Russische Raumfahrtpannen Medwedew sucht nach Schuldigen

Die Probleme des russischen Weltraumprogramms reißen nicht ab: Die Marssonde "Phobos Grunt" ist wohl verloren, zuvor hatte es mehrere Satellitenfehlstarts gegeben. Präsident Medwedew kündigt nun personelle Konsequenzen an.

Start einer "Sojus"-Rakete: Navigationssystem "Glonass" soll GPS Konkurrenz machen
DPA

Start einer "Sojus"-Rakete: Navigationssystem "Glonass" soll GPS Konkurrenz machen


Nach der beispiellosen Pannenserie der vergangenen Monate hat in der russischen Raumfahrt die Zeit der Abrechnung begonnen. Präsident Dmitrij Medwedew nutzte am Wochenende eine Begegnung mit Regionaljournalisten im Moskauer Vorort Gorki, um harte personelle Konsequenzen anzukündigen.

Die Schuldigen für die jüngsten Fehlschläge müssten materiell, disziplinarisch oder sogar strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, sagte er. Allerdings schlage er nicht vor, "sie an die Wand zu stellen, wie bei Josef Wissarionowitsch", fügte er der Nachrichtenagentur RIA Nowosti zufolge in einer Anspielung auf Stalin hinzu.

Medwedew befürchtet, dass das Renommee der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft des Landes durch die Fehlstarts zusätzlich beschädigt werden könnte. Die Misserfolge beeinträchtigten stark die Konkurrenzfähigkeit Russlands, betonte er. Devise müsse sein, russische Erzeugnisse "durch Qualitätsbeispiele" auch auf dem internationalen Markt zu etablieren.

Ausgerechnet im 50. Jahr des historischen Flugs von Juri Gagarin, der am 12. April 1961 als erster Mensch ins All reiste, ist es zu einer ungewöhnlichen Häufung von Pannen bei der an sich zuverlässigen russischen Raumfahrttechnik gekommen.

  • Im Dezember vergangenen Jahres gingen gleich drei Satelliten des Navigationssystems "Glonass" verloren. Dadurch konnte die Vorgabe von Ministerpräsident Wladimir Putin, den Konkurrenten des amerikanischen GPS noch 2010 fertigzustellen, nicht mehr erfüllt werden. Medwedew entließ daraufhin einen stellvertretenden Generaldirektor der Raumfahrtagentur Roskosmos und den Vize-Chef des Raumfahrtkonzerns RKK Energija. Der damalige Roskosmos-Generaldirektor Anatolij Perminow erhielt eine Rüge und wurde kurz darauf in den Ruhestand geschickt.
  • Im Februar ging der Militärsatellit "Geo-IK-2" verloren.
  • Anfang April verzögerte sich der Flug eines nach Gagarin benannten "Sojus"-Raumschiffes zur Internationalen Raumstation ISS, weil ein Kondensator versagt hatte. Daraufhin musste die Reise einer ganzen Flugzeugladung russischer und internationaler VIPs, die zum Gagarin-Jubiläum eingeladen waren, zum Startplatz Baikonur (Kasachstan) abgesagt werden.
  • Am 18. August setzte sich das Debakel fort, als ein sündhaft teurer Nachrichtensatellit nicht seine vorausberechnete Umlaufbahn erreichte. Schuld war ein Problem mit der Oberstufe der Trägerrakete.
  • Nur eine Woche später, am 24. August, stürzte ein Sojus-Raumschiff mit einem automatischen "Progress"-Frachter auf dem Weg zur ISS ab. Die dritte Trägerraketenstufe hatte sich wegen einer verstopften Treibstoffleitung vorzeitig abgeschaltet.
  • Am 9. November erreichte die Marssonde "Phobos-Grunt" aus bisher noch unbekannten Gründen nicht ihre geplante Umlaufbahn. Derzeit wird weltweit versucht, Kontakt zu dem Havaristen aufzunehmen.

Vergangene Woche hat sich auch Roskosmos gemeinsam mit Spitzenvertretern der Branche auf die Suche nach den Ursachen für die Fehlschläge gemacht. Agenturchef Wladimir Popowkin hat vor allem die heikle Personalsituation kritisiert: Sie sei durch die Überalterung von Wissenschaftlern und Technikern, den Weggang hochqualifizierter Spezialisten und den sinkenden Zufluss von Absolventen der Hoch- und Fachschulen gekennzeichnet. "Wir können zu jeder Minute wissenschaftliche Schulen verlieren, die in der mehr als 50-jährigen Geschichte der nationalen Raumfahrt aufgebaut worden sind", warnte Popowkin.

