Sigmund Jähn wird 80 DDR-Kosmonaut mit Westconnection

1978 flog er als erster Deutscher ins All - als die DDR zusammenbrach, verlor der NVA-Offizier seinen Job. Doch ein Astronaut aus dem Westen half Sigmund Jähn, wieder Fuß zu fassen. Nun feiert er seinen 80. Geburtstag.

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Sein siebentägiger Flug ins All war Routine - doch in der DDR wurde Sigmund Jähn als Nationalheld gefeiert. "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR", titelte das SED-Blatt "Neues Deutschland". Im Fernsehen liefen Sondersendungen, in den Geschäften gab es Kosmonauten-Souvenirs, die Staatsbank gab eine Zehn-Mark-Sondermünze heraus.

Am 26. August 1978 war der Jagdflieger Sigmund Jähn zusammen mit dem sowjetischen Kosmonauten Walerij Bykowskij in Baikonur gestartet. 125-mal umkreiste er die Erde - nach der Landung kannte ihn jeder DDR-Bürger. Nun feiert der einstige Kampfpilot der Nationalen Volksarmee seinen 80. Geburtstag.

Seine Biografie ist ungewöhnlich - und das liegt auch an der Verbindung zum ersten westdeutschen Astronauten Ulf Merbold.

Die ersten beiden deutschen Raumfahrer werden im Vogtland nur 35 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt geboren - Jähn am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz, Merbold am 20. Juni 1941 in einem kleinen Dorf bei Greiz. Beide Männer wachsen in der DDR auf, kommen aber auf völlig unterschiedlichen Wegen ins All.

Kepler, Leibniz, Einstein

Jähn macht eine typische DDR-Karriere. Er lernt nach der Schule Buchdrucker, arbeitet aber nur kurz in diesem Beruf, wird Pionierleiter und geht 1955 freiwillig zur Kasernierten Volkspolizei (KVP), dem Vorgänger der Nationalen Volksarmee (NVA). Er wird Flugzeugführer, absolviert die sowjetische Militärakademie "Juri Gagarin" bei Moskau und bringt es bis zum ersten Deutschen im Weltraum.

Das "Neue Deutschland" erklärt ihn zum Star. Jähn setze "beste deutsche Entdecker- und Forschertraditionen" von Johannes Kepler, Gottfried Wilhelm Leibniz, Alexander von Humboldt und Albert Einstein fort.

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DDR-Kosmonaut: Sigmund Jähn wird 80

Von 1979 bis zur Wende fungiert er als Chef des DDR-Zentrums für Kosmische Ausbildung. 1983 verteidigt er seine Doktorarbeit zur Auswertung und Nutzung von Fernerkundungsdaten, die allerdings als geheim eingestuft und erst 1990 freigegeben wird. Vom 1. März 1986 bis zu seiner Entlassung 1990 ist Jähn Generalmajor der NVA.

Merbold indes kehrt dem "Arbeiter-und-Bauern-Staat" vor dem Mauerbau aus politischen Gründen den Rücken und kommt über Westberlin in die Bundesrepublik. In Stuttgart studiert er Physik, promoviert 1976 und arbeitet am dortigen Max-Planck-Institut für Metallforschung.

Erst "Spacelab", dann "Mir"

Ein Jahr später stößt er in einer Zeitung auf eine Stellenausschreibung der Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR), die Wissenschaftler für das Europäische Weltraumlabor "Spacelab" sucht.

Merbold setzt sich gegen 2000 deutsche und andere Bewerber durch und fliegt 1983 als erster Nicht-US-Bürger mit einem amerikanischen Shuttle ins All. 1992 startete er erneut mit einer solchen Raumfähre und schließlich 1994 noch einmal mit einem russischen "Sojus"-Raumschiff zur Raumstation "Mir".

