Russlands Raumfahrt
Schlamperei war schuld am Leck in der ISS
Russlands Vizepremier Jurij Borissow hat die Raumfahrtbranche seines Landes kritisiert. Kurz zuvor hatte es ein Leck auf der ISS gegeben. Die Ursache war, wie sich nun herausstellt, Schlamperei in einer russischen Fabrik.
Sie waren einst der Stolz des ganzen Landes: die Raumschiffe, die von Baikonur das Weltall eroberten. Doch die Branche befindet sich in einer Krise. Westliche Embargos erschweren den Zugang zu dringend benötigten Bauteilen. Und die noch fließenden Einnahmen für Flüge von Amerikanern und Westeuropäern zur ISS werden versiegen, sobald die Nasa Raumschiffe privater Anbieter nutzen kann.
Die Probleme sind auf höchster Ebene bekannt: Russlands Stolz sei "nicht im besten Zustand", konstatierte erst am Freitag der für Militär und Raumfahrt zuständige Vizepremier Jurij Borissow. Das war auf einer Beratung des staatlichen Raumfahrtkonzerns RKK Energija in Koroljow bei Moskau.
Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, hatte ihn wenige Stunden zuvor ein Leck in der Internationalen Raumstation ISS geliefert. Als es am Donnerstag zu einem Druckabfall in der Station kam, ging man erst davon aus, dass das dafür verantwortliche Loch in der Orbitalsektion der angedockten Rettungskapsel "Sojus MS-09" von einem Mikrometeoriten stammt.
Die betroffene Kapsel "Sojus MS-09" dockt an der ISS an (Archivbild)
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Doch nun stellte sich heraus, dass die Ursache ein Produktionsfehler ausgerechnet in eben dieser RKK Energija war, der wichtigsten Raumfahrtschmiede des Landes, die einst vom legendären Chefkonstrukteur Sergej Koroljow gegründet wurde.
Ein Leck Marke Eigenbau
Koroljow war es auch, der das eiserne Prinzip verkündet hatte: Wenn irgendwo bei der Montage ein Problem auftritt, soll man es furchtlos melden. Es sei besser, ein ganzes Raumschiff wieder auseinanderzunehmen, wenn man mal eine Schraube verloren habe, als den Fehler zu verschweigen.
Von diesem Prinzip ist man offenbar weit entfernt. Denn inzwischen ist der Schuldige für das Leck gefunden, wie die Nachrichtenagentur RIA Nowosti am Montag berichtete. Ein Monteur hatte das zwei Millimeter große Loch entdeckt, aber nicht gemeldet. Er verschmierte es einfach mit einem Kleber, sodass es bei der Endkontrolle der Sektion nicht auffiel.
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Sowjetische Raumfahrttechnik: Von Koroljows Gnaden
Damit nahm das Unheil seinen Lauf. Zwei Monate hielt das Provisorium auf der Umlaufbahn, dann trocknete der Kleber aus und wurde durch den Druck in der Station herausgedrückt. Glücklicherweise wurde der dadurch bewirkte Druckabfall schnell bemerkt, sodass das Leck mit Bordmitteln abgedichtet werden konnte.
Diese Version wurde inzwischen auch vom wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Weltraumpolitik, Iwan Moissejew, bestätigt, eine Sonderkommission untersucht den Fall im Detail. Einen Produktionsfehler hatte bereits am Freitag auch der deutsche Astronaut Ulrich Walter vermutet.
Putin fordert neues Qualitätsniveau
Vor Borissow hatte schon Präsident Wladimir Putin den bedauernswerten Zustand der einstigen Vorzeigebranche beklagt - und das nicht nur einmal. So verlangte er erst Anfang August, die Branche auf ein neues Qualitätsniveau zu bringen. Durch ein stabiles Wachstum der Qualität der Produktion müsse globale Konkurrenzfähigkeit hergestellt werden.
"Das ist die wichtigste Voraussetzung für die Erhöhung des kommerziellen Potenzials der Branche", sagte er. Es gehe um "eine effektive Arbeit auf dem Weltmarkt, auf dem die Konkurrenz und manchmal die harte Rivalität ständig zunehmen".
