Nachruf auf Sigmund Jähn Der leise Held

Sigmund Jähn war der erste Deutsche im All. Sein Flug sorgte zunächst vor allem im Osten für Furore. Im Westen bekannt wurde er durch eine ungewöhnliche Freundschaft und einen Film. Nun ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

Sigmund Jähn ist tot: Er wurde 82 Jahre alt
imago/ITAR-TASS

Sigmund Jähn ist tot: Er wurde 82 Jahre alt

Von


Es gibt Menschen, gar nicht so wenige, die haben Sigmund Jähn kennengelernt, als dieser nicht er selbst war. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Menschen sind wahrscheinlich im Westen Deutschlands geboren - oder nach der Wende. Sie haben statt Jähn den Schauspieler Stefan Walz gesehen, der ihn spielt. Und zwar in Wolfgang Beckers Film "Good Bye, Lenin!" aus dem Jahr 2003.

Dort verkündet ein Mann, der Jähn sein sollte, als fiktiver Staatschef der DDR im Fernsehen den Fall der Mauer: "Sozialismus, das heißt, auf den anderen zuzugehen, mit dem anderen zu leben. Nicht nur von einer besseren Welt zu träumen, sondern sie wahr zu machen", sagt er da. Nur dass im Film, aus dramaturgischen Gründen, die Menschen nicht jubelnd vom Osten in den Westen stürmen - sondern umgekehrt. Der Westen tritt hier also dem Osten bei.

Fotostrecke

13  Bilder
Sigmund Jähn: Der bescheidene Kosmonaut

Menschen, denen der Name Sigmund Jähn schon vorher etwas sagte, wissen, dass es genau andersrum lief. Dass der erste Deutsche im Weltall, ein Arbeitersohn aus dem sächsischen Vogtland, für den deutschen Teilstaat unterwegs war, der 1989/90 von seinen Bürgern entsorgt wurde - weil sie genau diesem Staat zutiefst misstrauten. Es war das Land, in dem Jähn gute zehn Jahre lang so etwas wie ein sozialistischer Superheld gewesen ist - während ihn auf der anderen Seite der Mauer so gut wie niemand kannte.

"Ich widme meinen Flug dem 30. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, meinem sozialistischen Vaterland", hatte der NVA-Oberstleutnant im August 1978 unmittelbar vor dem Start mit "Sojus 31" erklärt, neben sich sein sowjetischer Kommandant Waleri Bykowski. Und für genau dieses sozialistische Vaterland war Jähns Flug zur Raumstation "Saljut 6" mit seinen zwei Dutzend wissenschaftlichen Experimenten dann auch ein propagandistischer Triumphzug.

Kommandant Bykowski (l.) und Kollege Jähn (r.): "Herzlichen Dank"
AP

Kommandant Bykowski (l.) und Kollege Jähn (r.): "Herzlichen Dank"

Da waren nicht nur seine sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All, welche die Überlegenheit über den Klassenfeind beweisen sollten. Ebenso wertvoll waren auch die unzähligen PR-Termine des bodenständigen und bescheidenen Raumfahrers nach seiner Rückkehr. Und bescheiden ist eigentlich noch das falsche Wort. Der stets leise sprechende, ein wenig sächselnde Jähn war mehr als das. Er war zurückhaltend, formulierte oft beinahe entschuldigend - und hatte auf eine warmherzige Art doch so unfassbar faszinierende Dinge zu erzählen.

"Herzlichen Dank", schrieb er nach der Landung auf die Raumkapsel, die heute übrigens im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen ist. Und das sahen wirklich viele so. Klar, hinter vorgehaltener Hand witzelte mancher: Jähn sei prädestiniert für Führungsaufgaben im SED-Staat oder dessen von Mangel geprägten Handelssystem. Weil er sich hinter dem Mond auskenne (obwohl er dort nicht mal war) und mit leeren Räumen, wie sie in den Kaufhäusern des Landes doch immer wieder zu finden waren.

