Ergebnisse aus Tierversuch Substanz aus Weintrauben könnte Astronauten fit halten

Im All verlieren Astronauten in kurzer Zeit dramatisch an Muskelmasse. Ein Stoff, der auch in Weintrauben vorkommt, kann den Effekt möglicherweise abmildern.

Charles O'Rear/ Getty Images

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Allein die Reise ist eine große Herausforderung: Um von der Erde zum Mars zu gelangen, wären Astronauten mit heutiger Technik neun Monate lang unterwegs. Das ist nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch belastend für den Körper. Insbesondere wegen der fehlenden Schwere im All.

Auf der Erde sorgt die Schwerkraft dafür, dass unsere Muskeln kräftig bleiben. Bei jeder Bewegung muss der Körper die Gravitation überwinden. Besonders bemerkbar macht sich das beim Sport - Laufen, Seilspringen und Liegestütze sind nur deshalb so anstrengend, weil die Muskeln unsere Masse im Schwerefeld der Erde bewegen.

Auch auf dem Mars ist die Schwerkraft gering und nur etwa ein Drittel so stark wie auf der Erde. Trotzdem will Donald Trump langfristig Astronauten dorthin schicken. Ein Satz Liegestütze auf dem Mars wäre für sie ziemlich leicht zu machen - allerdings würde auch ihre Muskulatur schwinden.

An Ratten haben Forscher um Marie Mortreux von der Harvard Medical School im Fachmagazin "Frontiers in Physiology" nun erforscht, wie eine Substanz aus Rotwein künftigen Marsbesuchern helfen könnte, die lange Reise und den Aufenthalt auf dem fernen Planeten ohne extremen Muskelverlust zu überstehen.

Test mit Rattenwade

Die Forscher simulierten bei 24 Ratten normaler Schwerkraft oder schwächere Mars-Gravitation. In jeder Gruppe bekam je die Hälfte der Tiere in Wasser gelöstes Resveratrol, die andere Hälfte bekam nur Wasser. Resveratrol ist in der Haut von Weintrauben und in Blaubeeren zu finden und wird seit Längerem erforscht, weil es auch entzündungshemmende Eigenschaften besitzt.

Die Wissenschaftler erfassten über zwei Wochen hinweg den Wadenumfang der Ratten und die Kraft ihrer Vorder- und Hinterpfoten. Wie zu erwarten, schrumpfte der Wadenmuskel der Ratten in der Mars-Gruppe, auch beim Grifftest schnitten sie schlechter ab als Artgenossen in der Vergleichsgruppe.

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Allerdings war der Muskelschwund bei den Ratten unter Mars-Bedingungen, die Resveratrol bekommen hatten, nicht ganz so ausgeprägt wie bei unbehandelten Artgenossen. Die Kraft in ihren Vorderfüßen entwickelte sich sogar ähnlich wie bei Tieren, die ihre Muskeln wie üblich trainierten. Auch an den Hinterpfoten verloren sie deutlich weniger Kraft als die unbehandelte Vergleichsgruppe.

Mehr Traubenzucker, mehr Muskeln

Die Forscher erklären sich den Effekt damit, dass Zellen durch Resveratrol stärker auf das Hormon Insulin reagieren. Das sorgt dafür, dass sie mehr Traubenzucker aufnehmen, der Muskel wächst. "Der Effekt ist wichtig für Astronauten, von denen bekannt ist, dass ihr Körper im All schwächer auf Insulin reagiert", sagt Mortreux.

Die Studie bestätige ältere Untersuchungen, die gezeigt hatten, dass Resveratrol die Muskeln von Ratten auch in absoluter Schwerelosigkeit langsamer schrumpfen lässt. Eine konkrete Empfehlung für den Menschen lässt sich aus den Ratten-Studien allerdings nicht ableiten. Sie sind auch keine Aufforderung zum übermäßigen Weingenuss. Trauben sind die bessere Alternative.

"Der Ansatz, mit Ernährung gegenzusteuern, ist ein wichtiges Element, um den Muskelschwund zu reduzieren", sagt Mortreux. Das gelte vor allem für einen Flug zum Mars, denn im Gegensatz zur Internationalen Raumstation ISS gebe es dort keine Trainingsgeräte, mit denen sich der Muskelschwund reduzieren lasse. Und selbst mit Training können manche Astronauten nach mehrmonatigen ISS-Aufenthalten kaum noch laufen.

Nach nur drei Wochen im All schrumpfe der Soleus-Muskel in der Wade um ein Drittel, erklärt Mortreux. "Dabei gehen langsame Muskelfasern verloren, die für ausdauernde Bewegungen nötig sind."

An Resveratrol müsse weiter geforscht werden, um mehr über die Wirkungsweise zu erfahren und herauszufinden, welche Dosis für Männer und Frauen geeignet ist. "Wir müssen auch sicherstellen, dass der Wirkstoff nicht mit anderen Arzneien reagiert, die in der Raumfahrt zum Einsatz kommen", so die Forscherin.

Etwas Zeit bleibt noch. Selbst wenn künftige US-Regierungen Trumps Pläne weiterführen, zum Mars zu reisen, wird das wohl erst in den Jahren nach 2030 möglich sein.



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