Simulierter Raumflug Astronauten landen im Mars-Sandkasten

Das "Mars500"-Experiment hat seinen Höhepunkt erreicht: Die Teilnehmer des simulierten Raumflugs sind nach 250 Tagen auf dem Roten Planeten gelandet, jetzt erkunden sie eine nachgebildete Oberfläche. Forscher sind begeistert, doch die schwierigste Prüfung steht der Crew erst noch bevor.

Aus Koroljow berichtet


Russlands "Mission Control Center" hat schon manche Heldentat gesehen: Das Kontroll- und Lagezentrum der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos residiert in einem wuchtigen Bau in Koroljow, einem Städtchen 30 Kilometer nördlich von Moskau. Hier hielten sowjetische und später russische Funker Kontakt mit Moskaus Weltraumstation "Mir". Von hier aus setzen sie sich noch heute mit der ISS in Verbindung, der Internationalen Weltraumstation.

Dutzende TV-Teams schieben sich am Montag an Gedenktafeln vorbei, die an Großtaten sowjetischer Kosmonauten erinnern: den Flug des Sputnik von 1957, des ersten Satelliten. Oder an Juri Gagarin, der vor knapp 50 Jahren als erster Mensch ins All gelangte und die Erde in einem Raumschiff umrundete.

Heute aber richtet sich die Aufmerksamkeit von Medienvertretern aus aller Welt nicht in den Himmel. Sie gilt allein dem nur wenige Kilometer entfernten Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) - und dem derzeit wohl meistbeachteten Sandkasten-Experiment der Welt.

Größeres Interesse als bei echten Weltraummissionen

"So viele Journalisten haben wir hier sonst noch nicht einmal bei echten Weltraummissionen", sagt Mark Belakowski vom IBMP. Sechs Männer proben an seinem Institut seit Sommer für den Flug zum Mars: drei Russen, zwei Europäer und ein Chinese. Acht Monate in völliger Isolation von der Außenwelt liegen hinter ihnen, acht Monate ohne Sonnenlicht. Funksprüche erreichen die Mannschaft mit 20 Minuten Verzögerung, so als schwebten sie wirklich Tausende Kilometer von der Erde entfernt. 520 Tage soll das Experiment namens "Mars500" dauern, von dem sich Roskosmos und die europäische Weltraumbehörde Esa Aufschlüsse für zukünftige bemannte Flüge in den interplanetaren Raum erhoffen.

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Mars-Experiment: Schmoren in der Röhre
Zur Halbzeit hat das Raumschiff nun laut Drehbuch den Mars erreicht, ein Landetrupp soll die ersten Schritte eines Menschen auf dem Planeten nachstellen. "Mars-Simulator" nennen sie am IBMP den rund 40 Quadratmeter großen Container, dessen Boden Sand und Steine bedecken und an dessen Decke Lichterketten den Sternenhimmeln nachbilden.

Alexander Smolejewski, Soldat im Dienst von Russlands kosmischen Streitkräften, und der Italiener Diego Urbina wuchten sich in ihre 25 Kilogramm schweren Weltraumanzüge und öffnen die Luke. Auf den Bildschirmen von "Mission Control" in Koroljow zeigen flackernde Aufnahmen ihre ersten Schritte. Dann rammen der Russe und der Italiener drei Fahnen in den Sand: eine russische, eine europäische und eine chinesische - ganz so, als hätte die Eroberung des Roten Planeten tatsächlich begonnen.

Testlauf für internationale Kooperation

Die Mars-Simulation ist auch ein Testlauf in Sachen internationaler Kooperation. Aufgrund der enormen Kosten eines bemannten Fluges zu einem anderen Planeten müssten Amerikaner, Europäer, Russen und Chinesen zusammenarbeiten - und ähnlich wie bei "Mars500" eine multinationale Mannschaft zusammenstellen.

An Bord des Moskauer Marsmoduls scheint die interkulturelle Kommunikation bereits gut geklappt zu haben: Anfang Februar, bereits in Mars-Nähe, feierte die Mannschaft gemeinsam das chinesische Neujahrsfest. Pekings Taikonaut Wang Yue hatte angekündigt, den langen Flug zu nutzen, um seinen Kameraden Chinesisch beizubringen.

