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Kosmische Strahlung: Russlands Raumfahrt

Foto: Mikhail Metzel/ AP

Folge der Sanktionen Bauteile für Russlands Raumschiffe werden knapp

Die Auswirkungen der Ukraine-Krise reichen bis ins All: Wegen der westlichen Sanktionen geht Russlands Raumfahrtbranche Spezial-Hardware aus. Ersatz ist nur schwer zu beschaffen.

Für viele Astro-Fans ist der Weltraum der Sehnsuchtsort schlechthin. Für Elektronikhersteller gleicht der Kosmos eher einem Albtraum. Denn dort prasseln permanent Abertausende rasend schneller Teilchen auf Raumschiffe ein. Die kosmische Strahlung  ist für Menschen wie für Bauteile gefährlich.

Raumschiffe, die teils über Jahre funktionieren sollen, müssen daher besonders abgeschirmt und mit Spezial-Hardware bestückt werden, die das Bombardement aus Elektronen und Atomkernen schadlos übersteht. Russlands Raumfahrtagentur Roskosmos besorgte sich diese Spezial-Hardware bislang fast ausschließlich in Westeuropa und den USA. Doch nach den Sanktionen wegen der Ukraine-Krise ist damit Schluss - und das bringt die stolze Raumfahrtnation in große Nöte.

Die Raketen müssen nicht sofort am Boden bleiben, Raumschiffe werden schließlich über Jahre gebaut und viele Komponenten lagern im Depot. Doch Nachschub gibt es keinen mehr. Um den drohenden Engpass zu beheben, will Vizepremier Dmitrij Rogosin jetzt eine eigene Mikroelektronik-Produktion für die Raumfahrtbranche aus dem Boden stampfen. Das Zauberwort lautet Importablösung. Die Sanktionen seien "eine Prüfung für den nationalen Charakter" der Russen, sagte der für das Militär und die Raumfahrt zuständige Politiker. "Ich garantiere, dass die Aufgabe gelöst wird."

Wie das angesichts des veralteten Maschinenparks gelingen soll, bleibt Rogosins Geheimnis, schließlich fallen auch viele Hightech-Maschinen zur Chipherstellung unter die Sanktionen. Der Vizepremier versuchte nicht einmal groß zu kaschieren, dass eine russische Rakete ohne westliche Technologie kaum starten könnte. Man habe die Bauteile bislang überwiegend im Ausland gekauft. Nur eine sehr kleine Anzahl sei selbst produziert worden.

Nicht auf alles Ausländische verzichten

Die von Rogosin großspurig angekündigte Eigenproduktion wird es jedoch so schnell nicht geben. Denn neben den Maschinen fehlt dazu in den Betrieben bei Roskosmos auch die gesamte mittlere Generation der Facharbeiter. Diese ist wegen der niedrigen Löhne längst in die Privatwirtschaft gewechselt.

Der Chef des größten nationalen Satellitenproduzenten Russische Kosmische Systeme (RKS), Andrej Tjulin, will das möglichst schnell rückgängig machen. Man müsse die Spezialisten zurückholen, die das Unternehmen in den letzten Jahren verlassen haben. Zugleich versprach er, weiterhin wie geplant die Eigenproduktion der wichtigsten Bauteile für das Weltraumnavigationssystem Glonass zu sichern. Damit hat sich der Manager weit aus dem Fenster gelehnt. Denn für das Prestigeobjekt Glonass gilt das Ziel, die Genauigkeit noch in diesem Jahr unter einen Meter abzusenken, um in etwa mit dem GPS-System der Amerikaner gleichzuziehen.

Der Chef der Vereinten Raketen- und Raumfahrtkorporation (ORKK), Igor Komarow, räumte ein, dass die Sanktionen für sein Land "natürlich schmerzhaft" seien. Nunmehr müsse man eine "weniger schmerzhafte und billigere Methode für die Lösung dieser Frage finden".

Komarow deutete zugleich eine mögliche Lösung für das Problem an. Man könne nicht auf alles "Ausländische" verzichten und werde mikroelektronische Bauteile und Maschinen von "zuverlässigen Zulieferern" in China, Südkorea und anderen asiatischen Staaten kaufen.

Medwedew warnt vor Totalverzicht auf Importe

Inzwischen hat auch Ministerpräsident Dmitrij Medwedew das Zauberwort Importablösung ein bisschen entzaubert. In einem Interview warnte er vor einer totalen Ablösung von Importen, da das Risiken berge. Denn wenn die Konkurrenz entfalle und der Markt "verschlossen" werde, sinke die Qualität. Besser wäre es, wenn die russische Industrie sich in der Eigenproduktion auf jene Zweige konzentriere, die international wettbewerbsfähig seien.

Im Streit mit dem Westen zeigt sich Russland inzwischen sogar versöhnlich. Noch vor wenigen Wochen hatte der Vizepremier angesichts der USA-Sanktionen getönt, wenn Washington mit seinem Land nicht mehr in der Raumfahrt kooperieren wolle, müssten die Amerikaner eben künftig "mit dem Trampolin" zur Internationalen Raumstation ISS starten. Er drohte ihnen damit die Höchststrafe an: Das Mitflugverbot zur ISS. Außerdem wollte er nur noch Triebwerke für die amerikanischen "Atlas"-Raketen liefern, wenn diese nicht für militärische Zwecke genutzt werden.

Inzwischen ist Rogosin merkwürdig kleinlaut geworden. "Wir sind Pragmatiker, Realisten", räumte er jüngst ein. Man habe nicht die Absicht, sich selbst "ins Knie zu schießen". Deshalb werde Russland nicht auf die Lieferung der Raketentriebwerke verzichten, weil man sonst kein Geld für die Entwicklung der eigenen Produktion verdiene. Sein Land dürfe sich nicht so "dumm und propagandistisch" aufführen wie die EU und die USA, sondern so handeln, dass man "die Energie des Gegners ausnutzt", dozierte der Vizepremier.

Die dringend benötigten Bauteile bekommt Russland so trotzdem nicht, aber zumindest wird der Schaden für die eigene Raumfahrtbranche nicht noch größer.