Suche nach möglichem Leben "Wir Europäer sollten zur Venus fliegen"

Wenn Forscher nach Leben außerhalb der Erde suchen, schauen sie zum Mars. Doch der deutsche Raumfahrtkonzern OHB will nun die Venus in den Blick nehmen - auch wenn es dort sehr ungemütlich ist.

Falschfarben-Radarbild der Venusoberfläche: "Jetzt stellt sich die Frage, ob Leben existieren kann"
AFP PHOTO / Nasa / JPL / USGS

Falschfarben-Radarbild der Venusoberfläche: "Jetzt stellt sich die Frage, ob Leben existieren kann"

Ein Interview von


Am Jet Propulsion Laboratory (JPL) im kalifornischen Pasadena wird getestet, auch bei Airbus in Toulouse und beim Raumfahrtunternehmen Thales Alenia in Cannes: Gerade arbeiten Weltraumexperten an zwei Roboterautos, die im kommenden Jahr mit Raketen zum Mars geschossen werden sollen. "Mars 2020" heißt die Mission der Nasa, die Europäer wollen im Rahmen ihres "ExoMars"-Projektes den Rover "Rosalind Franklin" zum Roten Planeten schicken.

Eine der fundamentalen Fragen solcher Missionen: Hat es einst Leben auf dem Mars gegeben? Existiert es vielleicht sogar noch? Als ein Indiz dafür gelten etwa mysteriöse Methan-Ausgasungen, die sich in der Atmosphäre nachweisen lassen. Sie könnten von Mikroorganismen tief im Boden stammen.

Die Kenntnis von Leben außerhalb der Erde wäre eine der weitreichendsten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte: die Gewissheit, dass das Leben auf der Erde kein Sonderfall ist, die Gewissheit, dass wir nicht allein im All sind.

Von der Erde abgesehen ist der Mars - dank zahlreicher Orbiter und Landeroboter - bereits jetzt der am besten untersuchte Planet des Sonnensystems. Der deutsche Raumfahrtmanager Marco Fuchs sagt nun: Bei aller Begeisterung für den Roten Planeten ist ein anderer Himmelskörper in unserer Nachbarschaft beinahe in Vergessenheit geraten: die Venus.

Auch dort könnte es Leben geben. Im Interview erklärt der Vorstandsvorsitzende des Raumfahrtkonzerns OHB, wie es sich womöglich finden ließe.

SPIEGEL: Herr Fuchs, was haben Sie eigentlich gegen den Mars?

Fuchs: Gar nichts, der Mars ist ein prima Ziel für wissenschaftliche Sonden. Aber bei der Venus ist wissenschaftlich vielleicht mehr zu holen. Sie ist zu wenig erforscht. Wir Europäer sollten daher einen Landeroboter bauen und dorthin fliegen.

Zur Person
  • obs/OHB SE/Bettina Conradi
    Marco Fuchs, 57, leitet den Luft- und Raumfahrtkonzern OHB mit Hauptsitz in Bremen. Mit etwa 2700 Mitarbeitern macht die von seinen Eltern aufgebaute Firma einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Das Unternehmen fertigt Satelliten unter anderem für das "Galileo"-Navigationssystem oder das Aufklärungssystem "SARah". OHB hat Technik für das europäische Forschungslabor "Columbus" auf der Internationalen Raumstation und den Raumfrachter "ATV" geliefert und ist auch am geplanten europäisch-russischen "ExoMars"-Rover beteiligt.

SPIEGEL: Es ist ja nicht so, dass es noch keine Missionen zur Venus gegeben hätte. Vor allem die Sowjets sind mit Sonden mehrmals erfolgreich dort gelandet. Außerdem gab es Orbiter von Amerikanern, Europäern, Japanern.

Fuchs: Es waren trotzdem vergleichsweise wenige. Und gerade in den letzten Wochen und Monaten hat es ein paar hochinteressante wissenschaftliche Veröffentlichungen über den Planeten gegeben. Da ist mir klar geworden, dass die Zeit für die Venus wieder reif ist. Wir müssen uns endlich die ganz großen Fragen stellen.

SPIEGEL: Und die wären?

Fuchs: Es geht zum Beispiel darum, ob man an der Venus sehen kann, wie sich die Erde in Zukunft entwickeln könnte. Vielleicht ist sie in ihrem Lebenszyklus schon weiter fortgeschritten als unser Planet. Die Venus war einst auch sehr lebensfreundlich. Sie hatte stabile Temperaturen von 20 bis 50 Grad, es gab flüssiges Wasser. Dann hat sich der Planet durch einen massiven Treibhauseffekt aufgeheizt. Jetzt stellt sich die Frage, ob dort trotzdem noch Leben existieren kann.

SPIEGEL: Auf der Oberfläche der Venus ist es mehr als 450 Grad Celsius heiß. Der Druck ist fast 90 Mal so hoch wie auf der Erde. Wie soll es da Leben geben?

Fuchs: Kürzlich ist in einem Magazin der Russischen Akademie der Wissenschaften ein Artikel erschienen. Dafür haben Forscher die Bilder der sowjetischen Landesonden aus den Siebziger- und Achtzigerjahren neu aufgearbeitet. Sie stellen die Hypothese auf, dass es auf der Oberfläche der Venus Leben geben könnte - trotz Temperatur und Druck.

SPIEGEL: Wie würde solches Leben aussehen?

