Kosmische Alleingänge Die nicht mehr ganz so internationale Raumstation

Kooperation im All, trotz Krisen auf der Erde – das war bisher das Motto der Raumfahrt. Doch diese Zeiten könnten vielleicht bald vorbei sein. China und Russland arbeiten an eigenen Außenposten im Weltraum.
Bild der im Bau befindlichen chinesischen Raumstation in einem Museum in Peking

Bild der im Bau befindlichen chinesischen Raumstation in einem Museum in Peking

Foto: TINGSHU WANG / REUTERS

Konfuzius kannte natürlich noch keine Weltraumraketen. Den viel zitierten Satz des chinesischen Philosophen, wonach auch der weiteste Weg mit einem ersten Schritt beginnt, muss man also im übertragenen Sinn sehen. Chinas weiterer Weg ins Weltall, zum Beispiel, begann an diesem Freitag mit einer gemütlichen Eisenbahnfahrt: Am Weltraumbahnhof im südchinesischen Wenchang wurde eine riesige Rakete des Typs »Langer Marsch 5B« auf Schienen zum Startplatz gerollt.

Für 2,7 Kilometer Fahrt brauchte der 55-Meter-Koloss zweieinhalb Stunden. In der Spitze der Rakete befand sich das erste Modul der neuen chinesischen Raumstation. Voraussichtlich in der kommenden Woche, das genaue Datum ist nicht bekannt , wird es – dann deutlich schneller als bei der Zugfahrt – in den Weltraum abheben und anschließend in 370 Kilometer Höhe um die Erde kreisen.

»Langer Marsch«-Rakete in Wengchang: Erstes Modul der Raumstation an Bord

»Langer Marsch«-Rakete in Wengchang: Erstes Modul der Raumstation an Bord

Foto: Guo Wenbin / dpa

Es ist ein weiterer Schritt in Chinas ambitioniertem Weltraumprogramm, das in absehbarer Zeit auch Menschen zum Mond bringen soll. Mit unbemannten Sonden hat die Volksrepublik dort schon eine spektakuläre Landung auf der erdabgewandten Seite hingelegt und sogar Gesteinsproben zur Erde befördert. Mit der neuen Station im Erdorbit sollen sich Pekings Raumfahrerinnen und Raumfahrer nun Routine für tiefere Vorstöße ins All holen.

China darf wegen eines Beschlusses des US-Kongresses nicht bei der Internationalen Raumstation (ISS) mitmachen. Deswegen ist es nur folgerichtig, dass das Land eigene Außenposten im All aufbaut. Doch auch einer der beiden wichtigsten ISS-Partner plant, in Zukunft wieder allein im Weltraum unterwegs zu sein: Russland will ebenfalls eine eigene, nationale Station aufbauen. »Wenn du es gut machen willst, mach es selbst«, so  Dmitri Rogosin, Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos.

Kooperation im All, trotz Krisen auf der Erde – das war bisher das Motto der Raumfahrt. Es wurde nicht nur in politischen Sonntagsreden bemüht, sondern zeigte sich zwei Jahrzehnte lang im Tagesgeschäft. Krieg in der Ukraine, Russlands Annexion der Krim, Syrienkonflikt, gekündigte Abrüstungsverträge – dennoch flogen Russen, Amerikaner und ihre internationalen Partner gemeinsam ins All, lebten und forschten dort zusammen. Aktuell sind nicht weniger als elf Frauen und Männer aus vier Ländern auf der ISS.

Doch die große Party ist womöglich bald vorbei.

Russland hat zuletzt immer wieder auf das hohe Alter und die Fehleranfälligkeit von ISS-Komponenten verwiesen. Amerikaner und Europäer hingegen hatten den Zustand der Station gelobt. Probleme wie das Entweichen von Luft aus einem russischen Modul seien beherrschbar. Die Station könne wohl nicht nur, wie bisher vereinbart, bis 2024 weiter betrieben werden, sondern auf jeden Fall auch bis 2030. Für die Amerikaner, die auf viel mehr kommerzielle Aktivität auf der Station hoffen – Stichwort: Weltraumtouristen  – ist das interessant. Doch Moskau hat offenbar andere Pläne.

Man erwäge, den internationalen Partnern den Ausstieg aus dem ISS-Projekt ab dem Jahr 2025 mitzuteilen, erklärte  der russische Vizepremier Jurij Borissow kürzlich. Offiziell ist dieser Schritt noch nicht erfolgt, doch schon längst läuft in Russland die Planung für die Zeit danach. Genau 60 Jahre nach dem historischen Start von Jurij Gagarin möchte das Land in der Raumfahrt wieder sichtbarer werden. Man arbeitet dazu auch an neuen Raumschiffen (»Federazija« beziehungsweise »Orel«) und Raketen (»Amur « und »Jenissei «). Doch das Geld ist knapp. Mit dem Ausstieg aus der ISS, so hofft womöglich mancher Raumfahrtplaner in Moskau, würde man wieder etwas mehr Finanzmittel zur Verfügung haben.