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"Sojus": Das Arbeitstier
Putin forderte zudem, die Bedingungen für eine produktive und koordinierte Arbeit in der Raumfahrt zu schaffen. Dabei gehe es auch um die Verbesserung der finanziellen Absicherung der Betriebe, soziale Garantien und die Schaffung von Stimuli, um junge Leute und talentierte Ingenieure anzulocken.
Als Schwerpunktaufgaben der RKK Energija nannte Borissow die Fertigstellung des neuen bemannten Raumschiffes "Federazija" sowie die Entwicklung der neuen Mittelklasse-Trägerrakete "Sojus-5". Diese soll den Nachfolger der heutigen Sojus-Kapseln, die seit 1967 Dienst tun, ins All bringen und zugleich den Grundstock für die geplante und noch namenlose, superschwere Trägerrakete für künftige Missionen zu Mond und Mars bilden.
Die neue "Sojus-5", die 2022 erstmals mit der "Federazija"-Kapsel unbemannt fliegen soll, werde Russland den Status der führenden Weltraummacht zurückbringen, versprach der Vizepremier. Das sei aber eine herausfordernde, technisch schwierige Aufgabe, fügte er vorsichtshalber hinzu.
Rogosin soll es richten
Borissows Vorgänger Dmitrij Rogosin, der erst Ende Mai von Putin zum Chef der Weltraumorganisation Roskosmos ernannt worden war, hatte zwar vom Präsidenten freie Hand bekommen. Doch das galt offenbar nur für die Aufstellung seiner Mannschaft. Diese Phase, die viele führende Raumfahrtbosse den Posten gekostet hat und auch einige Gerichtsverfahren nach sich zog, ist inzwischen abgeschlossen.
Präsident Putin will Raumfahrtbranche neu aufstellen
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Rogosins eigenes, höchst ambitioniertes Raumfahrtprogramm, das er kurz nach seiner Ernennung angekündigt und auch schon in den Grundzügen vorgestellt hat, liegt indes auf Eis. Niemand kann sagen, ob es irgendwann einmal gestartet wird. Vorrang hat jetzt offenbar die bedingungslose Erfüllung der Aufträge Putins. Es gehe darum eine "Roskosmos 2.0" zu schaffen, wie Rogosin sagte.
Doch dafür braucht er vor allem viel Geld, die entsprechenden technischen Voraussetzungen samt den nötigen Spezialbauteilen und natürlich die geeigneten Fachleute. Woher das alles über Nacht kommen soll, weiß niemand.
Das nun aufgetauchte Leck macht die Lage nicht leichter für Rogosin. Für den Fall, dass er die Krise meistert, könnte er aber in zwei Jahren mit dem Posten des Ministerpräsidenten belohnt werden. Das zumindest munkelt man in Raumfahrtkreisen.
10 BilderSowjetische Raumfahrttechnik: Von Koroljows Gnaden
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"Sputnik": Mit einer von Koroljow entwickelten Rakete schoss Russland den ersten Satelliten in eine Erdumlaufbahn. Die selbstbewussten Amerikaner waren schockiert.
Foto: Hulton Archive/ Getty Images
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Kosmonaut Jurij Gagarin: Am 12. April 1961 flog der erste Mensch ins All. Das Foto zeigt den sowjetischen Kosmonauten in seinem Raumanzug kurz vorm Start.
Foto: DPA
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Raumschiff und Rakete "Wostok": 108 Minuten brauchte Gagarin für eine Umrundung der Erde. Am Grundaufbau der sowjetisch-russischen Raketen hat sich seit den Sechzigerjahren nicht allzu viel verändert.
Foto: ASSOCIATED PRESS
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Raumschiff "Wostok" (bei öffentlicher Präsentation 1968): Kaum eine Biografie spiegelt die Tragik und den Triumph der UdSSR so deutlich wider wie die Koroljows.
Foto: AP
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Altes "Sojus"-Raumschiff: Die sowjetischen Raketen und Raumschiffe waren der Stolz des Vielvölkerstaats.
