Raumfahrt-Geschichte Wie sich die Nasa bei Hitlers Ingenieuren bediente

Jahrelang träumten die Nazis davon, die USA anzugreifen. Langstreckenwaffen sollten Tod und Verderben über die Metropolen der US-Ostküste bringen. Die Ideen der deutschen Ingenieure wurden nie umgesetzt, aber nach dem Krieg von der US Air Force und der Nasa recycelt.


"Silbervogel"-Entwurf von Eugen Sänger: Revolutionäres Konzept
NASA

"Silbervogel"-Entwurf von Eugen Sänger: Revolutionäres Konzept

Als die Sowjets im August 1957 die weltweit erste Interkontinentalrakete SS-6 starteten und sechs Wochen später damit sogar den Sputnik-Satelliten in den Orbit schossen, traf die Amerikaner ein Schock. Denn die UdSSR hatte eine technische Bedrohung realisiert, die den USA bereits bekannt war - allerdings nur als Theorie: Im Zweiten Weltkrieg hatten deutsche Ingenieure im Auftrag Hitlers an Fernraketen geforscht. Im Fadenkreuz des V2-Nachfolgeprojekts: New York und Washington.

Hauptaufgabe des geheimen Raketenprogramms unter Wernher von Braun auf der Ostseeinsel Usedom war die Entwicklung und Produktion der einstufigen V2-Rakete. Flüssigsauerstoff und Alkohol aus der heimischen Kartoffelproduktion bildeten den Treibstoff, der die zwölf Meter lange "Vergeltungswaffe" auf vierfache Schallgeschwindigkeit beschleunigte. In ihrer Spitze trug sie eine Tonne Sprengstoff in bis zu 300 Kilometer entfernte Ziele. Vor allem die Bewohner von London und Antwerpen waren im Visier der Überschall-Rakete, gegen die es keine Vorwarnung gab.

Pläne für den Angriff auf Amerika

Doch die Überlegungen in den Konstruktionsbüros gingen bereits ab 1940 über das "Aggregat 4", so die ursprüngliche Bezeichnung der V2, hinaus. Mit der "A9/A10" erschien erstmals eine zweistufige Interkontinental-Rakete auf den Reißbrettern der deutschen Konstrukteure. Die erste Stufe sollte rund eine Minute brennen und das Geschoss auf Schallgeschwindigkeit beschleunigen. Die Ingenieure wollten dann die zweite, geflügelte Stufe zünden, die eine Gipfelhöhe von 350 Kilometern erreichen sollte. In einem langgestreckten Gleitflug sollte sie in 35 Minuten die 5000 Kilometer bis zu den amerikanischen Ostküstenstädten überbrücken.

Wernher von Braun mit V2-Modell: Von Peenemünde in die USA
NASA

Wernher von Braun mit V2-Modell: Von Peenemünde in die USA

"Unzählige Flugbahnen waren durch unseren hervorragenden Flugmechaniker durchgerechnet worden", notiert der Peenemünder Kommandeur Walter Dornberger in seinen Memoiren. "Die Steuerungsverfahren waren untersucht und die Entwicklung der Geräte begonnen worden."

Aber schon die technisch einfachere V2 war zu dieser Zeit nicht völlig ausgereift, und zu viel knappe Kapazität war im A9/A10-Projekt gebunden. Deshalb wurde die "Amerikarakete" ab 1942 auf Eis gelegt. Lediglich in den letzten Kriegsmonaten konnten noch zwei Exemplare der zweiten Stufe getestet werden.

Mit dem Kriegsende drehte sich der Wind. Braun und über hundert seiner Ingenieure traten bereits 1945 in amerikanischen Dienst und entwickelten für das Militär in den folgenden Jahren aus der V2 die Redstone-Rakete. Nach dem Sputnik-Schock eilig modifiziert, brachte sie knapp vier Monate nach den Sowjets den ersten US-Satelliten "Explorer-1" ins All. Auch Dornberger, der die Amerikarakete später gern zu einem zivilen Transportmittel umdeutete, heuerte nach dem Krieg bei der US-Luftwaffe an.

Revolutionäres aus der Lüneburger Heide

Auch weit abseits von Peenemünde gediehen revolutionäre Entwürfe, die erst weit in der Zukunft ihre volle Wirkung entfalten sollten. In der Lüneburger Heide und später im bayrischen Ainring entwarf Eugen Sänger ab 1937 bahnbrechende Konzepte für Raketenflugzeuge. Der Raumfahrtpionier war überzeugt, der Königsweg ins All führe über den Raumgleiter - ein Zulieferer künftiger Orbitalstationen, der aus dem Flugzeug weiterentwickelt werden sollte. Dafür entwarf Sänger ein "luftatmendes Staustrahltriebwerk".

Überschall-Flugzeug "X-15": Weiterentwicklung von Sängers Ideen
NASA

Überschall-Flugzeug "X-15": Weiterentwicklung von Sängers Ideen

Doch im Krieg war kein Platz für Träume von friedlicher Weltraumforschung: Aus Sängers Gleiter- wurde ein Fernbomber-Konzept. Das 100 Tonnen schwere Flugobjekt wurde liebevoll "Silbervogel" getauft. Sängers Berechnungen zufolge war der nötige Sauerstoff aus komprimierter Luft im Eingang des Triebwerks abzuzweigen. Verglichen mit von Brauns V2 ein vorteilhaftes Konzept, denn die V2 musste sämtlichen Sauerstoff auf Kosten der Nutzlast mit sich schleppen.

Mit 15 Metern Spannweite und 28 Metern Länge sollte der Bomber auf einem Raketenschlitten auf Überschalltempo katapultiert werden und nach dem Abheben eine Höhe von 300 Kilometern erreichen. Als Endgeschwindigkeit schwebte Sänger mehr als 20-fache Schallgeschwindigkeit vor - ein Wert, den bis heute kein Flugzeug erreicht hat.

Beim Zurückgleiten sollte das Fluggerät auf den dichteren Luftschichten wie ein flach über das Wasser springender Stein mehrfach abprallen. So sollte der "Silbervogel"-Pilot fast vier Tonnen Bombenfracht jenseits des Atlantiks abwerfen und bis zu einem sicheren Flughafen hüpfen können.

Neben detaillierten theoretischen Arbeiten erprobte Sänger Modellversionen des "Silbervogel"-Antriebs auch in der Praxis. Bei Flugversuchen montierte er das Triebwerk Huckepack auf einem Propellerflugzeug. Die starke Triebwerkshitze soll Teile der Flugzeughaut geschmolzen haben.

Am Kriegsende war der Silbervogel noch weit davon entfernt, sein Nest zu verlassen. Sängers Arbeit inspirierte jedoch später den Bau amerikanischer Raketenflugzeuge wie der berühmten X-15 und X-20. Zu friedlichen Zwecken mochten auch die Amerikaner Sängers Entwürfe nicht nutzen: Die X-20, später auch "Dyna Soar" genannt, sollte in einer suborbitalen Bahn die UdSSR überfliegen - und Wasserstoffbomben abwerfen können.



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