Astronaut Ulf Merbold
DLR

Astronaut Ulf Merbold

Er ist damit der bisher einzige deutsche Dreifach-Flieger und wird das wohl auch noch sehr lange Zeit bleiben. Danach leitete er bis zu seiner Pensionierung 2004 die Astronautenabteilung des Europäischen Astronautenzentrums (EAC) in Köln.

Die Vogtland-Connection

Nach der Wende hilft der Republikflüchtling Merbold dem nach 35 Dienstjahren entlassenen General Jähn, im geeinten Deutschland Fuß zu fassen. Schuld daran ist wohl die "Vogtland-Verbindung", wie Merbold einmal schrieb.

Obwohl er noch heute darüber rätselt, wie sich Jähn dem DDR-Regime so mit Haut und Haar verschreiben konnte und ihm offenbar immer noch nachtrauert, habe es ihn "niemals betrübt", dass der vor ihm "im Weltraum unterwegs war".

Merbold hatte Jähn 1984 bei den Oberth-Festspielen in Salzburg kennengelernt. Im Herbst 1986 beim 37. IAF-Kongress in Innsbruck lädt er ihn zu einem gemeinsamen Flug über die Alpen ein.

Der frisch gebackene NVA-General überdenkt das Angebot eine Nacht lang und sagt dann zu. Er weiß, dass er damit Kopf und Kragen riskiert. Man mag sich heute nicht vorstellen, was mit Jähn geschehen wäre, wäre diese Connection mit dem Klassenfeind ruchbar geworden.

Landung am 3. September 1978
REUTERS

Landung am 3. September 1978

Aber offenbar obsiegt auch bei ihm die Vogtland-Verbindung. Überhaupt verletzte Jähn mehrfach für Merbold seine strengen Dienstvorschriften, etwa als er mit ihm auch in einer Privatmaschine von München nach Braunschweig flog. Zudem kümmerte er sich sogar um Merbolds Mutter, die weiter in der DDR lebte.

Als in der Wendezeit der Vorgänger des heutigen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Moskau einen Vertrag über den Mitflug eines bundesdeutschen Astronauten in der Raumstation "Mir" schloss, war für Merbold klar, wer der ideale Berater für die Mission sein könnte: Sigmund Jähn.

Der sei mit seinem Wissen über die Sowjetraumfahrt sowie seinen guten Kenntnissen der russischen Sprache und Mentalität der "ideale Mann" für eine solche Aufgabe, lautete seine Argumentation, die man zunächst für eine verrückte Idee hielt.

Schließlich erhielt Jähn einen Werksvertrag, dem wenig später auch noch ein Beratervertrag mit der Europäischen Weltraumorganisation Esa folgte. Damit bekam der DDR-Kosmonaut und General, der am 1. März 1990 nach 35 Jahren Dienstzeit aus der NVA entlassen worden war, im geeinten Deutschland wieder festen Boden unter die Füße.

Bis zu seinem Ruhestand hat Jähn vier gesamtdeutschen Astronauten, darunter auch Merbold, geholfen, sich auf ihre "Mir"-Mission vorzubereiten. Auch den elften Deutschen im All, Alexander Gerst, beriet er. Gerst war 2014 ein halbes Jahr auf der Internationalen Raumstation ISS und wird im kommenden Jahr erneut fliegen.

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Jähn genießt im Osten Deutschlands nach wie vor Kultstatus - wohl auch wegen seiner Bescheidenheit und seiner Heimatverbundenheit, die man in vielen seiner Äußerungen spürt. Behagt hat ihm der propagandistische Wirbel, der in der DDR um ihn gemacht wurde, wohl nie so ganz. Aber dennoch habe er sich damals "freiwillig vereinnahmen lassen", sagte er einmal.

Der Rummel um seine Person ist Jähn eher lästig. "Zum Volkshelden wollte ich mich nie machen lassen, das war mir peinlich", sagt er rückblickend. "Im Rampenlicht zu stehen, fand ich anstrengender als den Raumflug selber."

