Raumfahrt-Geschichte Die ersten Erd-Fotos aus dem All

Vor 60 Jahren haben Forscher erstmals die Erde aus dem All fotografiert. Die historischen Schnappschüsse waren Nebenprodukte des ersten Raumfahrtprogramms der USA. Deutsche Raketen trugen die Premieren-Kamera - doch die ersten Bilder sind verschollen.

Von Stefan Schmitt


Vor 60 Jahren, im Herbst 1946, donnerte eine 14 Meter hohe schwarz-weiß angestrichene Rakete in den Himmel über New Mexico. Am Boden verfolgten Soldaten der US Air Force den Weg der in Nazi-Deutschland erbeuteten V2, die mit ihren vier Leitwerken entfernt an einen Dart erinnerte. Sie beobachteten eine historische Premiere: In der Rakete steckte eine 35-Millimeter-Filmkamera, die gemächlich alle anderthalb Sekunden ein Bild belichtete. Es sind die ersten Fotos der Erde aus dem Weltraum. Und sie sind verschollen.

"Ich konnte sie nicht in unseren Unterlagen finden", sagte Jim Eckles, Presseoffizier der White Sands Missile Range, zu SPIEGEL ONLINE. "Wahrscheinlich sind sie irgendwo falsch abgeheftet worden." Die erste Außenansicht von der Erde - verschwunden in der falschen Akte. "Aber wir haben ein Foto, das im nächsten Jahr aus einer Höhe von 101 Meilen aufgenommen worden ist", sagte Eckles. Am oberen Rand des grobkörnigen Schwarzweiß-Fotos ist der gekrümmte Horizont zu erkennen, dahinter der schwarze Weltraum. Davor liegen die kalifornische Halbinsel, die Baja California, und der Südwesten der USA. Eine per Schreibmaschine beschriftete Skizze zeigt, was da zum Teil unter Wolken verborgen liegt: die Insel Angel de la Guarda im Süden, der Pazifik im Westen, der Colorado River im Norden und im Vordergrund der Bundesstaat Arizona.

Drei weitere Aufnahmen aus dem Jahr 1947 wurden am Boden zu einem Mosaik der südwestlichen USA zusammengeklebt: der erste Panoramablick auf den Planeten. "Um welche Mission es sich bei dieser Sequenz handelt, kann ich nicht genau sagen. Wir haben keine wirklich vollständigen Unterlagen der V2-Aufnahmen", sagte Eckles. In einer Tabelle auf der WSMR-Website hat er alle Tests aufgeführt, die sich rekonstruieren lassen.

Pionierfotos als Beiprodukt der Flugversuche

Tatsächlich waren die unscharfen Pionierfotos zunächst kaum beachtete Nebenprodukte des Rennens der Supermächte in den Weltraum - wobei sie sich deutscher Trägertechnologie aus dem Zweiten Weltkrieg bedienten: Unter dem Namen A4 (für Aggregat 4) wurde die Rakete erstmals im Jahr 1942 an der damaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde getestet. Ihren martialischen Propagandanamen "Vergeltungswaffe 2" (kurz V2) erhielt sie erst im Oktober 1944 von Hitlers oberstem Hetzer Joseph Goebbels. Ab September setzte die Wehrmacht die Waffe vor allem gegen englische und belgische Städte ein, insgesamt flogen mehr als 3000 Raketen.

Der geistige Vater der Technologie, der Ingenieur Wernher von Braun, Mitglied in der NSDAP und der SS, stellte sich wenige Tage vor der Kapitulation des Deutschen Restreichs der US-Armee - die ihn und Angehörige seiner Forschungsgruppe als Teil der Operation "Paperclip" in die USA holten. Im thüringischen Nordhausen konnten die US-Truppen rund 100 V2-Raketen erbeuten, demontieren und in die USA bringen. Dort dienten sie dann in White Sands als Grundlage des US-Raumprogramms. Auch die ersten Raketenstarts im späteren Raumfahrtbahnhof Cape Canaveral in Florida fanden mit modifizierten V2-Raketen namens "Bumper" statt: Auf sie hatte man eine "WAC Corporal"-Rakete als zweite Stufe montiert.

