Raumfahrt Angst vor Chinas Weltraum-Plänen

Gut vier Jahrzehnte nachdem Russland Jurij Gagarin ins All schickte, hat jetzt auch China eine bemannte Weltraummission gestartet. Die Amerikaner betrachten den Erfolg der Chinesen mit gemischten Gefühlen. Sie fürchten militärische Ambitionen der Regierung in Peking.

Die Pekinger Propaganda ist des Lobes voll über den ersten chinesischen Raumfahrer. Yang sei als erfahrener Militärpilot psychisch und physisch der Beste unter den Kandidaten gewesen, hieß es. Zudem sei er Computerfreak und verfüge über exzellente wissenschaftliche und technische Voraussetzungen. Sollte der 38-jährige Oberstleutnant der Volksbefreiungsarmee den Flug heil überstehen, dürfte er ein Volksheld werden.

Ob die erste bemannte Weltraum-Mission Chinas wirklich als Triumph in Erinnerung bleibt, wird jedoch erst nach der Landung der Raumkapsel feststehen. In der Nacht zum Donnerstag soll "Shenzhou 5" zwischen Mitternacht und 1.00 Uhr in der Inneren Mongolei aufsetzen. Ein Unfall könnte Pekings Raumfahrtprogramm - ähnlich wie das amerikanische nach den "Challenger"- und "Columbia"-Katastrophen - um Jahre zurückwerfen.

"Shenzhou" fliegt, Shuttles bleiben am Boden

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Erfolgreicher Start: China schießt Taikonaut ins All

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Mit dem gelungenen Start aber ist China in den exklusiven Club der Weltraum-Großmächte vorgestoßen. Als dritter Staat nach Russland und den USA stellte das Riesenreich unter Beweis, dass es mit eigener Technik einen Menschen auf eine erdnahe Umlaufbahn zu bringen vermag. Die Pekinger Führung feiert den Flug denn auch als einen wichtigen Meilenstein auf Chinas Weg zur Wiedererlangung seiner nationalen Größe. Dabei denkt man sicher nicht nur an die politischen, ökonomischen und technischen, sondern auch an die militärischen Aspekte. Der späte chinesische Triumph kommt zu einem kritischen Zeitpunkt der internationalen bemannten Raumfahrt. Die verbliebenen drei US-Shuttles sind nach der "Columbia"-Katastrophe vom 1. Februar noch mindestens bis September 2004 an den Boden genagelt. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass sie für immer im Hangar blieben. Ein Nachfolger ist zwar schon angedacht, doch er wird selbst nach optimistischen Prognosen frühestens 2009 zur Verfügung stehen.

ISS muss sich auf "Sojus"-Kapseln verlassen

Dadurch kocht das Jahrtausendprojekt Internationale Raumstation ISS weiter auf Sparflamme. Die Hauptlast bei der Absicherung wenigstens einer Zwei-Mann-Mindestbesatzung lastet derzeit allein auf den Schultern der Russen mit ihren kleinen "Sojus"-Schiffen. Doch Moskaus Geld reicht nur, um zwei bemannte Schiffe im Jahr zu starten. Die Chruschtschowschen Zeiten, da man Raketen wie Würstchen am Fließband produzierte, sind lange vorbei.

Mit der Weltraumpremiere stärkt China seine Position als ernst zu nehmender Konkurrent der Amerikaner und Russen. Peking hat wiederholt seine Bereitschaft bekundet, stärker international zu kooperieren. So will es als gleichberechtigter Partner am europäischen "Galileo"-Programm, dem Konkurrenten zum US-Satellitennavigationssystem GPS, teilnehmen. Auch hinsichtlich der ISS haben die Chinesen Ambitionen.

Während die Russen seit einigen Jahren wieder engen Kontakt zu Peking auch im Bereich der Raumfahrt unterhalten, sehen die Amerikaner die Weltraumerfolge der Chinesen mit gemischten Gefühlen. Sie fürchten vor allem militärische Ambitionen Pekings im All. Denn nach wie vor gilt für sie: Wer den Weltraum beherrscht, beherrscht auch die Erde. Die Chinesen ihrerseits bekamen während des Irak-Feldzugs einmal mehr die überragende Bedeutung weltraumgestützter Nachrichtenmittel vor Augen geführt.

Einbindung oder Isolierung Chinas?

Nicht von ungefähr heißt es vor allem aus amerikanischen Quellen, dass bereits bei den unbemannten Tests der "Shenzhou 5"-Raumkapsel ("Götterschiff") Spionagekameras an Bord gewesen seien. Doch es werden auch Stimmen laut, die zu überlegen geben, ob man die chinesischen Raumschiffe nicht in das ISS-Programm einbeziehen könnte, um es zu beleben.

In einer offiziellen Stellungnahme begrüßte die Nasa den chinesischen Raketenstart. Er sei eine wichtige Errungenschaft in der Geschichte der Weltraumforschung, hieß es. Warme Worte kamen auch von der Europäischen Weltraumorganisation. "Unsere herzlichsten Glückwünsche an die Volksrepublik China für diesen großen Erfolg", sagte Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain. Die Zuverlässigkeit der chinesischen Weltraumtechnologie sei unter Beweis gestellt. "Diese Mission könnte der Beginn einer neuen Ära engerer weltweiter Zusammenarbeit in der Raumfahrt sein."

Esa arbeitet mit Peking zusammen

Kontakte zwischen der Esa und China bestünden bereits seit 1980, erklärte Dordain. Zu den jüngsten Kooperationen zähle die Mission "Double Star", die für Dezember dieses Jahres und Frühjahr 2004 geplant sei. Dabei würden zwei Satelliten mit chinesischen Raketen in den Weltraum gebracht, die Auswirkungen der Sonnenaktivität auf die Umgebung der Erde erforschen sollen.

Die Russen schrieben sich den chinesischen Erfolg unterdessen zum Teil auf die eigene Fahne. "Das ist ein Ereignis von Weltrang", sagte der Parlamentsvorsitzende Gennadi Selesnjow. In der russischen Öffentlichkeit wurde betont, dass die chinesische Technik eindeutig auf sowjetischen Errungenschaften beruhe. Die Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch 2F" sei eine Kopie der "Sojus"-Rakete, berichtete der Fernsehkanal ORT. In der Staatsduma betonten Abgeordnete, zu diesem "Riesenerfolg" hätten sowjetische Experten reichlich Vorarbeit geleistet.

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