Raumfähre "Discovery" Wirbelstürme bedrohen Shuttle-Start

Der Start der Raumfähre "Discovery" könnte erneut gefährdet sein. Nach einer Last-Minute-Reparatur am Hitzeschild könnten nun Wirbelstürme den planmäßigen Abflug des Space Shuttles verhindern.

Cape Canaveral/Paris - Erst fiel die Verkleidung eines Cockpitfensters herab und beschädigte den Hitzeschild der "Discovery", jetzt sind Wirbelstürme auf dem Weg nach Cape Canaveral. Der für heute Abend 21.51 Uhr deutscher Zeit geplante Start des Space Shuttles könnte sich deshalb erneut verzögern.

"Es besteht die Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent, dass das Wetter den Start verhindert", teilte eine Mitarbeiterin der US-Raumfahrtbehörde Nasa in Cape Canaveral mit. In dem subtropischen Bundesstaat Florida sind Hurrikane im Juli häufig. Zuletzt war am Wochenende Tropensturm "Dennis" über den Süden der USA hinweggefegt, während sich über der Karibik bereits seine Nachfolgerin "Emily" zusammenbraute.

24 Stunden vor dem Start hatte bereits eine Panne für Aufregung bei der Nasa gesorgt. Die Plastikverkleidung eines Cockpitfensters war abgefallen und hatte nach einem 20-Meter-Sturz die Kacheln des Hitzeschilds beschädigt, der die "Discovery" vor der enormen Hitze beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre schützen soll. Das betroffene Paneel sei ausgetauscht worden und der Start nicht gefährdet, sagte Stephanie Stilson, die für den "Discovery"-Start verantwortliche Nasa-Managerin.

"Wichtiger Neuanfang"

Ein Schaden an dem Schild hatte die "Columbia" im Februar 2003 abstürzen lassen. Damals hatte sich bei Start ein Schaumstoffteil von einem Treibstofftank gelöst und eine Tragfläche der Fähre beschädigt. Beim Wiedereintritt in die Atmosphäre drang heiße Luft durch das Loch und riss die "Columbia" in Stücke. Alle sieben Astronauten an Bord kamen ums Leben.

Sollte die "Discovery" planmäßig abfliegen, wäre es der erste Start einer Raumfähre nach der "Columbia"-Katastrophe vor zweieinhalb Jahren. Die "Discovery" soll die Internationale Raumstation ISS mit dringend benötigten Ersatzteilen und Ausrüstungsgegenständen versorgen. Zudem soll untersucht werden, ob es möglich ist, Schäden an der Fähre im Weltraum zu beheben. Sollte sich der "Discovery"-Start verzögern, sind zwei weitere Versuche möglich, bevor Wartungsarbeiten notwendig werden. Dies würde einige Tage in Anspruch nehmen.

Nasa und Esa setzen große Hoffnungen in die "Discovery". Der Start bedeute einen wichtigen Neuanfang, sagte der aus Deutschland stammende Nasa-Direktor für das ISS-Programm, Jesco von Puttkamer. Auch Esa-Programmchef Daniel Sacotte sagte, mit dem Erfolg des Fluges seien die "Zukunft der bemannten Raumfahrt und insbesondere die der Internationalen Raumstation verbunden".

Würde man auf den Start verzichten, verzögerten sich die wissenschaftlichen Forschungsprojekte der ISS weiter, sagte Puttkamer. Auch die Umsetzung des Auftrags von US-Präsident George W. Bush, möglichst bald zum Mond und zum Mars zu reisen, würde sich weiter in die Zukunft verschieben.

Der Shuttle-Start sei "nur ein Glied in einer Kette der Exploration", erklärte der Nasa-Manager. "Das schulden wir der Zukunft. Das schulden wir der Jugend." Würde man den Mut verlieren und aufgrund der vielen gescheiterten Missionen in der Geschichte der Nasa aufgeben, "dann wäre diese Kette zerrissen und es würde lange dauern, bis eine neue Generation herangewachsen ist, die entsprechend motiviert ist".

Experten fordern Aus für Space Shuttles und ISS

Von anderer Seite kommt dagegen Kritik an der Wiederaufnahme des Shuttle-Programms. Der französische Astronaut Patrick Baudry und der frühere Nasa-Historiker Alex Roland forderten das Aus sowohl für die Shuttle-Flüge als auch für die ISS. Die jahrzehntelangen Projekte brächten keinen Nutzen, und 100 Milliarden Dollar seien zum Fenster hinausgeworfen.

"Wir müssen zurück auf den Mond und dort eine ständige Station einrichten", sagte Baudry der Zeitung "France Soir". Der Mond sei nur 400.000 Kilometer entfernt und biete wertvolle Rohstoffe wie Helium-3. Außerdem könne man von seiner Rückseite aus das Weltall ungestört erforschen.

Auch der frühere Nasa-Historiker Alex Roland kritisierte den Einsatz der Raumfähre, die fünf Mal so teuer sei wie ursprünglich geplant. "Man muss die Internationale Raumstation abbauen, die ein Finanzgrab und praktisch nutzlos ist, oder sie in ein ständig bewohntes Labor umwandeln", sagte er der Zeitung "Le Parisien". "Außerdem muss man die Raumfähre aufgeben oder sie unbemannt einsetzen und einen neuen Typus Raumfahrzeug entwickeln." Eine US-Kommission sei schon nach der "Challenger"-Katastrophe 1986 zu dem Schluss gekommen, dass die Raumfähre "zu zerbrechlich und zu teuer" sei. Doch die Nasa mache weiter, als sei nichts geschehen.

Die deutsche Raumfahrtindustrie blickt dem "Discovery"-Start unterdessen mit Spannung entgegen. "Ein erfolgreicher Flug der 'Discovery' ist auch für uns von zentraler Bedeutung, weil wir über die nächsten Jahre hochgradig abhängig vom Transport via Space Shuttle sind", sagte Sigmar Wittig, Vorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem "Handelsblatt". Wegen der langen Zwangspause und dem immensen Erfolgsdruck, der auf der Mission laste, sei er "nervöser als sonst" vor Starts.