Raumtransporter "Johannes Kepler" Europas Luxus-Lastesel hebt ab

Es ist eine schwergewichtige Premiere: Randvoll mit Treibstoff und Versorgungsgütern startet der Raumtransporter "Johannes Kepler" am Dienstagabend zur Internationalen Raumstation ISS. Die Europäer feiern den Jungfernflug als Erfolg - doch die Zukunft des Prestigeprojekts ist ungewiss.

Aus Kourou berichtet


Jeden Tag geht es um 50 bis 100 Meter nach unten. Wobei "unten" strenggenommen das falsche Wort ist - denn im All gibt es diese Richtung ja nicht. Besser sagt man es wohl so: Auf ihrer Bahn um die Erde kommt uns die Internationale Raumstation (ISS) langsam aber sicher immer näher. Das liegt daran, dass es selbst 350 Kilometer über unseren Köpfen noch feinste Reste der Atmosphäre gibt. Dazu kommen die Folgen des Sonnenwinds. Die Station wird durch Reibung langsam abgebremst. Deswegen muss das fliegende Astronautenquartier und Forschungslabor regelmäßig angehoben werden, damit es im Orbit bleibt.

Um diesen Job soll sich im nächsten Vierteljahr vor allem ein Allroundtalent aus Europa kümmern. Der Raumstransporter "Johannes Kepler" startet am späten Dienstagabend europäischer Zeit aus dem Saunaklima des europäischen Weltraumbahnhofs Kourou ins All. Er soll die Station schrittweise um bis zu 50 Kilometer anheben. Für den Kraftakt transportiert der Flugkörper unter anderem fast fünfeinhalb Tonnen Treibstoff zur ISS. Hinzu kommen etwa anderthalb Tonnen Ausrüstungsgegenstände, vor allem Versorgungsgüter und Ersatzteile.

Jeder ISS-Bewohner hat außerdem Anrecht auf einen etwa 13 Kilogramm schweren Beutel mit persönlichen Gegenständen ("Crew Care Package"), in dem zum Beispiel Familienfotos, CDs und Süßigkeiten ins All geschickt werden können. "Wir versorgen die Raumstation mit allem, was man da oben braucht", sagt Raumfahrtmanager Michael Menking. Er ist Direktor für Orbitalsysteme und Exploration bei EADS Astrium, wo "Johannes Kepler" gebaut wurde.

Schwere Last

Der insgesamt 20 Tonnen schwere Transportfrachter, sein technischer Name lautet Automated Transfer Vehicle 2, kurz ATV 2, ist der Stolz der europäischen Raumfahrt. Nach dem baldigen Ende des amerikanischen Space-Shuttle-Programms wird er der größte Frachttransporter sein, der die ISS anfliegen kann. "Es ist auch der schwerste Start einer 'Ariane'-Rakete", sagt Jan Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Fracht von "Johannes Kepler"

Frachtgut Gewicht in Kg
Treibstoff zum Anheben der ISS 4535
Treibstoff zum Betanken der russischen Moduls "Sarja" 851
Sauerstoff 100
Reguläre Ladung (z.B. Versorgungsgüter, Ersatzteile) 1170
"Late Cargo" (z.B. verderbliche Lebensmittel) 435
Gesamt 7085
Zwar können auch die russischen "Progress"-Raumschiffe und der japanische "HTV" Versorgungsgüter auf die Station bringen. Doch die bieten im einen Fall deutlich weniger Transportkapazität ("Progress"), im anderen Fall ("HTV") können sie die Station nicht auf eine höhere Umlaufbahn hieven.

Das europäische Vorzeigeprodukt hat allerdings auch seinen Preis: Etwa 450 Millionen Euro kostet die Mission nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Mindestens fünf Transporter des ATV-Typs soll es geben. Der Nachfolger von "Johannes Kepler" wird bereits in Bremen gebaut. Er soll im kommenden Jahr starten und ist nach dem italienischen Physiker Edoardo Amaldi benannt.

Gleichzeitig macht sich in den USA aber auch private Konkurrenz für die Versorgung der ISS bereit. Das Unternehmen Space X hat seinen "Dragon"-Frachter bereits erfolgreich getestet und will ihn Ende des Jahres auf eine erste Versorgungsmission schicken. Die Firma Orbital Sciences will etwa zur gleichen Zeit das Raumschiff "Cygnus" zu einem Testflug losschicken.

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Der europäische Raumtransporter ist ein Rolls Royce fürs All. Verglichen mit der privaten Konkurrenz ist er größer und technisch ausgefeilter. Wie etwa sein automatisches Steuerungssystem zum Anlegen an der ISS. Die Frage ist allerdings, ob das unbedingt nötig ist - zumal der Luxus-Raumtransporter ein schnödes Ende findet: Die Mission von "Johannes Kepler" geht Anfang Juni zu Ende. Nach 100 Tagen an der Station wird die ISS-Crew den Transporter mit bis zu 6,3 Tonnen Müll und Flüssigabfällen beladen. Anschließend wird er abgekoppelt und auf Kurs Richtung Erde gebracht. Bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre soll er über dem Südpazifik verglühen.

