Sonden-Start Aufbruch zum Roten Planeten

Die Europäische Weltraumagentur nutzt eine seltene Planetenkonstellation, um ihre erste Sonde zum Mars zu schicken. Dem Start am Montagabend blicken Forscher mit Anspannung entgegen: Wird das Raumvehikel erfolgreicher als viele seiner Vorgänger?




Raumsonde "Mars Express" (Zeichnung): Rendezvous der Planeten
ESA

Raumsonde "Mars Express" (Zeichnung): Rendezvous der Planeten

Im August werden Erde und Mars nach kosmischen Maßstäben auf sehr enge Tuchfühlung gehen: Läppische 55,7 Millionen Kilometer liegen dann zwischen ihnen - seit fast sechzigtausend Jahren sind sich die beiden Planeten nicht mehr so nahe gekommen. Dieses bevorstehende Rendezvous ist auch der Europäischen Weltraumagentur Esa nicht entgangen. Ihre Sonde, die am Montagabend um 19.45 Uhr MESZ ins All starten soll, kann den Mars in einer Rekordzeit von kaum sieben Monaten erreichen - deshalb trägt das Vehikel auch den Namen "Mars Express".

Den Aufbruch des Planetensprinters vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan aus wollen sowohl die Esa als auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) live im Internet übertragen. Gelingt der Start, dann könnte "Mars Express" schon zu Weihnachten in eine Umlaufbahn um den Wüstenplaneten einschwenken und den Lander "Beagle 2" abwerfen. Diesem Moment blicken die Ingenieure nicht ohne Anspannung entgegen: Für viele Raumfahrzeuge wurde der Mars bereits zum staubigen Grab. Einzig die USA können auch gelungene Projekte vorweisen - an diesem Monopol will die Esa nun rütteln.

Die europäische Mission ist mit geschätzten 300 Millionen Euro Gesamtkosten sogar ein Raumfahrt-Schnäppchen. Der Discountpreis, zu dem Deutschland rund 60 Millionen Euro beisteuert, konnte durch Mehrfachnutzung von Hardware der "Rosetta"-Kometensonde und den Einsatz einer "Sojus Fregat"-Trägerrakete erreicht werden - im Vergleich zur "Ariane"-Rakete ist die russische Variante ein Billigflieger. Zudem konnten einige Geräte, darunter die Stereokamera des Orbiters, fast fertig übernommen werden: Sie wurden als Zweitmodelle für die glücklose russisch-deutsche Mission "Mars 96" gebaut, deren Start misslang.

Landegerät "Beagle 2" (Zeichnung): Schnappschüsse als Weihnachtspräsent
Beagle 2

Landegerät "Beagle 2" (Zeichnung): Schnappschüsse als Weihnachtspräsent

Wie die US-Raumfahrbehörde Nasa mit ihren beiden Mars-Rovern, die ebenfalls in diesem Monat starten sollen, suchen auch Europas Planetologen mit ihren Sensoren und Kameras nach Spuren von Wasser. Ihr Kalkül: Gab es das nasse Lebenselexier auf dem Planeten, so aalten sich darin vielleicht auch marsianische Lebensformen. Wasser soll, davon gehen viele Forscher aus, in wärmeren Klimaphasen gewaltige Flusstäler in die heute staubtrockene Marsoberfläche gegraben haben. Als Eis ist es nach wie vor in den Polkappen und, wie im vergangenen Jahr die US-Sonde "Mars Odyssey" nachwies, nahe unter der Oberfläche gebunden.

Jetzt wollen die Europäer die Spurensuche unterstützen. Mit von der Partie ist auch Göstar Klingelhöfer von der Universität Mainz: Sein Mini-Mössbauer-Spektrometer "MIMOS II" ist im Roboterarm von "Beagle 2" eingebaut und wird auch an Bord der beiden Nasa-Rover durchs rote Geröll kurven. Mit Gammastrahlen will Klingelhöfer Sand und Gestein bombardieren und aus der reflektierten Strahlung auf die enthaltenen Minerale schließen. "Ganz wichtig ist dabei, welche Verwitterungsprodukte wir finden. Denn daraus können wir ableiten, wie viel Wasser es früher auf dem Mars gegeben hat", erläutert der Physiker.

Der unter britischer Leitung konstruierte "Beagle 2" soll aber auch die seit den siebziger Jahren unterbrochene direkte Lebenssuche im Marssand wieder aufnehmen. Mit einem am DLR in Köln entwickelten Bohrer können Bodenproben unterhalb von Steinen und aus über zwei Meter Tiefe gekratzt werden. Dort, so hoffen die Forscher, könnte sich Mikroben vor den ungefiltert auf die Oberfläche prasselnden solaren UV-Strahlen in Sicherheit gebracht haben.

Den jüngst entdeckten Eisvorkommen soll dagegen der "Mars Express"-Orbiter ihre Geheimnisse entlocken. Niemand weiß, bis in welche Tiefe der frostige Wasserspeicher reicht, den manche Forscher als Überbleibsel der Sturzfluten vergangener Warmzeiten deuten. "Mit den Radarstahlen des italienischen Marsis-Gerätes werden wir aus dem Orbit einige Kilometer tief in den Boden eindringen können", erklärt Ralf Jaumann, DLR-Planetenforscher aus Berlin. "Wenn dort Wasser- oder Eisschichten sind, werden die Strahlen unterschiedlich reflektiert. Aus diesen Daten und den 3D-Bildern der Oberfläche wird man schließen können, wie sich Wasser beziehungsweise Eis im Untergrund verteilt."

Doch bevor die Schnappschüsse als Weihnachtspräsente für die Marsforscher eintrudeln, muss alles wie geplant funktionieren. "Vor einem Fehlschlag ist keine Raumfahrtnation sicher", kommentiert DLR-Kameraexperte René Pischel auf dem Weg nach Kasachstan. Selbst die Nasa, traditionell Platzhirsch am Roten Planeten, musste noch 1999 zwei Sonden verloren geben. Auch Pischel hat vor sieben Jahren das "Mars 96"-Desaster miterlebt: "Ich fahre durchaus mit gemischten Gefühlen nach Baikonur".



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