Raumfahrt 2067 Jeder darf ins All

Urlaub auf dem Mars? Minen auf dem Mond? In der Raumfahrt 2067 werden nicht alle Visionen von heute umgesetzt sein – aber einige schon: Mit Mini-Satelliten und vielen Privatanbietern wird der Abschuss ins All erschwinglich.


Was wird die Menschheit im Jahr 2067 mit dem Mond anfangen - ein Jahrhundert nach dem "Apollo"-Programm der USA? Harrison Schmitt, der bisher letzte Mondspaziergänger der Menschheit, hat schon jetzt eine Idee für die Zukunft des Erdtrabanten: Er preist ihn als Lösung irdischer Energieprobleme.

Auf dem Mond könne das seltene Helium-3 als Brennstoff für irdische Fusionsreaktoren gewonnen werden, schreibt Schmitt in seinem aktuellen Buch "Return to the Moon". Der vielseitige Ex-Austronaut, der auch schon vier Jahre Senator von New Mexiko war, wittert zwischen den Mondkratern ein lukratives Geschäft mit dem seltenen Edelgas-Isotop. "Rennen zum Mond um den Nuklear-Sprit", titelte prompt "Wired News", und CNN sah schon "Mond-Minen" vor sich.

Wer diese Vision für die Phantasie eines Einzelgängers hält, sei eines besseren belehrt. Schon vor einem Jahr hatte der Chef des russischen Raumfahrtkonzern Energija angekündigt, "bis 2020" könne man "mit der Lieferung des seltenen Isotops Helium-3 in industriellem Maßstab beginnen".

Der Mond als Rohstofflager der Menschheit - das erinnert sehr an Utopien aus den Kindertagen der Raumfahrt. Wie ernst können wir solche Versprechen heute nehmen? Wird 2067 das All industrialisiert sein? Inklusive flinker Raumschiffe und Expeditionen zu fernen Planeten, zu dauerhaften Außenposten?

Experten sind sich einig: Vieles ist Wunschdenken. Reisen ins All werden auch in 60 Jahren keinem Star-Trek-Drehbuch folgen.

Der Aktionsradius realer Astronauten wird recht bescheiden sein. Denn zu den Sternen ist es für Menschen auf Dauer viel zu weit. Unter der Hand sagen Strategen der europäischen Raumfahrtagentur Esa: Selbst die äußeren Planeten unseres Sonnensystems sind für bemannte Flüge unerreichbar. Außer, es werden neue Nuklearantriebe erfunden und eingesetzt - was allerdings reichlich politische Brisanz bergen würde.

Albtraum für Projektmanager

Schon unsere Planetennachbarin Venus ist für Menschen äußerst ungemütlich; ihre Oberfläche ist fast 500 Grad Celsius heiß. Nicht zu reden davon, dass jede All-Reise in unsere unmittelbare planetare Nachbarschaft auch in 60 Jahren ein teures Großprojekt wäre - dessen Nutzen wohl viele argwöhnisch hinterfragen würden.

Immerhin, eine bemannte US-Marsmission und eine permanent besetzte Mondstation sind schon jetzt als längerfristige Raumfahrt-Projekte angekündigt. Allerdings zeigt ein Blick in die Historie, dass schon diese beiden recht überschaubaren Ziele ein Abenteuer für die Astronauten darstellen werden - und den Projektmanagern noch viele Sorgen bereiten dürften.

Zur Erinnerung: 1972 verkaufte die US-Raumfahrtindustrie der Nixon-Regierung das Space Shuttle als eine Art Universal-Orbitalflugzeug. Drei Jahrzehnte und zwei Katastrophen später musste Nasa-Chef Michael Griffin 2005 einräumen, dass es sich beim Shuttle immer noch um ein experimentelles Fahrzeug handelt - "fundamentally an experimental vehicle".

Fest steht: Planeten-Reisen über weite Strecken müssten auch in den kommenden Jahrzehnten internationale Projekte sein - schon aus Kostengründen. Nur sind solche Projekte anfällig für jahrelange Verzögerungen, explodierende Kosten, immer neue politische Neuverhandlungen der Entwürfe. Siehe die Internationale Raumstation ISS: Diese wurde nach jahrelangen Planungsänderungen zwar tatsächlich gebaut - sie kreist aber immer noch als ihre eigene Sparausgabe um die Erde.

Andere Projekte starben dagegen einen langsamen Tod. Beispiel "Hermes": In den achtziger Jahren als europäischer Raumgleiter geplant, wurden viele Entwürfe, Modelle und Berechnungen produziert, bis Anfang der neunziger Jahre aus dem ungebauten Astronauten-Transporter ein Stück Bürokratiegeschichte wurde.