Als erste Gegenmaßnahme legte er ein sogenanntes Komplexprogramm vor, mit dem das Prestige der Mitarbeiter der Branche erhöht, neue materielle Anreize für Qualitätsarbeit geschaffen und die Ausbildung von Fachkräften gefördert werden sollen.

Wenigstens konnte die russische Raumfahrt beweisen, dass ihr auch noch etwas gelingen kann: Am Montag um 12.25 Uhr Moskauer Zeit (9.25 Uhr MEZ) startete eine "Sojus"-Rakete vom nordrussischen Militärkosmodrom Plessezk und brachte einen "Glonass"-Satelliten ins All. Das Navigationssystem verfügt damit derzeit über 31 Einheiten, von denen allerdings nur 23 aktiv sind. Der Rest befindet sich in der Einsatzvorbereitung oder Wartung. Für den Regelbetrieb sind mindestens 24 Satelliten erforderlich.

cib/dapd

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
juergw. 28.11.2011
1. Mal sehen ob die USA
Zitat von sysopDie Probleme des russischen Weltraumprogramms reißen nicht ab: Die Marssonde "Phobos Grunt" ist wohl verloren, zuvor hatte es*mehrere Satelliten-Fehlstarts gegeben. Präsident Medwedew kündigt nun personelle Konsequenzen an. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,800370,00.html
den Mars erreichen .Ansonsten liefert uns die Disney Sudios die fehlenden Bilder !
Nonvaio01 28.11.2011
2. richtig so
wie jeder Chef das auch machen wuerde wenn eine abteilung nur misserfolge produziert. ich kann mir nicht vorstellen das es die ausruestung ist, denn so schlau sind die Chefs in Russland wohl (Putin und Medwedew) das die Ihren leuten erstklassiges material geben, da es um das prestige geht.
frank4979 28.11.2011
3. ////
Zitat von Nonvaio01wie jeder Chef das auch machen wuerde wenn eine abteilung nur misserfolge produziert. ich kann mir nicht vorstellen das es die ausruestung ist, denn so schlau sind die Chefs in Russland wohl (Putin und Medwedew) das die Ihren leuten erstklassiges material geben, da es um das prestige geht.
Es ist der russische Schlendrian. Die Herrschaften Techniker verdienen dort mindestens 4 x soviel wie ein "normal"Techniker, aber das aendert nichts am angeborenen "Schlendrian". Leider. Und wenn jetzt die angekuendigten Konsequenzen durchgezogen werden, eissen sich alle ein paar Monate am Riemen, und danach geht es wieder von vorne los. Wetten?
blob123y 28.11.2011
4. Russen haben noch nie etwas gebracht in dieser Branche
wenn dies nicht vorher per Spionage abgekupfert hatten. Um wirklich etwas ernsthaftes zu bringen ist die chaotische Vorgansweise dieser Leute vor. Mir braucht keiner etwas erzählen, ich hab dort 6 Jahre gelebt. Die haben immer die grosse Klappe und bringen fast nichts.
horstma 28.11.2011
5. Nicht so voreilig.
Zitat von frank4979Es ist der russische Schlendrian. Die Herrschaften Techniker verdienen dort mindestens 4 x soviel wie ein "normal"Techniker, aber das aendert nichts am angeborenen "Schlendrian". Leider. Und wenn jetzt die angekuendigten Konsequenzen durchgezogen werden, eissen sich alle ein paar Monate am Riemen, und danach geht es wieder von vorne los. Wetten?
Mit "Schlendrian" wäre ich vorsichtig. Tatsache ist: Bisher sind 50% der gestarteten Mars-Missionen gescheitert, und die meisten davon wurden von den USA unternommen. Das heisst, beim derzeitigen Stand der Technik steht es 50:50, ob eine Mission funktioniert. Und natürlich gingen die Verantwortlichen jedesmal davon aus, daß sie alles berücksichtigt haben und die Mission klappen muss. Manche sprechen inzwischen, natürlich nicht ganz ernst gemeint, von einem Fluch, unter dem Marsmissionen stehen. Dazu kommt, daß die russische Mission die bisher komplexeste war. Was untersucht werden muß: Diese Mission ist nicht in ihrer komplexen Endphase gescheitert, sondern bereits in der Erdumlaufbahn. Trotzdem: Jede zum ersten Mal durchgeführte Weltraummission hat Experimentalcharakter. Es gibt keinen Jungfernflug und hunderte von Testflügen, wie man es in der Luftfahrt kennt. Sonst könnte es ja jeder :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.