Zwar wird es noch Jahrzehnte dauern, bis der erste Mensch tatsächlich die Marsoberfläche betreten wird, glaubt Esa-Mitarbeiter Martin Zell. "Doch Experimente wie 'Mars500' sind wichtige Schritte auf dem Weg dorthin. Abgesehen von der Schwerelosigkeit und der kosmischen Strahlung können wir hier unter recht realistischen Bedingungen Erfahrungen für den Betrieb einer solchen Mission sammeln." Als nächste Etappe sei ein ähnliches Isolationsexperiment auf der Internationalen Raumstation denkbar, sagt Zell.

Wissenschaftliche Erkenntnisse mit Nutzwert

Auch liefert "Mars500" schon heute neue wissenschaftliche Erkenntnisse - mit ganz irdischem Nutzen. "Aus den Ergebnissen, die wir erwarten, können wir sowohl für die Raumfahrt als auch für die Medizin auf der Erde großen Nutzen ziehen", sagt Rupert Gerzer vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Ein Team von Wissenschaftlern um den deutschen Mediziner Jens Titze etwa stellte der Crew eine besondere, salzarme Kost zusammen - und konnte nach 250 Tagen des Experimentes erstmals eindeutig nachweisen, dass zu viel Salz in der Nahrung beim Menschen zu Bluthochdruck führt, der Hauptursache für Herzkreislauferkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen. "Hochgerechnet auf die USA legen unsere Daten nahe, dass eine Salzreduktion die Zahl der Herzinfarkte um rund 50.000 pro Jahr verringern könnte", so Mediziner Titze. Das US-Gesundheitssystem würde um 10 bis 24 Milliarden Dollar jährlich entlastet.

Untersuchungen deutscher Wissenschaftler zeigen, wie die Isolation des Immunsystem der Probanden schwächt - vermutlich durch Stress. "'Mars500' ist ein Paradies für Forscher", schwärmt Alexander Choukèr von der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Wenig paradiesisch dagegen wird die Heimreise zur Erde für die sechsköpfige Mannschaft. Nach 30 Tagen Aufenthalt auf dem Mars wartet der 240 Tage lange Rückflug zur Erde. "Auf dem Hinweg konnten sie sich auf die Landung freuen", sagt Ex-Kosmonaut Boris Morukow. "Auf dem Rückweg aber droht ihnen die große Monotonie."

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Berta, 14.02.2011
1. Flug zum Mars
hoffentlich darf ich das noch erleben.
mjrz 14.02.2011
2. Tausende Kilometer?
Der Autor schreibt: "...20 Minuten Verzögerung, so als schwebten sie wirklich Tausende Kilometer von der Erde entfernt" "Tausende Kilometer" ist nicht ganz der richtige Ausdruck. Bei 20 Minuten Verzögerung sind es eher 360 Millionen Kilometer (20 min x 60 sec x Lichtgeschwindigkeit: rund 300000 km/sec). Korinthenkacker vom Dienst
alphamale, 14.02.2011
3. Das haben die Amerikaner 69 viel hübscher hinbekommen...
Die Mondlandung von Neil Armstrong ist meines Erachtens deutlich besser gelungen, aber wahrscheinlich hatte die Nasa einfach besseres Studio-Equipment. Haben die Filmstudios in den letzten Jahren denn nichts dazu gelernt? Einen Beweis gibt's natürlich auch dazu: http://www.youtube.com/watch?v=cZZJ78gEj5U ;-)
rotakiwi, 14.02.2011
4. -
Man sollte diese Einstellung in Ehren halten. Leider heizen sich die Leute lieber gegeneinander auf als gegen zB Krankheiten, Hunger oder Bildungsmangel, die echten Feinde der Menschheit. *Wär doch Mal eine nette Aufgabe für die Medien, uns dagegen aufzustacheln.* Marsflug: Ich habe statistisch gesehen noch knapp 60 Jahre Zeit, also bis vielleicht ≈2070. Wird es was zu sehen geben? Freundliche Grüße Victor
Mimimat 14.02.2011
5. @alphamale
Wenn die Amis das Ganze damals simuliert haben, dann staune ich, dass die Russen das nicht gemerkt haben. Funkpeilung gab es damals schon und ob Armstrongs Worte vom Mond kamen oder aus Hollywood, das hätten auch die Russen mit ihrer Technik rausbekommen. Und ich bin sicher, die haben das im kalten Krieg geprüft.
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