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
auswerter25 13.02.2017
1. Sein Flug ins All
war Routine? Für diese Aussage wird der Autor selbst bei heutigen Raumflügen Kopfschütteln ernten, in Zeiten der entwickelten Spitzentechnologie. Aber sicher war es früher mit einfacher Technik viel langweiliger und sicherer.
rheuma-kai 13.02.2017
2. @auswerter25: soviel
"Eine unerwartet harte Landung der Kapsel führte bei Jähn zu bleibenden Wirbelsäulenschäden. Da der relativ kleine Kapsel-Kommandant den Schalter zur Loslösung des Fallschirms nur unter Schwierigkeiten verspätet erreichte, löste sich der Schirm nicht rechtzeitig von der Landekapsel, wodurch diese sich mehrfach überschlug und durch die Steppe geschleift wurde." Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Jähn In dem Zusammenhang: im Geburtsort von Siegmund Jähn (dem idyllisch gelegenem Morgenröthe-Rautenkranz) gibt es ein kleines Raumfahrtmuseum, das ist sehenswert. Die Gegend ist auch sehr schön zum Urlaub machen (wandern, etc.), einen Freizeitpark gibt es auch in der Nähe (Freizeitpark Plohn).
Erwin S. 13.02.2017
3.
Nee, Herr Kowalski den hat nicht das ND zum Star erklärt. Das war seine Bodenständigkeit. Ein Glücksfall für die DDR-Führung, die plötzlich einen richtigen Sympathieträger hatte, den man sogar denjenigen verkaufen konnte, die mit der DDR sonst nix am Hut hatten. Die Begeisterung war im Großen und Ganzen tatsächlich echt. Also lieber Sigmund Jähn, Glückauf und Herzlichen Glückwunsch.
triqua 13.02.2017
4.
Jähn ist ein gesamtdeutscher Held .... Ehre wem Ehre gebührt! Herzliche Glückwünsche aus dem "Westen"!
klugscheißer2011 13.02.2017
5. Begeisterung war echt
Zitat von Erwin S.Nee, Herr Kowalski den hat nicht das ND zum Star erklärt. Das war seine Bodenständigkeit. Ein Glücksfall für die DDR-Führung, die plötzlich einen richtigen Sympathieträger hatte, den man sogar denjenigen verkaufen konnte, die mit der DDR sonst nix am Hut hatten. Die Begeisterung war im Großen und Ganzen tatsächlich echt. Also lieber Sigmund Jähn, Glückauf und Herzlichen Glückwunsch.
Das sehe ich genauso. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Wir (DDR-Bürger) waren damals alle stolz auf "unseren Kosmonauten" , obwohl wir den von der Staats- und Parteiführung inszenierten Propaganda-Hype belächelt und mit reichlich Witzen versehen haben. Wie dieser: Die neue Maßeinheit für die Entfernung zwischen zwei Plakaten ist das "Jähn" oder die Stadt Jena wird ab sofort "Jähna" geschrieben und das Weltall in Jähnseits umbenannt. Und dass er tatsächlich oben war, merkte man daran, dass beim Sternbild Kleiner Wagen die Auspuffanlage fehlte.... Aber der Spott richtete sich nicht direkt gegen Jähn, der war beliebt vor allem wegen seiner bescheidenen und ruhigen Art und seines freundlichen Lächelns. Wo wer hinkam, hat er Massen auf die Stra0e gebracht, ohne dass diese dorthin beordert werden mussten. Die Begeisterung war echt. Und dem ND und Jähn verdankten wir, dass DDR-Bürger sich öffentlich noch oder wieder auch als "Deutsche" wahrnehmen durften. Denn noch Mitte der 70er wurde ein anderer Trend gefahren. So wurden Gaststätten, die sich zuvor "Deutsches Haus" nannten, umbenannt in "Hotel am Markt" o.ä.
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