Wirbelsäulenschaden bei der Landung geholt

Doch der unprätentiöse und sympathische Jähn war für viele, gerade junge Menschen auch perfekte Identifikationsfigur und Vorbild. Für ihn gab es nicht nur die offiziellen Ehrungen, allen voran die Orden als "Held der DDR" und "Held der Sowjetunion", die Ehrenbürgerschaft Berlins, die Beförderung erst zum Oberst und später zum Generalmajor der NVA, sondern das, was Staats- und Parteiobere sonst eher selten bekamen: Zuneigung vom Volk.

"Man startet ja nicht jeden Tag mit einer Rakete. Wer da behauptet, dass der Puls nicht schneller wird, der lügt", hat Jähn einmal im Gespräch mit dem SPIEGEL gesagt. Und: "Wenn man in der Rakete sitzt, kann man sich keine philosophischen Gedanken mehr machen. Und wer zu viel Angst hat, ist als Astronaut sowieso im falschen Beruf."

Bescheiden und furchtlos, das war Jähn. So bescheiden, dass er auch fast nie über den Wirbelsäulenschaden sprach, den er einst bei der Landung in der kasachischen Steppe davongetragen hatte, weil sich ein Fallschirm nicht wie vorgesehen gelöst hatte - und die Kapsel bei Wind unsanft über den Boden gezerrt hatte.

Ungewöhnliche Freundschaft zu einem Kollegen

Seinen Flug hatte er, wenn man es so will, dem Kombinat VEB Carl Zeiss Jena zu verdanken. Dessen Ingenieure hatten mit der Multispektralkamera MKF 6 ein so leistungsstarkes Gerät entwickelt, dass sich die Sowjetunion dafür interessierte - für die Suche nach Bodenschätzen, die Überwachung von Forst- und Ackerflächen und natürlich auch für das Militär.

Jähns Flug für die Kamera, das war der Deal. Technik für Tickets - Verabredungen dieser Art sind in der Raumfahrt bis heute üblich. Und ein solches Geschäft war es auch, das Ulf Merbold, dem ersten Westdeutschen im All, fünf Jahre nach Jähn den ersten Flug verschaffte. Mit dem Spaceshuttle "Columbia" der Amerikaner, mit dem europäischen "Spacelab" an Bord.

Wobei "westdeutsch" im Fall von Merbold nicht ganz zutreffend ist - schließlich liegen die Geburtsorte von Jähn und seinem kapitalistischen Pendant nur etwa 40 Kilometer auseinander. Doch während Jähn in der DDR Karriere gemacht hatte, Jagdflieger bei der NVA, Studium zum Diplom-Militärwissenschaftler in Moskau, hatte Merbold im Osten aus ideologischen Gründen gar nicht erst studieren dürfen - und war 1960 über die noch offene Grenze in Berlin in den Westen geflohen.

Die beiden verband dennoch eine ungewöhnliche Freundschaft. Den Mauerfall erlebten Jähn und Merbold übrigens gemeinsam: bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Saudi-Arabien.

Gerst lud ihn nach Baikonur ein

In den letzten Tagen der DDR war Jähn einer der letzten Generäle, die aus der Nationalen Volksarmee entlassen wurden. Und an dieser Stelle hätte seine Karriere auch enden können. Er hätte sich mit seiner Pension auf eine Datsche vor den Toren Berlins setzen können - und grollen, auf die neuen Zeiten, auf die neuen Herren.

Doch Jähn tat etwas anderes, auch dank Merbolds Vermittlung. Er beriet nach der Wende deutsche und europäische Raumfahrtmanager bei Gemeinschaftsprojekten mit Russland. Im sogenannten Sternenstädtchen bei Moskau arbeitete er bei der Ausbildung westlicher Raumfahrer mit. Mit Klaus-Dietrich Flade flog 1992 der erste Westdeutsche zur russischen "Mir". Mittlerweile ist die internationale Zusammenarbeit im All Standard - auch weil Menschen wie Sigmund Jähn sie nach der Wende zügig etabliert haben.