Wenn also heute über künftige Mond- und Marsflüge, gar über Exkursionen zu den Asteroiden gesprochen wird, dann muss die skeptische Prognose lauten: Bei der Eroberung der Planeten wird es bei Nasa, Esa und Co. länger dauern als verkündet. Es wird deutlich teurer als behauptet. Und ein unrühmliches Ende droht schon vor der ersten Triebwerkszündung.

Mehr Demokratie im All

Die rasanteste Entwicklung wird in den kommenden Jahrzehnten in der unmittelbaren Umlaufbahn der Erde stattfinden - und auf ihrer Oberfläche zu spüren sein. "Die Raumfahrt wird demokratischer", sagt René Laufer vom Stuttgarter Institut für Raumfahrtsysteme (IRS) zu SPIEGEL ONLINE. "Auf dem Markt, den heute bürokratische Raumfahrtbehörden und wenige große Konzerne prägen, werden sich in 60 Jahren viele weitere Akteure tummeln."

Laufer selbst ist am IRS Projektleiter für eine kleine Mondsonde. Den Start des 200 Kilogramm leichten Vehikels taxiert er auf 2010. Bisher nutzen erst wenige Universitäten frei bleibende Nutzlast-Kontingente bei regulären Raketenstarts als preiswerte Mitfluggelegenheiten, um eigene Mini-Satelliten im Waschmaschinenformat in den Orbit zu schaffen. Und zum Mond hat sich so noch niemand vorgewagt. Das soll sich ändern.

"Wir wollen den nächsten Schritt tun", sagt Laufer. Als Sparmeister der Szene gehen solche Projekte auch mehr technische Risiken ein, als es die etablierten Raumfahrtbehörden akzeptieren würden. Die Komponenten für den Mondflieger stammen aus dem Elektronikshop und nicht von teuren Weltraumausrüstern. Dafür wird die "BW1"-Sonde (BW steht für Baden-Württemberg) kaum zehn Prozent des europäischen Mondprojektes "Smart-1" kosten, das immerhin 120 Millionen Euro des Esa-Etats verschlang.

Die Vielfalt im erdnahen All wird bis 2067 dramatisch zunehmen. "Künftig werden neue Firmen Raketenstarts als Dienstleistung anbieten", sagt Laufer. "Bei weiterer Miniaturisierung werden kleine Nutzlasten viel preiswerter als heute ins All geschossen." Dazu reicht ein abgelegener Startplatz, von dem vergleichsweise kleine Raketen gen Himmel zischen. Sie werden den heutigen Höhenforschungsraketen ähneln.

Nutzen des Luxus-Alltourismus

Unprätentiös eng wird es 2067 auf den Raumstationen zugehen, auf denen betuchte All-Touristen übernachten werden - als Teil eines Pauschalpakets mit Erd- oder Mondumkreisungen. Auch in 60 Jahren wird dies jedoch ein Vergnügen für Paris Hiltons verzogene Enkel sein und nicht für die breite Masse.

Doch kommerzielle Weltraumtourismusprojekte - wie Virgin Galactic, Robert Bigelow mit "Genesis 1" oder der ebay-Gründer Jeff Bezos sie vorantreiben - könnten weitere preiswerte Fracht-Lifts ins All ermöglichen.

Durch die größere wirtschaftliche Dynamik bei preiswerten Klein- und Kleinstsatelliten werden immer mehr Firmen Anwendungen der vielseitigen Orbitalzwerge vermarkten - auch in Schwellenländern. So könnte jede Region der Welt über preiswerte Internet- und Telefondienste an die globale Wirtschaft angeschlossen werden. So kehrt ein alter Traum zurück: Dorfbewohner in Westafrika müssten dann nicht mehr Blechspielzeug für Dritte-Welt-Läden basteln, sondern würden könnten als Telearbeiter in die Wissensökonomie eingebunden werden.

Und was wird aus der Mond-Vision von Ex-Astronaut Schmitt? Vielleicht ist auf der Erde bis 2067 ein Fusionsreaktor in Betrieb, der mehr Energie erzeugt, als er verschlingt. Entwürfe wie der Iter, den die führenden Technologienationen in Südfrankreich bauen wollen, sind jedoch nicht auf lunare Brennstoffe angewiesen. Nicht wegen der schieren Möglichkeit wird ein Rohstoff ausgebeutet - sondern erst wenn es wirtschaftlich Sinn ergibt. Bei Helium-3 deutet nichts darauf hin. Und ein anderer dermaßen begehrter Stoff müsste erst ausgemacht werden - für eine eventuelle Ausbeutung in einer unbestimmten, fernen Zukunft.

IRS-Chef Hans-Peter Röser kann sich vorstellen, dass der Mensch dereinst in seiner direkten kosmischen Nachbarschaft nach Titan graben wird. "Eines Tages wird über die Rohstoffe des Mondes verhandelt werden", sagt er. Und bei diesen Gesprächen würden diejenigen am Verhandlungstisch sitzen, die zuvor Mondforschung betrieben haben.



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