Raumstation ISS Mücke soll anderthalb Jahre im freien Weltraum überlebt haben

Die Nachricht aus Russland klingt fast unglaublich: Eine Mücke soll fast eineinhalb Jahre lang an der Außenhaut der Internationalen Raumstation ISS überlebt haben. Doch Insektenforscher haben Zweifel an der vermeintlichen biologischen Sensation.


Berlin/Moskau - Erst vor kurzem hatte eine lebende Spinne für Aufsehen gesorgt, die von der dreiköpfigen russisch-amerikanischen ISS-Besatzung in der Station entdeckt wurde. Die aktuelle Meldung stellt das jedoch weit in den Schatten: Eine Mücke soll anderthalb Jahre außerhalb der Station überlebt haben - und zwar ohne Nahrungsaufnahme und bei Extremtemperaturen zwischen minus 150 Grad Celsius im Schatten und plus 60 Grad in der Sonne.

Raumstation ISS: "Ich kann mir das absolut nicht vorstellen."
DDP

Raumstation ISS: "Ich kann mir das absolut nicht vorstellen."

Das berichtet zumindest der Moskauer Raumfahrt-Onlinedienst "Nowosti Kosmonawtiki" - und beruft sich dabei auf den Vizepräsidenten der russischen Akademie der Wissenschaften (RAN), Anatoli Grigorjew.

Das ganze habe sich während des russischen Experiments "Biorisk" ereignet, sagte Grigorjew. Dabei untersuchen Wissenschaftler des Moskauer Instituts für Medizinisch-Biologische Probleme (IMBP) die Auswirkungen der kosmischen Strahlung bei Langzeitflügen auf lebende Organismen. Die Ergebnisse fließen in die Vorbereitungen für einen bemannten Marsflug ein. Das IMBP hatte vor der Mücke bereits Bakterien und Pilze den lebensfeindlichen Weltraumbedingungen ausgesetzt. Ein Teil der Proben hatte sich in Behältnissen innerhalb des ISS-Servicemoduls befunden, ein Teil war außerhalb befestigt.

Alle sechs Monate wurden die Proben zur Erde zurück gebracht, und zwar von der jeweils zurückkehrenden ISS-Besatzung. So auch die Mücke. Das Insekt sei nach der Rückkehr auf die Erde aus einem "Schlaf" erwacht, erklärte Grigorjew. Das Tier habe seine Beine bewegt. Der Würzburger Insektenforscher Jürgen Tautz äußerte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE allerdings Zweifel an der vermeintlichen biologischen Sensation: "Ich kann mir das absolut nicht vorstellen." Er halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich das Tier bewegt habe. Diese Bewegung sei aber vermutlich rein physikalischer Natur gewesen, weil das komplett ausgetrocknete Tier wieder Feuchtigkeit aus der Luft aufgenommen habe.

Rekordhalter beim Überleben auch unter widrigsten Bedingungen sei das Bärtierchen, so Tautz. Dieses unter einen Millimeter große sogenannte Häutungstier könne extreme Temperaturen und Trockenheit besonders gut überstehen. Bei der sogenannten Kryptobiose gehen die Tiere in einen todesnahen Zustand über. Dann lässt sich keinerlei Stoffwechselaktivität mehr registrieren. Bei früheren Experimenten haben die Bärtierchen auch bewiesen, dass einige von ihnen die Extrembedingungen des Weltalls gut verkraften können.

chs/ddp



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