"Sojus"-Nachfolger Russland will neue Raumfähre entwickeln
"Sojus"-Startkomplex in Baikonur (September 2006): "Ein Schritt in die Zukunft"
Foto: A2800 epa Yuri Kochetkov/ dpaDie "Sojus"-Kapseln sind die Arbeitspferde der russischen Raumfahrt. Sie werden für einige Jahre die einzige Transportmöglichkeit zur Internationalen Raumstation ISS sein, wenn die USA ihre Space Shuttles wie geplant 2010 einmotten. Doch das "Sojus"-Konzept ist rund vierzig Jahre alt, auch wenn es durch viele Modifikationen immer wieder so gut wie möglich modernisiert wurde. Zuletzt machten die russischen Schiffe immer wieder Probleme, bei der Landung ebenso wie beim Andocken an die ISS. Immerhin: Die Rückkehr von "Sojus TMA-13" am Mittwoch verlief ohne größere Schwierigkeiten.
Die russische Weltraumbehörde Roskosmos hat nun ein Nachfolgermodell in Auftrag gegeben, das die "Sojus"-Kapseln Ende des nächsten Jahrzehnts ablösen soll. Für das Jahr 2015 seien Flugtests geplant. Schon zwei Jahre später sollen die neuen wiederverwendbaren Schiffe bei der Versorgung der Internationalen Raumstation eingesetzt werden, heißt es.
Bei einer Ausschreibung für das Design der Transporter sei der Raumfahrtkonzern RKK Energija auf dem ersten Platz gelandet, erklärte Roskosmos. Es war bereits die zweite Ausschreibung. Alexej Krasnow, der Chef der Abteilung bemannte Programme bei Roskosmos, hatte Anfang März erklärt, bei einer ersten Runde habe es keine befriedigenden Vorschläge gegeben: "Die ersten vorgelegten Projekte trugen den von Roskosmos gestellten Anforderungen nicht Rechnung."
Projekt "Kliper" wurde zurückgestellt
Energija erhält nun zunächst umgerechnet 18 Millionen Euro für die Entwicklungsarbeiten, die schon im kommenden Sommer abgeschlossen sein sollen. Das Unternehmen könnte dafür möglicherweise einen älteren Plan wieder aus der Schublade holen: Energija hatte bereits an einem Nachfolgekonzept für die "Sojus"-Kapseln gearbeitet und die Ideen dafür auch auf einigen Fachmessen präsentiert.
Das Projekt namens "Kliper" war dann aber von den Russen zurückgestellt worden. Neben wirtschaftlichen hatte das auch politische Gründe: Zusammen mit der Europäischen Weltraumbehörde Esa hatte Roskosmos jahrelang über den Bau eines gemeinsamen Transportsystems namens CSTS nachgedacht. Weil aber die Europäer ernsthaft über eine Aufwertung ihres bisher unbemannten Transportschiffs ATV nachdenken , wird es solch ein Kooperationsprojekt nicht geben.
Der neue Weltraumtransporter ist also wieder eine rein russische Angelegenheit. Mit der Raumfähre "Buran" hatten sich Moskaus Konstrukteure vor 20 Jahren schon an einem wiederverwendbaren Transportsystem versucht - allerdings bis auf einen unbemannten Testflug ohne Erfolg. Die Wirren nach dem Ende der Sowjetunion hatten dem vielversprechenden Projekt das Aus gebracht.
Nun also ein neuer Anlauf: Von dem noch namenlosen Raumschiff soll es mehrere Versionen geben, eine für Flüge um die Erde, eine weitere für Reisen in den Mondorbit, dazu eine dritte für unbemannte Frachttransporte. Die technischen Spezifikationen sollen sich jeweils leicht unterscheiden.
Die Variante für die Erdumlaufbahn soll insgesamt zwölf Tonnen schwer sein und neben sechs Kosmonauten auch mindestens 500 Kilogramm Nutzlast befördern können. Etwas weniger Platz soll die Mond-Version bieten, in der vier Menschen und hundert Kilogramm Nutzlast unterkommen sollen. Das Raumschiff soll selbständig um den Mond kreisen oder an einer um den Erdtrabanten kreisenden Orbitalstation ankoppeln können. "Wir wollen, dass das neue Schiff ein Schritt in die Zukunft ist, nicht nur eine größere Version von 'Sojus'", sagt Krasnow. Auch Flüge zum Mars seien mit dem neuen Transporter prinzipiell denkbar, heißt es bei Roskosmos.
Mit der unbemannten Nutzlastversion sollen bis zu 2000 Kilogramm in den Orbit und mindestens 500 Kilogramm wieder zurück zur Erde gebracht werden. Die Kapseln sollen mindestens ein Jahr im All verbringen können. Derzeit müssen die "Sojus"-Schiffe an der ISS etwa alle sechs Monate ausgetauscht werden - und bieten maximal drei Raumfahrern Platz.
Amerikaner witzeln über "Orionski"
Einige US-Raumfahrtanalysten sehen das geplante russische Fluggerät als Konkurrenz zum amerikanischen "Orion"-Projekt, dem Shuttle-Nachfolger der Nasa (siehe Fotostrecke). Sie verweisen darauf, dass die Spezifikationen ähnlich seien und witzeln, die Russen würden an einem "Orionski"-Transporter arbeiten. Der frühere Nasa-Mitarbeiter James Oberg, der mittlerweile als freier Berater für die Weltraumindustrie arbeitet, erklärte, die US-Weltraumbehörde habe nun bessere Chancen auf zusätzliches Geld vom US-Kongress. Die Nasa-Offiziellen müssten einfach die Argumentation eines Wettrennens ins All recyceln, die schon zu Zeiten des "Apollo"-Programms das Geld in Strömen fließen ließ.
Zumindest deutet einiges darauf hin, dass sich Russland um eine Wiederbelebung seines darbenden Raumfahrtsektors bemüht - auch wenn das angesichts der internationalen Finanzkrise alles andere als einfach sein dürfte. Vor wenigen Tagen hatte Moskau bereits den Bau einer neuen Trägerrakete angekündigt, um deren Entwicklung sich das Konstruktionsbüro Progress kümmern wird. Sie soll in Zukunft bemannte Missionen vom neuen Weltraumbahnhof Wostotschny im Fernen Osten ins All bringen - ein weiteres Prestigeprojekt der russischen Raumfahrt. Der Startkomplex soll ab kommendem Jahr nahe der Grenze zu China entstehen. Wo genau, ist noch offen.
Bemannte Missionen sollen nach russischen Plänen ab dem Jahr 2018 von Wostotschny ins All starten. Damit will sich Russland langfristig vom in Kasachstan gelegenen Weltraumbahnhof Baikonur unabhängig machen.