain Christie von der kanadischen Firma Neptec, die die Laser-Kamera konstruiert hat, stimmte dem zu. Sollte ein Riss entdeckt werden, "wie kann die Nasa dann erklären, dass das kein Problem ist?"

Zudem ist keinesfalls klar, wie die US-Raumfahrtbehörde reagieren würde, sollte man tatsächlich eine ernsthafte Beschädigung an der "Discovery" finden. Die Crew hat zwar einen Koffer mit einem Reparatursatz für Schäden an der Außenhülle an Bord, aber nur zu Testzwecken. Die Astronauten haben bereits betont, dass sie solchem Flickwerk auf dem Rückflug zur Erde nicht vertrauen würden.

Flucht zur ISS wäre risikoreich

Im schlimmsten Fall müsste die Besatzung den zwei Milliarden Dollar teuren Shuttle aufgeben, an Bord der ISS gehen und sich von der Raumfähre "Atlantis" abholen lassen. Aber auch das wäre nicht ohne Risiko: Sollte die "Atlantis" nicht binnen weniger Wochen startklar sein, könnten den im Orbit gestrandeten Astronauten die Nahrungsmittel und der Sauerstoff ausgehen.

Ob der erneute Trümmer-Vorfall harmlos und die "Discovery"-Mission ein Erfolg war, wird erst nach einer geglückten Landung am 7. August feststehen. Die bemannte US-Raumfahrt wäre in diesem Fall vorerst gerettet. Von einem erfolgreichen Verlauf der Mission hängen unter anderem der Fortbestand der Internationalen Raumstation ISS und die weitere Existenz des Hubble-Weltraumteleskops ab, über dessen Reparatur Nasa-Direktor Griffin nach zwei erfolgreichen Shuttle-Missionen entscheiden will.

Zudem hat US-Präsident George W. Bush der Nasa mit dem Auftrag, bis 2020 wieder Astronauten zum Mond und anschließend zum Mars zu schicken, ein neues Ziel und Anlass zu einer Neuausrichtung gegeben. 2014 soll mit dem "Crew Exploration Vehicle" endlich ein Nachfolger für die betagten Space Shuttles in Dienst gestellt werden. Sollte die "Discovery"-Mission aber scheitern, könnten Bush und die Nasa ihre Pläne wahrscheinlich vorerst begraben.

Markus Becker



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