Raumfähre "Discovery" Nasa hält schon Notfallplan bereit

Wie groß die Schäden an der "Discovery" wirklich sind, ist noch unklar. Doch die Nasa hat für den schlimmsten Fall vorgesorgt: Sollte die Raumfähre aufgrund der Beschädigungen am Hitzeschild nicht mehr zur Erde zurückkehren können, soll das zweite Shuttle, die "Atlantis", die Astronauten abholen.

Von und


Startvorbereitungen an Raumfähre "Atlantis": Rettungsflug im Notfall
REUTERS

Startvorbereitungen an Raumfähre "Atlantis": Rettungsflug im Notfall

Die Astronauten an Bord der "Discovery" und die Experten der Nasa suchen derzeit intensiv nach Schäden an der Raumfähre. Während die Shuttle-Besatzung mit einem am Greifarm montierten Laser-Sensor und einer Kamera die Außenhülle Zentimeter für Zentimeter nach Löchern absuchte, kontrollierten die Techniker am Boden die riesigen Mengen an Videomaterial vom Start.

Im besten Fall wird die Nasa zu dem Schluss kommen, dass das bereits entdeckte, knapp vier Zentimeter große Loch im Hitzeschild der "Discovery" als ungefährlich eingestuft und die Mission wie geplant fortgesetzt wird.

Sollte das nicht der Fall sein, könnten die Astronauten einen Reparatursatz benutzen, den sie auf diesem Flug eigentlich nur testen sollten. In dem Koffer befinden sich Werkzeuge, die das Flicken der Shuttle-Außenhülle im All ermöglichen sollen.

Zwar hatte die Besatzung um Kommandantin Eileen Collins bereits signalisiert, dass sie solchem Flickwerk auf dem Rückweg zur Erde kaum trauen würden. "Im Notfall müssten sie es aber versuchen", sagte Volker Sobig, Experte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Reparatur wäre sicher das kleinere Übel."

Fotostrecke

9  Bilder
Raumfahrt: Zwischenfälle beim "Discovery"-Start

Der Flicken müsse ohnehin nur die ersten Minuten beim Wiedereintritt in die Atmosphäre überstehen, wenn der Shuttle in einer Höhe von rund 60 Kilometern der größten thermischen Belastung mit Temperaturen von bis zu 1600 Grad ausgesetzt sei. Die "Columbia" war im Februar 2003 in dieser kritischen Phase auseinander gebrochen.

Das größere Übel wäre laut Sobig, wenn der Schaden an der "Discovery" zu groß wäre, um den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu wagen. In diesem Fall müssten die sieben Astronauten die zwei Milliarden Dollar teure Raumfähre aufgeben und an Bord der Internationalen Raumstation ISS gehen.

Notfallplan zur Astronauten-Rettung

In diesem Fall würde der "Launch on Need"-Plan der Nasa greifen, der eigens für die beiden ersten Flüge nach der "Columbia"-Katastrophe von 2003 aufgestellt wurde. Er besagt, dass das Space Shuttle "Atlantis" innerhalb von 28 bis 35 Tagen nach der Havarie der "Discovery" startbereit sein soll, um die gestrandete Besatzung von der ISS zu holen.

Beschädigte Hitzekachel an der "Discovery": Nasa hofft auf glimpflichen Ausgang
REUTERS/ NASA TV

Beschädigte Hitzekachel an der "Discovery": Nasa hofft auf glimpflichen Ausgang

Die wichtigste Frage bis dahin wäre, ob die Wasser-, Nahrungs- und Sauerstoffvorräte in der ISS ausreichen, um neun statt bisher zwei Menschen am Leben zu halten.

"Wir haben ausgerechnet, was an Wasser und Nahrung vorhanden ist", sagte Mark Geyer, der für die Versorgung der ISS verantwortliche Manager, dem Fachblatt "Aviation Week & Space Technology". Das wichtigste technische Teil für den Fall einer "Discovery"-Havarie sei das Gerät zur Filterung des Kohlendioxids aus der Atemluft im US-Labormodul der ISS. Sollte der Filter nicht funktionieren, könnten die Besatzungen der "Discovery" und der ISS gemeinsam nur 16 Tage überleben - was für eine Rettung durch die "Atlantis" wohl zu kurz wäre. Man habe deshalb ausreichend Ersatzteile zur ISS geschafft, um den Betrieb des Kohlendioxid-Filters sicherzustellen.

Im besten Fall hätte die Nasa laut Geyer 70 Tage, um die "Discovery"-Besatzung von der ISS zu holen - vorausgesetzt, alle Systeme arbeiteten fehlerfrei und die Shuttle-Astronauten würden auf halbe Rationen gesetzt. Die ISS-Crew müsste normal weiter essen und trainieren, um für die Landung an Bord einer russischen "Sojus"-Kapsel fit genug zu sein.

Selbst im Falle eines Erfolgs wäre eine solche Rettungsaktion ein Desaster für die Nasa. "Das würde mit großer Wahrscheinlichkeit das vorzeitige Aus des Shuttle-Programms bedeuten", meint Sobig. Zu hoffen blieben dann nur noch, dass der geplante Nachfolger, das "Crew Exploration Vehicle" (CEV), früher in Dienst gestellt werden könnte als erst 2014, wie es die bisherigen Planungen vorsehen.

Stichflamme an der Feststoffrakete

Wie erst jetzt bekannt wurde, sorgte beim Start der "Discovery" neben den sich lösenden Trümmerteilen und dem Loch im Hitzeschild noch ein weiteres Detail für Diskussionen bei der Nasa. Etwa anderthalb Minuten nach dem Start des Shuttles fingen die Videokameras eine Stichflamme an einer der Feststoffraketen ein. Sie erinnerte optisch an die Flamme, die kurz vor der Explosion der "Challenger" im Jahr 1986 zu sehen war. Die Raumfähre explodierte damals 70 Sekunden nach dem Start, weil der Haupttank Feuer gefangen hatte. Ursache dafür war ein defekter Dichtungsring an der rechten Feststoffrakete.

Damit sei die Stichflamme auf dem "Discovery"-Video jedoch nicht zu vergleichen, betont Kyle Herring vom Johnson Space Center der Nasa: "Das ist ein bekanntes Phänomen, das wir schon von anderen Starts kennen", sagte Herring zu SPIEGEL ONLINE. "Diese Stichflamme kommt durch die Luftzirkulation zustande, die den Antriebsfeuerstrahl hoch drückt. Die Ursache ist eine Kombination von Luftdichte, Verwirbelungen und der hohen Geschwindigkeit des Shuttles in dieser Höhe."

Sollte die "Discovery" am 7. August problemlos landen, wäre die bemannte US-Raumfahrt vorerst gerettet. Von einem erfolgreichen Verlauf der Mission hängen unter anderem der Fortbestand der Internationalen Raumstation ISS und die weitere Existenz des Hubble-Weltraumteleskops ab, über dessen Reparatur Nasa-Direktor Michael Griffin nach zwei erfolgreichen Shuttle-Missionen entscheiden will.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.