Fuchs: Es wäre eine ganz andere Form der Biologie. Bisher hat man Leben immer an das Vorhandensein von flüssigem Wasser geknüpft. Das fehlt dort, Sauerstoff ebenso. Aber vielleicht braucht es das gar nicht, vielleicht gibt es ganz andere Lebensformen. Wir müssen unseren Blick weiten. Wir wissen von der Erde, dass Leben auch unter extremen Bedingungen gedeihen kann, zum Beispiel an Tiefseequellen. Dort sind die Bedingungen auf den ersten Blick auch lebensfeindlich: Dunkelheit, Hitze, hoher Druck. Und trotzdem tummelt sich dort das Leben.

SPIEGEL: Auch über Leben in der Venusatmosphäre haben Forscher schon spekuliert.

Fuchs: Ja, es gibt Messungen, die so etwas möglich erscheinen lassen. Auch in etwa 60 Kilometer Höhe könnten dort einfache Lebensformen existieren.

SPIEGEL: Aber ein Landeroboter würde von Leben in der Atmosphäre doch wahrscheinlich gar nichts mitbekommen.

Fuchs: Für eine Landung muss man durch die Atmosphäre hindurch. Dabei könnte man Messungen machen.

SPIEGEL: Wäre für so etwas ein Orbiter nicht sinnvoller, der die Venus lange umkreist und viel mehr Daten sammelt?

Fuchs: Man könnte auch beides verbinden. Beim ersten Teil der "ExoMars"-Mission wurde ein Orbiter losgeschickt und zusätzlich noch ein kleiner Landeroboter abgesetzt.

SPIEGEL: Der hieß "Schiaparelli" und ist ungebremst in den Boden gekracht.

Fuchs: Das sollte nicht noch einmal passieren. Das waren sehr unglückliche Umstände.

SPIEGEL: Das Geld in der europäischen Raumfahrt ist knapp. Es wird unter anderem gebraucht für die "Ariane"-Rakete und den Anteil an der Internationalen Raumstation. Außerdem will man mit den Amerikanern zum Mond fliegen. Wie sinnvoll ist da eine Venus-Mission?

Fuchs: Natürlich ist das kein Vorschlag für die nächste Ministerratskonferenz der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), bei der in zwei Wochen das Programm für die kommenden Jahre festgelegt wird. Das ist ein langfristiges Szenario. Mir ist aber wichtig, dass wir nicht vergessen, dass es neben Mond und Mars auch andere interessante Ziele im Sonnensystem gibt.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
loboloco 06.11.2019
1. Mars oder Venus ...
mal abgesehen davon, ich wundere mich warum eine ständige Mondstation mit Weltraumbahnhof nicht der erste [logische] Schritt für weitere Projekte bzw Reisen ist ...?!
zeichenkette 06.11.2019
2. Äh...
Ja, die Venus kann ruhig weiter erforschen. Aber die Atmosphäre ist viel interessanter als die Oberfläche und auch viel leichter zu erreichen. Es gibt Schichten mit sehr erdähnlichem Druck und Temperatur, sogar mit Wasser. Wenn es in der Vergangenheit einmal Leben auf der Venus gegeben haben sollte, ist es viel wahrscheinlicher, dass es in Form von Bakterien und Einzellern in der Atmosphäre überlebt hat (wie es ja auch Bakterien in der Atmosphäre der Erde gibt). Ballons sind da eine einfache Möglichkeit, und wurden auch schon bei russischen Sonden benutzt. Rover dagegen sind ein Riesenaufwand.
KingTut 06.11.2019
3. Offene Fragen
Zwei Fragen werden im Artikel nicht beantwortet: Wie soll das technische Gerät, sprich Landeroboter, mit den extrem hohen Temperaturen, dem hohen Druck und dem vermuteten Schwefelsäure-Regen zurechtkommen? Das ist eine echte Herausforderung. Woher will man wissen, dass die Venus einst "auch sehr lebensfreundlich" war? Was für die Venus spricht, das sind die fast identische Größe und Gravitation im Vergleich zur Erde. Aber was nutzt das, wenn dort höllische Witterungsbedingungen herrschen? Was außerirdisches Leben betrifft, so können wir natürlich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass andernorts Konzeptionen existieren, die wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Das bleibt künftigen Forschungsmissionen zu den vielversprechendsten Objekten in unserem Sonnensystem - und irgendwann hoffentlich weit darüber hinaus - vorbehalten.
jj2005 06.11.2019
4. Leben auf der Venus
Zitat von zeichenketteJa, die Venus kann ruhig weiter erforschen. Aber die Atmosphäre ist viel interessanter als die Oberfläche und auch viel leichter zu erreichen. Es gibt Schichten mit sehr erdähnlichem Druck und Temperatur, sogar mit Wasser. Wenn es in der Vergangenheit einmal Leben auf der Venus gegeben haben sollte, ist es viel wahrscheinlicher, dass es in Form von Bakterien und Einzellern in der Atmosphäre überlebt hat (wie es ja auch Bakterien in der Atmosphäre der Erde gibt). Ballons sind da eine einfache Möglichkeit, und wurden auch schon bei russischen Sonden benutzt. Rover dagegen sind ein Riesenaufwand.
Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass jemand hier auf einen grossen Batzen Steuergelder scharf ist. Die Atmosphäre besteht zu 96.5% aus CO2, der Rest ist fast ausschliesslich Stickstoff. Diese Mischung ist praktisch inert, da lebt nix.
Sensør 06.11.2019
5. Leben auf der Venus - und wenn schon
Wollen die Wissenschaftler den Bazillen dann die Hand schütteln und ihnen einen Strauß Blumen überreichen? Andere Frage: gibt es auf der Erde gar keine Probleme, für die das Geld wesentlich dringender benötigt wird?
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