Forscher über schwarzes Loch "Antworten zu den ganz großen Fragen des Lebens"

Das erste Foto eines schwarzen Lochs ist eine Sensation - was folgt jetzt? Der Initiator des Forschungsprojekts über hohe Adrenalinpegel, den Blick auf unsere Milchstraße und seinen Glauben an Gott.

Teleskopverbund ALMA in Chile (Archiv): "Volltreffer gelandet"
Christoph Malin/ ALMA/ ESO/ DPA

Teleskopverbund ALMA in Chile (Archiv): "Volltreffer gelandet"

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55 Millionen Lichtjahre ist die Galaxie Messier 87 von der Erde entfernt - da brauchte es schon ein Kollektiv von gleich acht zusammengeschalteten Observatorien, um das schwarze Loch darin aufzunehmen. Eine astronomische Sensation, die zeitgleich weltweit auf mehreren Pressekonferenzen vorgestellt wurde.

Der erste Forscher, der in Brüssel vor die Kameras trat, war der Deutsche Heino Falcke. Im Interview erklärt er die Faszination schwarzer Löcher - und warum deren Erforschung so wichtig ist.

Zur Person
  • STEPHANIE LECOCQ/EPA-EFE/REX
    Heino Falcke,52, ist Professor für Astrophysik an der niederländischen Radboud-Universität in Nimwegen. Er ist Experte auf dem Gebiet der Interferometrie, dabei werden mehrere Teleskope zu einem einzigen, großen zusammengeschlossen. Falcke war einer der Initiatoren des Event Horizon Telescope (EHT). Mit dem Verbund von acht Observatorien gelang nun erstmals die Visualisierung eines schwarzen Lochs.

SPIEGEL ONLINE: Herr Falcke, als am Mittwoch das Bild von dem schwarzen Loch aus der Galaxie Messier 87 unsere Redaktion erreichte, standen plötzlich zahlreiche neugierige Kollegen um den Bildschirm. Warum sind schwarze Löcher so faszinierend?

Heino Falcke: Das sind die extremsten Objekte im Universum. Alles bewegt sich fast mit Lichtgeschwindigkeit um sie herum, hier herrschen die höchsten Energien, Gas wird unglaublich heiß, Zeit wird langsamer und scheint beinahe still zu stehen. Wir können schwarze Löcher nun sogar sehen, aber wir wissen nicht, was in ihnen vor sich geht. Darin kann alles passieren. Man kann hinein aber nicht mehr heraus. Das macht manchen Menschen Angst. Und hat etwas Mystisches, fast wie der Eingang zur Hölle.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an den Augenblick, als Sie das Bild von M87 zum ersten Mal gesehen haben?

Falcke: Das waren erst nur Rohdaten. Wir hatten eine Kurve in einem Diagramm. Daran konnte man bereits erkennen, dass das schwarze Loch vielleicht von einem Ring umgeben sein könnte. Da ging mein Adrenalinspiegel hoch. Als dann das erste Bild kam und es wirklich ein nahezu kreisrundes Loch zeigte, war ich platt. Aus der Vorstellung wurde plötzlich Realität. Es war ein wenig so, als würde man das erste Mal einen Menschen treffen, den man lange kennt aber dem man nie gegenübergestanden hat. Eine Offenbarung.

SPIEGEL ONLINE: Wie liefen die Messungen ab?

Falcke: Wir hatten viel Glück. Als wir im April 2017 acht Teleskope unseres Verbunds auf die Riesengalaxie M87 gerichtet hatten, war das Wetter perfekt. Die Technik hat mitgespielt, das war vorher auch nicht immer so. Und das schwarze Loch war groß genug. Eigentlich haben wir gleich einen Volltreffer gelandet.

SPIEGEL ONLINE: Ähnlich wie beim Nachweis von Gravitationswellen hat die Darstellung des ersten schwarzen Lochs ein neues Kapitel in der Astronomie eingeläutet. Werden wir nur häufig solche Bilder zu Gesicht bekommen?

Falcke: Nein, das ist schon einzigartig. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf unsere Milchstraße, in der wir das schwarze Loch Sagittarius A* beobachten. Aber es kann Jahre dauern, bis wir davon ein Bild vorliegen haben. Eines der EHT-Teleskope hatte kürzlich technische Probleme. Selbst wenn es wieder läuft, dauert es allein ein Jahr, um alle Observatorien wieder zusammenzuschließen. Außerdem gibt es noch ein anders Problem.

