40 Jahre Sojus-Apollo-Projekt Handschlag in der Umlaufbahn

Im Juli 1975 trafen sich Kosmonauten und US-Astronauten erstmals im Weltall. Das Sojus-Apollo-Test-Projekt war ein bewegender Moment der Raumfahrtgeschichte - und hätte beinahe ein tragisches Ende genommen.

NASA/ JSC

Mitten im Kalten Krieg kamen zwei sowjetische Kosmonauten und drei amerikanische Astronauten im Rahmen des Sojus-Apollo-Test-Projekts (SATP) zum historischen Handschlag auf der Umlaufbahn zusammen. Damit war eine Weltraum-Kooperation geboren, die auch heute noch in Form der Raumstation ISS Bestand hat - ungeachtet der Ukraine-Krise und der scharfen westlichen Sanktionen gegen Russland.

Die Initiative für das Testprojekt, das im Juli 1975 stattfand und weltweit für viel Aufsehen sorgte, ging von den USA aus. Hintergrund waren ihre riskanten Mond-Flüge, nicht zuletzt das Beinahe-Debakel von "Apollo 13" (April 1970), und die bevorstehenden Skylab-Missionen (1972/74). Die Idee bestand darin, sich nach dem Vorbild der Seenotrettung im Bedarfsfall auch bei Havarien im Weltraum gegenseitig zu Hilfe zu kommen. Dazu entwickelten Tausende Wissenschaftler und Techniker beider Länder ein gemeinsames Annäherungs- und Kopplungssystem für die Raumschiffe.

Russen springen über eigenen Schatten

Der damalige sowjetische Ministerpräsident Alexej Kossygin und US-Präsident Gerald Ford hatten das Projekt im Mai 1972 in Moskau vertraglich vereinbart. Die Sowjets öffneten daraufhin den Amerikanern und auch den Journalisten nicht nur alle ihre bis dato streng geheimen Trainingseinrichtungen im "Sternenstädtchen" bei Moskau und das brandneue Flugleitzentrum (ZUP) im damaligen Kaliningrad - dem heutigen Koroljow - vor den Toren der Hauptstadt. Sie übertrugen auch erstmals einen Sojus-Start live.

Mit einem gewaltigen materiellen und technischen Aufwand wurde bis April 1974 die für das einmalige Vorhaben erforderliche Technik und Bodenstruktur aus dem Boden gestampft. Das Hauptproblem war, ein gemeinsames Kopplungsmodul für das Sojus- und das Apollo-Raumschiff zu entwickeln. Darüber mussten auch die unterschiedlichen Lebensbedingungen in den gekoppelten Kapseln angepasst werden. Denn die Russen flogen mit normaler Atemluft, die Amerikaner dagegen mit reinem Sauerstoff. Das erforderte einen Druckausgleich, der schließlich in einem Schleusenmodul erfolgte, das die Amerikaner mit auf die Umlaufbahn brachten.

In dieser 3,13 Meter langen Röhre fand auch am 17. Juli 1975 um 20.19 Uhr deutscher Zeit der historische Handschlag zwischen den Kommandanten beider Besatzungen, Sowjet-Oberst Alexej Leonow und US-General Thomas Stafford, statt. Leonow, der damals schon als erster Weltraumspaziergänger Kultstatus hatte, schrieb später, er sei "tief bewegt" gewesen, als ihn der Amerikaner mit "Towarischtsch" (Genosse) anredete.

Dramatisches Finale bei den Amerikanern

Während des 47-stündigen Verbundfluges besuchten die Raumfahrer einander mehrfach und führten fünf gemeinsame Experimente durch. Unter anderem züchteten sie Kristalle, schmolzen Metall und untersuchten eine künstliche Sonnenfinsternis. Dafür schob sich das für 30 Minuten abgekoppelte Apollo-Raumschiff kurzzeitig vor die Sonne. Daneben wurden noch 30 nationale wissenschaftliche und technische Versuche gemacht, die meisten von dem US-Trio.

Am 21. Juli landeten Leonow und sein ziviler Co-Pilot Waleri Kubassow wieder wohlbehalten in der kasachischen Steppe. Stafford und seine Mannschaftskollegen Vance Brand und Donald Slayton wasserten drei Tage später im Pazifik bei Hawaii. Dabei hätte die überaus erfolgreiche SATP-Mission fast noch ein tragisches Ende gefunden, weil das automatische Landesystem des Apollo-Raumschiffs nicht rechtzeitig aktiviert worden war. Dadurch drangen Gase aus den Stabilisierungsdüsen in die Kapsel ein, so dass Brand sogar kurzzeitig das Bewusstsein verlor, bevor ihn Stafford mit einer Sauerstoffmaske rettete.

Präsident Ford wertete das Projekt als Beginn einer neuen Etappe der internationalen Zusammenarbeit bei der Erschließung des Weltraums. KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew sprach gar prophetisch vom "Prototyp künftiger internationaler Orbitalstationen" - wie in Gestalt der ISS später eine die Erde umkreisen sollte.

Die gemeinsame Erkundung des Weltraums als eines der bisher größten Projekte der Menschheitsgeschichte ist offenbar auch heute noch für die USA und die Russen zu wichtig, um sie mit der irdischen Krise zu belasten. Deshalb kommt auch General Tom Stafford als Goodwill-Botschafter zur 40-Jahr-Feier des historischen Andockmanövers nach Moskau.



insgesamt 8 Beiträge
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steffen.ganzmann 17.07.2015
1. Irgendwie schon paradox:
Auf der Erde sind wir (beinahe) Gegner, im Weltraum Verbündete ...
j.schiffmann 17.07.2015
2. Sojus 11
Als Vorgeschichte wäre noch anzumerken, das der US-Astronaut Tom Stafford einer der Sargträger der verunglückten Sojus-11 Mannschaft beim Staatsbegräbnis 1971 in Moskau war...
hooverphonic 18.07.2015
3. Kaliningrad Kaliningrad
Jetzt haben bestimmt einige Foristen die Stirnen gerunzelt. Ist hier von DEM Kaliningrad die Rede? Das mal Königsberg in Ostpreußen war? Mitnichten: der amtlich (gewünscht)e Name der Stadt in der Nachkriegszeit (II. WK) war "Kaliningrad in der Oblast Moskau", was natürlich vielen zu lang war, aber eben auf diese Weise Verwechslungen ausschloss.
Inselbewohner, 18.07.2015
4. Hoffnung
Immer wieder gab und gibt es Beispiele wo über alle Religionen und Ideologien die Menschen einen Weg fanden und finden friedlich mit einander auszukommen. Dieser kleine Hoffnungsschimmer sollte uns daran erinnern, dass wie alle nur Menschen sind und auf einem wundervollen Planeten leben. Viellecht wird einmal eine Zeit kommen in der Haß, Kriege, Religionen endgültig der Geschichte angehören. Gruß HP
Parvis 18.07.2015
5. Was weitgehend unbekannt ist
Zitat von steffen.ganzmannAuf der Erde sind wir (beinahe) Gegner, im Weltraum Verbündete ...
Die UDSSR betrieb noch später eine mit einer Maschinenkanone bewaffnete Raumstation (siehe Saljut 5 (Almaz)).
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