Umzug von ISS-Modulen unwahrscheinlich

Mit Raumstationen haben die Russen seit dem Start von »Saljut 1« vor genau 50 Jahren viele Erfahrungen gesammelt. Doch das ist die Vergangenheit. In einer Produktionshalle des Raumfahrtkonzerns Energia in Koroljow nördlich von Moskau steht nun ein womöglich entscheidender Baustein für die Zukunft. Hier wird das Wissenschafts- und Energiemodul »NEM« gebaut, das die Russen ursprünglich 2024 zur ISS schicken wollten. Doch nun könnte es der Nukleus der neuen Station werden, wie Roskosmos-Chef Rogosin ankündigte . Allerdings müsste das Modul dafür umgebaut und unter anderem mit einem neuen Andockmodul und mit Kabinen für die Kosmonauten versehen werden.

Roskosmos-Chef Rogosin: »Wenn du es gut machen willst, mach es selbst«

Roskosmos-Chef Rogosin: »Wenn du es gut machen willst, mach es selbst«

Foto: Yuri Kochetkov / Pool via REUTERS

Die neue Station soll ab 2025 in einem ganz anderen Orbit unterwegs sein als die ISS. Die Bahn wäre vergleichbar mit der von Erdbeobachtungssatelliten, unter anderem würden dabei auch die Polargebiete überflogen werden. Das heißt aber auch: Es wäre extrem aufwendig, bereits an der Internationalen Raumstation verbaute Module zur neuen Station umzuziehen.

In Moskau rechnet man mit Kosten von umgerechnet rund sechs Milliarden Dollar für den Aufbau der neuen Präsenz im All. Womöglich kann man Geld dadurch sparen, dass die neue Station nicht dauerhaft besetzt ist. Wenn keine Raumfahrer an Bord sind, könnten Roboter die Experimente betreuen, heißt es.

Technikprobleme und Schlampereien in Russlands Raumfahrtindustrie

Vor ihrem Ausstieg aus der Internationalen Raumstation wollen die Russen allerdings auch dorthin noch ein Modul schicken. Es heißt »Nauka« und soll wahrscheinlich in diesem Jahr starten. Und wenn man sich die Geschichte dieses Projekts ansieht, weiß man, dass Russlands Ankündigungen zu zukünftigen nationalen Alleingängen im All zumindest mit etwas Vorsicht zu genießen sind.

Ursprünglich sollte das »Nauka«-Modul schon vor zwölf Jahren abheben. Doch es gab immer wieder technische Probleme und Schlampereien beim Bau, vor allem bei Treibstofftanks und -ventilen, die zu zahllosen Verzögerungen und Startverschiebungen führten. Wenn das Bauteil, an dem ein in Europa entwickelter Roboterarm befestigt werden soll, nun tatsächlich abhebt, ist es bereits sehr alt. Wollen und Können gehen in Russlands finanzschwachem Raumfahrtsektor längst nicht immer zusammen.

Bei der US-Weltraumbehörde wartet man angesichts der Ankündigungen aus Moskau erst einmal ab. »Wir haben immer noch eine sehr, sehr, sehr starke Beziehung zu Roscosmos und Russland bei der ISS«, so  Nasa-Interimschef Steve Jurczyk. Doch wie es dabei hakt, sieht man auch an den Verhandlungen zu den zukünftigen Mitflügen russischer Kosmonauten in amerikanischen Kapseln und umgekehrt.

Zuletzt war der US-Raumfahrer Mark Vande Hei Anfang des Monats mit einer »Sojus« gestartet. Die Amerikaner hatten den Sitz über eine Privatfirma gekauft. Doch die Gespräche zum Start eines Russen mit einer Kapsel der US-Firma SpaceX, die auch den nächsten Deutschen, Matthias Maurer, im Herbst ins All bringen soll, stocken derzeit.

Neue Allianzen

Die Chinesen haben ihr Raumfahrtprogramm ohnehin so ausgelegt, dass anderen Staaten höchstens die Rolle des Juniorpartners zukommt. Der Plan, dass ein Europäer mit ihnen ins All fliegen könnte, ist in den vergangenen Jahren nicht vorangekommen. Zusammenarbeit im Bereich der Wissenschaft gibt es aber durchaus.

Wenn in der kommenden Woche nun die Rakete mit dem Modul »Tianhe« abhebt, wird das in China als nationale Leistung gefeiert werden. Die Station soll schnell mit weiteren Komponenten ergänzt werden und Platz für drei Raumfahrerinnen und Raumfahrer bieten. Im Juni könnte die erste Besatzung einziehen, der Endausbau des Komplexes soll schon Ende 2022 erreicht sein.

Neben ihrer Station im Erdorbit planen die Chinesen auch eine am Mond. Dafür wollen sie sich mit Russland zusammentun . Außer der Ankündigung des Projekts weiß die Welt darüber aber bisher noch so gut wie nichts. In einer Erklärung werden internationale Partner aber explizit zur Teilnahme ermuntert. Würde die Zusammenarbeit von Moskau und Peking am Mond tatsächlich Früchte tragen, dann wäre die Zeit der Kooperation im All womöglich gar nicht vorbei.

Es würden nur andere Allianzen geschlossen als bisher.

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