Die Raketenentwickler in White Sands interessierten sich zunächst vor allem für die Steuerung und die Flughöhe ihrer Geschosse. Eine sinnvolle Verwendung für deren bescheidenen Laderaum gab es nicht. "Wissenschaftler wurden eingeladen, die Raketenspitze mit Instrumenten zu füllen, um Temperatur, Druck, Magnetfelder und andere physikalische Eigenschaften der unerforschten oberen Atmosphärenschichten zu erkunden", schreibt der Raumfahrtexperte Tony Reichhardt im "Air & Space Magazine" der Washingtoner Smithsonian Institution. Bereits im Juli 1946 sollen bei diesen Nebenbei-Experimenten auch Fruchtfliegen ins All gelangt sein - als erste irdische Organismen überhaupt.

"Sie waren in Ekstase, sprangen auf und ab"

In den Kindertagen der Raumfahrt zeichnete sich das problematische Missverhältnis ab, das vielen All-Projekten bis heute anhaftet: Allein der schiere Transport und die damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen erforderten übergroße Aufmerksamkeit; naturwissenschaftliche Forschung lief nur nebenbei. So verschwanden die Zaungäste der frühen Allflüge nach dem Ende der Experimente auch wieder von der White Sands Missile Range, ohne große Spuren zu hinterlassen.

"Die Vertreter der unterschiedlichen Labors und der anderen Einrichtungen, die diese Nutzlasten gebaut haben, verschwanden normalerweise mit ihren Daten und Unterlagen", sagte Eckles. "Niemand hier hat je versucht, das alles wieder zusammenzutragen." Am 24. Oktober 1946, das sagen die Protokolle, fand jener erste Flug mit einer Filmkamera in der Spitze der V2 statt. Der damals 19-jährige Wehrpflichtige Fred Rulli berichtete im "Air & Space Magazine", dass die Kamera bei der Landung in der Wüste zerstört wurde. Den Film aber habe eine harte Stahlkassette geschützt. Als die Forscher die Aufnahmen bargen, seien sie außer Rand und Band gewesen. "Sie waren in Ekstase, sprangen auf und ab wie kleine Kinder", so Rulli.

Nazi-Deutschland war nicht an Weltraumfotos interessiert

Der Entwickler der Kamera, der Ingenieur Clyde Holliday, schrieb 1950 enthusiastisch in der Zeitschrift "National Geographic": Die V2-Fotos hätten zum ersten Mal gezeigt, "wie unsere Erde für Besucher in einem Raumschiff von einem anderen Planeten aussehen würde". Bis 1950 entstanden über 1000 Aufnahmen während der V2-Flüge. Daraufhin prophezeite Holliday, was heute selbstverständlich klingt: "Die Ergebnisse dieser Tests weisen auf eine Zeit hin, in der Kameras auf Lenkraketen zur Aufklärung im Krieg montiert werden, in Friedenszeiten könnten unzugängliche Gegenden erforscht werden und sogar Wolken, Sturmfronten und Niederschlagsgebiete über ganzen Kontinenten binnen Stunden fotografiert werden." Seine kühne Prognose mündete in der Vorhersage, dass "die gesamte Landmasse des Planeten auf diese Art kartiert werden kann".

Die Fotos von Anfang 1947 sind die ältesten auffindbaren Bilder der Erde aus dem Weltraum. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es frühere gibt", sagte Niklas Reinke vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Bonn. Wer hätte die auch schießen sollen? Der Aufstieg der Raumfahrtnationen USA und UdSSR begann mit erbeutetem Kriegsgut aus Peenemünde an der Ostsee. Und zumindest am Anfang hatten dabei die Amerikaner die Nase vorn.

Der erste Flug über die Grenzen der Erdatmosphäre fand aber bereits am 2. Oktober 1942 von der Ostseeküste aus statt. Könnten nicht die Deutschen das erste Foto aus dem Weltraum aufgenommen haben? "Mir ist nicht bekannt, dass mit der A4 von Peenemünde aus schon erste Aufnahmen gemacht wurden", sagte Reinke zu SPIEGEL ONLINE. Er hat seine Doktorarbeit über die Geschichte der deutschen Raumfahrt geschrieben. Im Nazi-Reich waren Raketen Waffensysteme, sonst nichts. "Wissenschaftlich genutzt wurden diese Flüge nicht", sagte Reinke. "Es ging darum, eine Tonne Sprengstoff nach London zu bringen."



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