Observatorien des Event Horizon Telescope (EHT)
SPIEGEL ONLINE

Observatorien des Event Horizon Telescope (EHT)

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Falcke: Die Quelle variiert und für einen perfekten Blick auf die Milchstraße fehlt uns noch ein Teleskop auf der Südhalbkugel. Namibia liegt genau unterhalb der Milchstraße, deshalb planen wir eines auf dem mehr als 2300 Meter hohen Gamsberg. Der Standort ist im Verbund mit Chile und dem Südpol ideal, um eine günstige Verteilung im Netzwerk zu erreichen. Das Prinzip der Interferometrie besteht ja darin, dass mehrere Observatorien zu einem großen zusammengeschaltet werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten schwarze Löcher zukünftig vermessen werden?

Falcke: Irgendwann müssten wir in den Weltraum gehen und von dort aus beobachten. Bisher kratzen wir nur am Rand des schwarzen Lochs. In 20 Jahren können wir sie vielleicht in ihrer ganzen Pracht sehen. Aber dafür brauchen wir Geduld.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Erforschung schwarzer Löcher eigentlich so wichtig. Schließlich entstehen dadurch hohe Kosten?

Falcke: Die Nachricht von der Visualisierung des schwarzen Lochs wurde weltweit mit Begeisterung aufgenommen. Ich glaube, das spiegelt die große Neugier der Menschen auf Antworten zu den ganz großen Fragen des Lebens und des Universums wider. Wir streben nach Erkenntnis. Und das macht Forschung nötig und möglich.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch eine praktische Anwendung?

Falcke: Jeden Tag nutzen wir Daten, die Satelliten aus dem All an unsere Navigationssysteme im Auto oder im Handy senden. Ohne Einsteins Relativitätstheorie, die berücksichtigt, dass die Zeit dort oben etwas schneller läuft, wäre das nicht so präzise möglich. Unsere Erkenntnisse zeigen nun wohl, dass Einstein auch im Extremen richtig lag. Einstein hat seine Theorie vor über hundert Jahren aufgestellt. Oft ergibt sich erst nach Jahrzehnten ein praktischer Nutzen. Wer weiß, welcher sich bei uns ergibt.

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Schwarzes Loch: Abschied von der Fantasie

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gläubiger Christ und predigen sogar gelegentlich in der Kirche. Wie passt das mit dem Wissenschaftler Heino Falcke zusammen?

Falcke: Es gibt zwischen Glaube und Wissenschaft mehr Parallelen, als man denken könnte. Beide suchen nach dem Grund von allem. Nur traut sich die Physik nicht, einen Schritt weiter zu gehen und die Frage nach Gott zu stellen. Ich glaube aber, dass der Mensch nicht nur aus Naturgesetzen besteht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da noch mehr ist. Wir haben Geist, Gefühl und Seele. Und diesem Bauchgefühl folge ich auch in der Wissenschaft oft.



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Seite 1
KarloFilipovic 11.04.2019
1. Achso
Na wenn es das Bauchgefühl von Herrn Falcke sagt, wird das wohl so sein. Wie Dumm von mir mich an das Thema Metaphysik mit Logik und Vernunft zu nähern. Die Physik kann nicht "einen Schritt weiter gehen" und sich die Frage nach Gott stellen. So wie sie auch nicht einen weiter gehen kann sich die Frage nach dem Osterhasen und der Alchemie (looking at you Newton) zu stellen. Können wir aufhören an offensichtliche und schlecht zusammengewürfelte Idiotien zu glauben und die Welt stattdessen mal wieder etwas voran zu bringen auf dem bereits verlassenen Weg der Erleuchtung?
krautrockfreak 11.04.2019
2. Typisch Mensch - ins All blicken statt die Probleme hier anzugehen!
Denselben Aufwand in die realen Missstände investiert und unsere Zukunft hätte eine Chance. So werden gigantische Summen ins Weltall investiert, ohne dass man auch nur irgendeinen Nutzen daraus ziehen könnte...
bapu65 11.04.2019
3. Na
Ich provoziere Hier mal: Da wir ja alle Probleme auf der Erde geleistet haben und alle Menschen genug zu Essen haben, die medizinische Versorgung aller gesichert ist, die Umwelt Probleme alle gelotst sind und alle Menschen in Frieden leben koennt Ihr Wissenschaftler Euch jetzt voll drauf konzentrieren was die Löscher so schwarz macht........ No comment !
DiggaAlla 11.04.2019
4. Guter mann
Oft glaubt man nur an das was man sieht und belächelt heutzutage gerne mal religionen. Nur sollte man sich im klaren sein, wie winzig klein und unbedeutend man ist wenn in diesen tagen zb solche meilensteine erreicht bzw sichtbar werden.
nachdenk... 11.04.2019
5. Was genau ...
... an Geist, Gefühl und Seele soll "mehr" sein, als die Naturgesetze zulassen? Gibt es irgendwas mystisches in der Erklärung, wie unser Geist funktioniert und warum wir der Illusion eines stetigen "Ichs" erliegen? Der letzte Absatz hätte auch von Nena stammen können.
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