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Russischer Außenposten: Putins Allmachtsträume

Foto: NASA

Nachfolger für ISS schon 2023 Putins neuer Außenposten im All

Für die Zeit nach dem Ende der ISS-Mission plant Russland eine eigene Raumstation. Nun zieht Präsident Putin den Termin überraschend auf 2023 vor - und setzt damit Forscher und Ingenieure massiv unter Druck.

2023 ist noch weit weg - aber in der Zeitrechnung von Raumschiffkonstrukteuren entspricht es beinahe morgen. Bis zu diesem Jahr, und damit früher als geplant, will Präsident Putin eine russische Repräsentanz um die Erde fliegen sehen. Das Projekt einer eigenen Raumstation habe "große volkswirtschaftliche Bedeutung" und es werde "ohne jeden Zweifel" durchgezogen, sagte er zur Begründung.

Bis es aber so weit sei, werde Russland die Internationale Raumstation ISS aktiv nutzen. Die ISS soll nach derzeitigem Stand bis zum Jahr 2024 betrieben werden. Finanziert wird sie von Nasa, Esa und den Raumfahrtagenturen Russlands, Kanadas und Japans.

Die ISS habe nur fünf Prozent des russischen Territoriums im Blickfeld, bedauerte Putin. Das liegt an ihrer Umlaufbahn. Die Raumstation erreicht maximal 51,6 Grad nördlicher und südlicher Breite. Moskau liegt aber bei knapp 56 Grad. "Von einer eigenen Station aus müssen wir natürlich das gesamte Territorium unseres gewaltigen Landes einsehen können", betonte Putin.

Nicht nur beim Orbit, auch bei möglichen Partnern will Russland neue Wege wagen. Die Führung der Raketen- und Raumfahrtbranche erörtere "strategische Allianzen" bei der Weltraumforschung und der Errichtung der neuen Station, verkündete der Präsident auf seiner Live-TV-Pressekonferenz.

BRICS-Staaten als strategische Partner

Nasa und Esa fallen dabei als Partner aus - nicht zuletzt wegen des Ukraine-Konflikts und der damit verbundenen Sanktionen. Eine neue Raumfahrt-Allianz könnte stattdessen zwischen Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika entstehen, wie Jurij Koptjew, der Chef des Wissenschaftlich-Technischen Rates (NTS), der neuen Raumfahrtbehörde Roskosmos erklärte. Mit diesen Staaten sei die Entwicklung und Nutzung der neuen Station "vollauf möglich", sagte er in einem "Iswestija"-Interview. Ob diese Allianz zustande kommt, könnte sich schon im Juni erweisen, wenn die sogenannten BRICS-Staaten  in Ufa (Ural) tagen.

Für den Aufbau der neuen Station will Russland drei eigene ISS-Module nutzen, die noch nicht im All sind. Das Mehrzweck-Labormodul (MLM), ein Verbindungsmodul (UM) und ein Wissenschaftlich-Energetischen Modul (NEM) sollen 2017 und 2018 starten und das russische ISS-Segment vervollständigen.

Durch den neuen Termin 2023 geraten die Roskosmos-Ingenieure unter Druck. Sie müssen die Module so umbauen, dass sie problemlos noch vor Außerdienststellung der ISS abgekoppelt werden und als eigenständige Station funktionieren können, wie Koptjew erklärte.

Finanzierung nach Programmänderung noch unklar

Die künftige russische Station soll die Erde auf einer höheren Umlaufbahn als die ISS umkreisen und als Vorposten für Missionen zum Mond und später auch zum Mars dienen. Hauptziel ist dabei weiter der Mond, auf dem Ende nächsten Jahrzehnts erstmals auch ein Russe landen soll.

Wie diese abrupte Programmänderung finanziert und technisch bewerkstelligt werden soll, ist bislang unklar. Erst Mitte April hatte Koptjew mitgeteilt, dass Russland im Rahmen des Föderalen Raumfahrtprogramms FKP bis 2025 umgerechnet rund 40 Milliarden Dollar in seine Raumfahrt investieren will. Das sei allerdings das "äußerste Minimum", das erforderlich sei, um die Hauptvorhaben zu verwirklichen.

Da es sich bei dem vorgezogenen Temin quasi um einen Präsidenten-Ukas handelt, werden die zusätzlichen Mittel wohl irgendwie fließen. Dennoch müsste Russland zumindest zeitweise parallel zwei Raumstationen unterhalten.

Experten streiten derweil über das Für und Wider eines eigenen Erdaußenpostens. Kosmosveteran Georgi Gretschko (83) begrüßt die Entscheidung, mit der dann auch die strategisch wichtige Arktis ins kosmische Blickfeld rücke. Er regte allerdings an, die Station nicht ständig bemannt zu betreiben, sondern Kosmonauten nur zu Reparatur- und Modernisierungsarbeiten sowie zur Betreuung von Experimenten zu schicken.

"Parodie" von ISS und MIR

Der Raumexperte Juri Karasch sieht indes in der Station nur eine "Parodie" der ISS und der "Mir", die 2001 zum Absturz gebracht werden musste, weil Russland keine zwei Stationen unterhalten konnte. Die neue Station werde wahrscheinlich zu einem "Motel für Weltraumtouristen" und einer "Trainingsbasis" für jene Länder, die die ersten Schritte ins All machen.

Die neue Station wäre übrigens die neunte in der Geschichte der sowjetisch-russischen Raumfahrt. Begonnen hatte das Programm mit den sieben "Saljut"-Station (1971-91). Drei von ihnen hatten militärische Aufgaben, für die eigens 28 Militärkosmonauten vorbereitet wurden. Von 1986 bis 2001 betrieben die Russen dann die Raumstation "Mir", an der in Vorbereitung auf die ISS auch neun Space Shuttles angelegt haben.

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