"Sicherheitskultur ausgehöhlt" Weltraum-Generäle in der Defensive

Noch dominiert die Trauer, doch am Tag nach dem "Columbia"-Desaster wird erste, harsche Kritik an der Nasa laut. Das Unglücks-Shuttle sei zu alt gewesen, ein womöglich fataler Defekt beim Start vor zwei Wochen wurde offenkundig übersehen. In der gesamten Behörde, so der Vorwurf, regierten Missmanagement, Geldmangel, Unachtsamkeit.




CNN-Bild vom letzten Start der "Columbia": Ein abgebrochenes Teil des Tanks hat womöglich schon beim Start die Hitzeisolierung beschädigt. Nasa-Mitarbeiter hatten den Vorfall bisher für harmlos gehalten
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CNN-Bild vom letzten Start der "Columbia": Ein abgebrochenes Teil des Tanks hat womöglich schon beim Start die Hitzeisolierung beschädigt. Nasa-Mitarbeiter hatten den Vorfall bisher für harmlos gehalten

Houston - Nach und nach melden sie sich, die früheren Nasa-Mitarbeiter und die neutralen Experten. Meist klingt das, was sie über Amerikas Weltraumbehörde zu sagen haben, nachdenklich-skeptisch bis offen kritisch. Während in Amerika patriotisch getrauert wird, erschienen im britischen "Observer" bereits heftige Angriffe auf die Nasa und ihr Programm zur bemannten Raumfahrt.

Der frühere Nasa-Ingenieur Don Nelson sagte dem linksliberalen Blatt, die Nasa habe wiederholt Warnungen von ihm und anderen Experten erhalten, die Sicherheitsmängel seien bekannt gewesen. Nelson habe im vergangenen Sommer in einem Schreiben direkt an US-Präsident George W. Bush appelliert, durch persönliche Intervention "ein katastrophales Raumfährenunglück" zu verhindern.

Knappes Budget, viele Tausende Defekte

Jetzt, nachdem das Desaster eingetreten ist, hält sich Nelson mit Schuldzuweisungen nicht zurück: "Die jüngste Katastrophe ist auf das verheerende Missmanagement an der Nasa-Spitze zurückzuführen." Er und andere hätten die Nasa wiederholt gedrängt, "Rettungsmodelle" für die Shuttle-Besatzung zu entwickeln. Seit dem "Challenger"-Unglück von 1986 sei die Sicherheitskultur bei der Nasa "langsam ausgehöhlt" worden.

Laut "Observer" hat auch der frühere Chef des US-Beirats für Raumfahrtsicherheit, Richard Bloomberg, im vergangenen April seine "tiefe Besorgnis über die Sicherheit des Raumfahrtprogramms" geäußert. Bei einer Senatsanhörung im September 2001 sei festgestellt worden, dass Nasa-Manager aus Budgetgründen Verbesserungen bei der Sicherheit als nur "optional" eingestuft hätten. Dem "Observer" zufolge wurden im August 2002 Risse in den Brennstofftanks der Shuttle-Startanlage entdeckt. Einen Monat zuvor sei von offizieller Stelle das "unzureichende Management des Sicherheitsprogramms" bemängelt worden. Im August 2000 wurden angeblich im Kabelsystem der "Columbia" 3500 Defekte gefunden.

Moderner wäre besser

Der frühere Nasa-Techniker Jose Garcia erklärte, Sparmaßnahmen in den neunziger Jahren hätten zum Abbau von Sicherheitsvorkehrungen geführt. Er sei mit seinen Bedenken sogar beim früheren Präsidenten Bill Clinton vorstellig geworden, doch habe sich nichts verändert. "Die Manager sagen immer: 'Es ist sicherer denn je. Die Sicherheit zuerst.' Es ist allzu leicht, so etwas zu sagen".

Kritische Töne kamen auch von der deutschen Wissenschaftlerin Monika Auweter-Kurtz vom Institut für Raumfahrtsysteme an der Uni Stuttgart. Sie sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Ein modernes Fahrzeug wäre auf jeden Fall sicherer gewesen." Die "Columbia" war vor 22 Jahren zum ersten Mal gestartet, sie befand sich auf ihrer 28. Mission - und war das dienstälteste Raumschiff der Nasa.

Fünf mögliche Gründe für das Versagen

Experten und Ex-Astronauten sind sich inzwischen weitgehend einig, dass der Absturz auf einen Defekt der Hitze-Isolierung zurückzuführen ist. Heinz-Hermann Koelle, Berliner Raumfahrt-Experte, sagte, die Katastrophe sei "zweifellos eine Folge der Auflösung der Struktur der Raumfähre, weil der Hitzeschild versagt hat." Fünf Gründe kämen als Auslöser dafür in Frage: Eine Beschädigung der Raumfähre beim Start, Wartungsfehler, Materialmüdigkeit, Führungsfehler oder eine Reifenexplosion.

