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16. Januar 2012, 14:49 Uhr

Russische Sonde

Absturz von "Phobos-Grunt" gibt Rätsel auf

Russlands Raumfahrt hat durch den Absturz der Marssonde "Phobos-Grunt" einen weiteren schweren Rückschlag erlitten. Die Weltraumagentur sucht nach den Schuldigen. Doch bisher wissen die Experten nicht einmal, wo die Sonde verglüht ist - und wie viele Trümmerteile auf die Erde regneten.

Hamburg - Auch nach ihrem Absturz gibt die russische Marssonde "Phobos-Grunt" Rätsel auf. Sicher ist bisher zunächst nur, dass sie am Sonntag abstürzte. Über den Ort und den Zeitpunkt gehen die Angaben weit auseinander.

Anatolij Schilow, der stellvertretende Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, sagte am Montag, seine Behörde verfüge nicht über genaue Daten des Absturzortes. Zuvor hatte Roskosmos mitgeteilt, dass die Sonde über Brasilien in den dichten Schichten der Atmosphäre zerstört werde. Sollten Teile auf das Festland gefallen sein, würden sie von den Anwohnern gefunden, sagte Schilow. Werde nichts entdeckt, gehe man davon aus, dass der ganze Apparat verglüht sei.

Nach Schätzungen der Europäischen Raumfahrtagentur Esa gelangten Trümmerteile von 200 bis 300 Kilogramm Gewicht durch die Erdatmosphäre. Von dem radioaktiven Kobalt in der Sonde gehe allerdings keinerlei Gefahr aus, hieß es.

Ein Sprecher des Moskauer Verteidigungsministeriums hatte am Sonntagabend mitgeteilt, "Phobos-Grunt" sei um 18.45 Uhr Mitteleuropäischer Zeit 1250 Kilometer westlich der chilenischen Insel Wellington in den Pazifik gestürzt. Derweil meldete die Agentur RIA Nowosti unter Berufung auf Ballistiker, die Reste der 13,5 Tonnen schweren und 120 Millionen Euro teuren Sonde seien vor Brasilien in den Atlantik gefallen. Auch das US-Militär bestätigte, dass "Phobos-Grunt" abgestürzt sei, lieferte aber ebenfalls keine Informationen über die genaue Absturzstelle.

Namen der Antihelden gefordert

Der für die Raumfahrt zuständige russische Vizepremier Dmitrij Rogosin teilte in seinem Blog mit, er werde sich persönlich der Untersuchung des Absturzes annehmen. Er erwarte bis zum 25. Januar einen Bericht von Roskosmos-Generaldirektor Wladimir Popowkin mit den "Namen der Antihelden". Bereits im November, als erste Probleme mit der Sonde bekannt wurden, hatte Präsident Dmitrij Medwedew angekündigt, die Schuldigen personell, materiell und notfalls auch strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Angesichts der nun zerstörten Sonde äußerten sich Experten jedoch skeptisch, dass die Havarie jemals aufgeklärt werden könne.

"Phobos-Grunt" war am 9. November vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan gestartet. Offenbar wegen eines Steuerungsfehlers zündeten die Marschtriebwerke für den Weiterflug zum Mars nicht. Techniker versuchten wochenlang vergeblich, Kontakt zur Sonde aufzunehmen, um sie neu zu programmieren. Eigentlich sollte sie zum Marsmond Phobos fliegen, dort Bodenproben nehmen und diese im August 2014 zur Erde bringen.

wbr/dapd/dpa

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