Dass auch aktuelle Raumfahrer um diese Verdienste wissen, zeigt das Beispiel von Alexander Gerst. Bei seinen beiden Starts ins All im Mai 2014 und im Juni 2018 war Jähn vor Ort in Kasachstan. Was er beim ersten Mal nicht wusste: Der Esa-Astronaut hatte einst bei einer Reise auf einem Flohmarkt in Irkutsk ein Abzeichen der Mission von Jähn und Bykowski gekauft und nahm es 2014 mit zur Internationalen Raumstation. Nach der Landung schenkte Gerst Jähn das Erinnerungsstück und nahm eine Einladung in dessen Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz an. Dort erinnert ein Museum an den ersten Deutschen im All.

Nach seiner Landung am 3. September 1978, noch im Raumanzug, hatte Jähn gesagt: "Und wenn man mich morgen wieder fragen würde, ob ich wieder fliegen würde: Jederzeit!" Dazu ist es freilich nie gekommen - auch wenn durchaus darüber verhandelt wurde. Allerdings forderten die Sowjets für diesen Fall keine Zeiss-Kamera mehr ein, sondern hartes Westgeld. Und das hatte die DDR nicht mehr. Deswegen blieb Sigmund Jähns erster Flug auch sein letzter. Nun ist er im Alter von 82 Jahren in seinem Haus im brandenburgischen Strausberg gestorben.



insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
quark2@mailinator.com 22.09.2019
1.
Ach schade, der Mann war super-nett. Kannte ihn persönlich, weil er mit meinem Vater im gleichen Geschwader flog. Er war immer unglaublich geduldig, hatte für jeden ein Lächeln, einfach jemand, der auf leise Weise die Welt zu einem freundlicheren Ort machte. Mein Mitgefühl an seine Angehörigen.
andre_36 22.09.2019
2. Unangenehmer Abschied
Ich finde selten etwas so geschmacklos, dass ich mich bemüßigt fühle, einen Kommentar zu schreiben. Den Nachruf dieses sympathischen, mutigen, ersten deutschen Menschen im All, für eine sarkastisch bis zynische Abrechnung mit der DDR zu benutzen, finde ich geschmacklos.
taglöhner 22.09.2019
3. Viel zu früh, Flieger!
Es stimmt so nicht, dass er kaum bekannt war im Westen. Jeder, der sich für Raumfahrt begeisterte kannte ihn wie jeden Kosmonauten und Astronauten auch. Natürlich hier auch gerade als ersten Deutschen. Und das waren nicht wenige Raumfahrtfans nach der Mondlandung. Die natürlich benutzte Figur wurde für uns im Westen wie alle DDR-Promis - meist aus dem Sport - allerdings erst nach der Wende zur Persönlichkeit, nachdem sie nicht mehr wie Roboter sprachen, sondern endlich glaubwürdige, persönliche Texte von sich gaben. Ich haben ihn seit dem ersten freien Interview, dass ich von ihm sah sehr gemocht.
pdebus0 22.09.2019
4.
Meinen Respekt dem ersten Deutschen und gleichzeitig DDR Bürger im Weltraum. Dieser Bericht entlarvt den Neid der Westdeutschen und ist eine Schande denn ein Nachruf.
Sonia 22.09.2019
5. Er war ein Mrnsch, einer der besten
hier zu versuchen, Wut auf die Existenz der DDR mit dem Ableben dieses großartigen Menschen zu vermischen, ist mehr als geschmacklos. Ich durfte ihn auf einer Vrranstaltung kennenlernen, den Ohysiker Jahn, der nach der deutschen Wiedervereinigung nur noch eine Strafrente erhielt, da er nach dem Erfolg im All einen hohen militärischen Rang in der Armee erhielt. Damit wurde er Stasimitarbeitern gleichgestellt. Nicht mal gegen diese Widerlichkeit hat sich dieser bescheidene Mensch gewehrt. Über die, die sowas entschieden, wird nie mehr geredet werden. Jähn ist unvergessen, weil er eine historische Persönlichkeit war und bleibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.