Foto: NASA
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Start einer "Sojus"-Rakete (Dezember 2012): Bis heute versorgen Koroljows "Sojus"-Raumschiffe und deren Frachtversion "Progress" die Internationale Raumstation ISS mit Menschen und Material.
Foto: Maxim Shipenkov/ dpa
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Angedockt: Ein "Sojus"-Raumschiff hat die Internationale Raumstation ISS erreicht.
Foto: NASA/ REUTERS
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"Sojus"-Landekapsel in der Steppe Kasachstans (Mai 2014): Wostok-Piloten wie Gagarin wurden noch in sieben Kilometern Höhe aus der Kapsel herauskatapultiert und landeten am Fallschirm, weil die Kapsel kein System für eine weiche Landung hatte. Bei den Raumschiffen Woschod und Sojus konnten die Raumfahrer in der Kapsel landen, weil kleine Raketen kurz vor dem Aufsetzen die Sinkgeschwindigkeit noch einmal erheblich reduzieren. Bis heute kehren Kosmonauten und Astronauten auf diese Weise zur Erde zurück.
Foto: DMITRY LOVETSKY/ AFP
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Rakete Proton-M (2013 in Baikonur): Russland will an die alten Glanzzeiten anknüpfen. Ein neues Staatsunternehmen - die Gossudarstwennaja Korporazija (GK) Roskosmos - soll Russlands Raumfahrt direkt aus der Krise an die Weltspitze katapultieren.
Foto: DPA/ Roscosmos
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Montage der neuen Rakete "Angara": Ein neues, zeitgemäßes Raumschiff mit dem Namen "Federazija" ist als "Sojus"-Nachfolger in der Entwicklung. Wie die neue Trägerrakete "Angara" steht es aber frühestens Anfang des nächsten Jahrzehnts zur Verfügung. Starten soll "Federazija" mit der neuen Rakete Sojus-5.
Start von "Sojus MS-07" im Dezember 2017: Die Trägerrakete hat eine lange Geschichte. Es war der sowjetischen Ingenieur Sergej Koroljow, der nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Basis der deutschen V2-Rakete die weltweit erste Interkontinentalrakete R-7 entwarf. Im Jahr 1957 flog sie zum ersten Mal. Sie bildete die Grundlage für die bis heute gebräuchlichen "Sojus"-Trägerraketen.
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Segnung einer Rakete durch einen orthodoxen Priester (im September 2017): Die Technik sei "überhaupt nicht veraltet", sagt der deutsche Astronaut Alexander Gerst. "Das ist die beste Technik, die wir haben. Jedes Raumschiff wird neu gebaut." An jeder Version werde etwas modernisiert und verbessert.
Foto: Dmitri Lovetsky/ AP
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Alexander Gerst im "Sojus"-Simulator (im Mai 2018): "Ein Raumschiff muss nicht schön luftschnittig sein. Es muss auch keine blinkenden Lichter draußen haben, sondern es muss funktionieren. Und das tut es", sagt der deutsche Astronaut.
Foto: STR/ AFP
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"Sojus"-Kapsel im Anflug auf die ISS (im November 2013): 1967 und 1971 starben insgesamt vier Kosmonauten bei Landungen. Seit dem hat es Probleme nur bei unbemannten Transportern gegeben.
Foto: REUTERS / Nasa TV
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Wüstenspringmaus am Raketenstartplatz in Baikonur (im September 2017): Äußerlich gebe es noch Ähnlichkeiten zu früheren Versionen, so Wladimir Solowjow vom Hersteller Energija. "Aber was den Inhalt angeht, ist die Gemeinsamkeit der letzten 50 Jahre nur der Name 'Sojus'. Der Rest ist etwas völlig Neues."
Foto: Dmitri Lovetsky/ AP
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"Sojus TMA-05M" nach der Landung im Schnee (November 2012): Pläne für eine Weiterentwicklung der Technik gibt es reichlich. Eine neue Schwerlastrakete ist angedacht, die "Sojus-5". Bis 2022 soll zudem eine verbesserte "Sojus"-Kapsel Fracht zur Erde zurückbringen können; auch eine Mondumrundung ist mit einer "Sojus" geplant.
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Präsident Putin will Raumfahrtbranche neu aufstellen