Höchst ungern hören es Europas Raumfahrtverantwortliche, wenn man "Johannes Kepler" etwas despektierlich als fliegenden Mülltransporter bezeichnet. Das ist er zwar auch - aber eben erst in zweiter Linie. Es gilt zu beweisen, zu was Europa in der Raumfahrt mittlerweile in der Lage ist. Doch früher oder später werden sich die Mitgliedstaaten der Esa klar werden müssen, was sie über den Transport von Sprit und Versorgungsgütern hinaus mit ihrer Raumfähre anstellen wollen.

Schon nach dem Flug des ATV-Prototypen "Jules Verne" vor knapp drei Jahren gab es Diskussionen, die All-Transporter zum vollwertigen Astronautentaxi aufzurüsten. Advanced Reentry Vehicle (ARV) heißt das Konzept dazu. Es sieht vor, den Transporter mit einem Hitzeschild auszurüsten. Der ist nötig, um den wilden Ritt durch die Atmosphäre zu überstehen. Zunächst konnten sich die Europäer aber nicht dazu durchringen, den Plan umzusetzen - zu teuer!

Die Esa gab allerdings immerhin eine Studie dazu in Auftrag. Im Sommer sollen die technischen Parameter für den Hitzeschild vorliegen. Doch das heißt nicht, dass dann auch gebaut wird. "Wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen", sagt Astrium-Manager Menking.

In der Zwischenzeit hat die "Dragon"-Kapsel von Space X einen Hitzeschild bekommen und beim Testflug erfolgreich zum Einsatz gebracht. Die private Konkurrenz arbeitet ohnehin mit kürzeren Entwicklungszyklen, wenn dann noch politische Unentschlossenheit dazu kommt, droht Europa bei der Zukunft des All-Transports abgehängt zu werden - der teuren und ausgefeilten ATV-Technik zum Trotz.

Im kommenden Jahr werden die Minister der Esa-Staaten wieder einmal über den Plan einer Rückkehrkapsel debattieren. "Die Begeisterung dafür ist vielleicht im Moment nicht da", sagt DLR-Chef Wörner - und setzt dann nach: "Persönlich glaube ich aber, dass das der richtige Schritt wäre." Doch selbst wenn irgendwann tatsächlich die Entscheidung für einen rückkehrfähigen Raumtransporter fällt, dürfte er kaum bis zum Jahr 2020 fertig sein. Und es ist längst noch nicht klar, ob es die Internationale Raumstation darüber hinaus überhaupt noch gibt.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
snoopi60 15.02.2011
1. Teuer
450 000 000 € um ein paar Tonnen Sprit und ein paar Süßigkeiten ins All zu schießen? Sonst haben wir aber keine Probleme.
fridayn 15.02.2011
2. Jungfernflug?
Zitat von sysopEs ist eine schwergewichtige Premiere: Randvoll mit Treibstoff und Versorgungsgütern startet der Raumtransporter "Johannes Kepler" am Dienstagabend zur Internationalen Raumstation ISS. Die Europäer feiern den Jungfernflug als Erfolg -*doch*die Zukunft des Prestigeprojekts ist ungewiss. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,744208,00.html
Da sitzt der Christoph Seidler in Kourou und hat sich vorher nicht mal bei Wiki schlau gemacht. http://de.wikipedia.org/wiki/Automated_Transfer_Vehicle
jens_B 15.02.2011
3. staatliche Raumfahrt ist bald vorbei
ich glaube mit der staatlichen Raumfahrt ist bald vorbei. Wenn ein mal das Tor gefallen ist und die privaten Anbieter eintreten, dann werden die es auch komplett übernehmen - wenigstens was Forschung und Entwicklung angeht. Die Aufträgen können durchaus noch von den Regierungen kommen, aber gebaut werden die "Raumschiffe" von private. Da sind wir (Europäer) wohl zu spät gekommen...
Robert Rostock, 15.02.2011
4. Kein Jungfernflug!
Zitat von sysopEs ist eine schwergewichtige Premiere: Randvoll mit Treibstoff und Versorgungsgütern startet der Raumtransporter "Johannes Kepler" am Dienstagabend zur Internationalen Raumstation ISS. Die Europäer feiern den Jungfernflug als Erfolg -*doch*die Zukunft des Prestigeprojekts ist ungewiss. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,744208,00.html
Das ist kein Jungfernflug. Wie ja im Beitrag richtig geschrieben wird, heißt das Ding ATV-2 und der ATV-1 "Jules Verne" flog schon vor einiger Zeit zur ISS. Also Oder anders gesagt: Da die Transporter keine Rückkehrkapsel haben und nach Gebrauch in der Athmosphäre verglühen, wird auch der hundertste Flug dieses Systems (wenn es ihn geben sollte) für den konkreten Raumtransporter der Jungfernflug sein. Der erste und der letzte.
Philo 15.02.2011
5. Banker
Zitat von snoopi60450 000 000 € um ein paar Tonnen Sprit und ein paar Süßigkeiten ins All zu schießen? Sonst haben wir aber keine Probleme.
Richtig. Geben wir das Geld doch lieber ein paar gierigen Bankstern damit die sich noch 'ne Jacht kaufen können, das ist viel sinnvoller.
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