Auch Ernst Messerschmid, deutscher Astronaut und 1985 Passagier auf der ein Jahr später ebenfalls abgestürzten "Challenger" sagte, das abgestürzte Space Shuttle habe vermutlich einen Hitzeschild oder die Fluglagekontrolle verloren. Darauf deuteten erste Vermutungen aus Nasa-Kreisen.

Nasa-Direktor: "Raumfähre beim Eintritt nicht gefährdet"

Die Nasa selbst hat inzwischen eingeräumt, dass der Hitzeschild der linken Tragfläche möglicherweise schon beim Start schwer beschädigt wurde - anders als zunächst angenommen. Beim Abheben am 16. Januar hatten sich Teile der Isolation eines Außentanks gelöst und waren gegen mehrere Kacheln des Hitzeschildes der linken Tragfläche geprallt. Die Nasa stufte dies zunächst als unerheblich ein. Doch das Unglück begann offenbar mit Problemen an eben dieser Tragfläche. Noch am Freitag, einen Tag vor dem Absturz, hatte der für den Flug zuständige Nasa-Direktor Leroy Cain gesagt, dass der Schaden als gering eingestuft werde. Er werde die Raumfähre beim Eintritt in die Atmosphäre nicht gefährden.

23 Minuten vor der Landung am Samstag registrierten die Flugingenieure zunächst einen plötzlichen Temperaturrückgang im Hydrauliksystem der linken Tragfläche. Wenig später fielen auch die Temperatursensoren dieser Tragfläche aus, dann gab es auch keine Daten mehr von den Temperatursensoren des linken Hauptfahrwerks. Nach dem Absturz sagte der Leiter des Raumfährenprogramms, Ron Dittemore, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Defekt der Hitzeschild-Kacheln und der Katastrophe gebe.

"Gedanken darüber, was wir versäumt haben"

Selbst wenn dies tatsächlich die Ursache gewesen sein sollte, hätte es - zumindest nach ersten Nasa-Angaben - für die siebenköpfige Besatzung wohl keine Rettung mehr gegeben. Dittemore zufolge hätten die Astronauten im All nichts tun können, um das Hitzeschild zu reparieren - und auch die Experten am Boden hätten es nicht vermocht, eine schwer beschädigte Raumfähre sicher zur Erde zurück zu bringen. Auch bei einem Notausstieg hätten die Astronauten die Fläche unterhalb der Tragflächen nicht überprüfen können. "Wenn wir erst einmal im All sind, können wir nichts mehr gegen eine Beschädigung der Kacheln tun".

Auch mit Hilfe von Teleskopen oder Satelliten hätte ein Schaden nach Ansicht der Nasa nicht entdeckt werden können. Der mit Kameras ausgerüstete, 15 Meter lange Roboterarm der Fähre befand sich bei dieser Mission nicht an Bord. Dittemore sagte am Samstag, er mache sich Gedanken darüber, "was wir versäumt haben, was ich versäumt habe, um dies geschehen zu lassen. Dies wird ein schwieriger Tag für alle von uns."

Der Fehler tauchte nicht zum ersten Mal auf

Lose, beschädigte oder fehlende Kacheln können die Aerodynamik der Raumfähre verändern. Darüber hinaus kann Hitze zur Verformung oder zum Schmelzen des darunter liegenden Aluminiumrahmens und in einer Kettenreaktion zum Abplatzen weiterer Kacheln führen. Fallen die Kacheln in großer Zahl oder an kritischen Stellen ab, kann die Raumfähre überhitzen, auseinander brechen und in Einzelteilen heißen Metalls auf die Erde niedergehen wie im Fall der russischen Raumstation "Mir" im Jahr 2001.

Gleich drei Untersuchungskommissionen, unter anderem der Nasa und des US-Kongresses, werden sich nun auf die Suche nach der Ursache des Ungelücks begeben. Nasa-Mitarbeiter Dittemore sagte: "Wir werden alle Bruckstücke einsammeln, die wir finden können. Wir werden sehen, ob wir das Rätsel lösen können". Leicht werde dies jedoch nicht: "Einige Hinweise könnten verbrannt sein. Andere sind über eine solch große Fläche verteilt, dass wir sie möglicherweise nie finden werden." Dittemore weiter: "Wir werden in der absehbaren Zukunft 24 Stunden am Tag damit beschäftigt sein, die Daten auszuwerten".

Es war bereits das zweite Mal binnen vier Monaten, dass ein Stück der Schaumstoffummantelung des Außentanks abfiel. Beim Start der "Atlantis" im Oktober traf ein solches Teil eine der Antriebsraketen. Der Schaden wurde damals als oberflächlich bezeichnet. Der zweite Zwischenfall sei "sicher ein Signal an unser Team, dass sich etwas verändern muss".

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