Sonnenfinsternis Jubel und Angst von Brasilien bis Anatolien

Manche flohen aus Furcht vor Naturkatastrophen oder dem Zorn Gottes, andere jubelten und viele bekamen überhaupt nichts mit – die Sonnenfinsternis, die von Südamerika über Afrika nach Kleinasien zog, hat Millionen Menschen in ihren Bann gezogen.


Das Tiefdruckgebiet "Jasmin" ist schuld daran, dass nur wenige Menschen in Deutschland die heutige Sonnenfinsternis beobachten konnten. Bei gutem Wetter hätte man in München die teilweise Verdunklung der Sonne durch den Mond am besten beobachten können. Dicke Wolken verdeckten jedoch den Blick gen Himmel.

"Für einen Großteil der Menschen fiel die Teilfinsternis aus", sagte Meteorologe Thomas Ruppert vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Lediglich im Osten Deutschlands hätten Chancen bestanden.

Der Kernschatten des Mondes war von Ostbrasilien ausgehend über Westafrika, die Sahara und das Mittelmeer gezogen und hatte kurz vor 13 Uhr mittags die Türkei erreicht. Tausende Türken und viele Besucher aus Deutschland erwarteten das Schauspiel dort. Eine 500-köpfige Gruppe aus Stuttgart hatte gar ein ganzes Hotel in Side nahe dem südtürkischen Antalya belegt.

Das seltene Phänomen lockte aber nicht bloß Astronomiefans und Schaulustige an. Dass im Bereich des Kernschattens für wenige Minuten Finsternis herrschte und die Temperaturen sanken, machte vielen Menschen Angst:

  • In der zentralanatolischen Stadt Niksar flohen mehrere hundert Menschen aus ihren Häusern, weil sie Angst haben, dass die am Mittwoch anstehende Sonnenfinsternis ein schweres Erdbeben auslösen könnte. Dabei hatten Behörden und Erdbebenexperten die Bürger am Dienstag noch einmal bei einer Informationsveranstaltung darüber aufgeklärt, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis und einem Erdbeben gebe. Wenige Tage nach der letzten Sonnenfinsternis in der Türkei im August 1999 hatte es ein schweres Erdbeben gegeben, bei dem 20.000 Menschen starben.
  • Mit lauten "Gott ist groß"-Rufen begrüßten Muslime in Nigeria den Beginn der totalen Sonnenfinsternis. Viele Nigerianer deuteten die vierminütige Sonnenfinsternis als ein "Zeichen Gottes", manche flüchteten aus Angst in ihre Häuser. "Warum ist sie in Nigeria zu sehen, wenn es nicht eine Strafe für unsere Sünden ist?" sagte Musa Abubakar aus Kaduna. Die Regierung hatte im Rundfunk die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen und über das Naturphänomen aufgeklärt. Bei der letzten Sonnenfinsternis 1989 war es zu religiösen Ausschreitungen fanatischer Muslime gekommen, die mehrere Kirchen anzündeten und 28 Menschen töteten.
  • Im westafrikanischen Ghana schob sich der Mond um kurz nach elf mitteleuropäischer Zeit vor die Sonne. "Ich bin glücklich, denn ich kann noch meinen Enkeln erzählen: Ich war dabei", sagte eine 38-Jährige, die zusammen mit anderen Schaulustigen das Phänomen in den Straßen der ghanaischen Hauptstadt Accra beobachtete. Dort versuchten Händler, Geschäfte mit den Spezialbrillen zu machen, die für die gefahrlose Beobachtung des Phänomens nötig sind. Deren Preis verdoppelte sich kurz vor der Sonnenfinsternis auf rund 1,80 Euro.
  • Auf der rund 9,2 Quadratkilometer kleinen griechischen Insel Kastellorizon verfolgten rund 3000 Besucher die totale Sonnenfinsternis. "Es ist eins der spektakulärsten Naturphänomene. Hier hat die totale Sonnenfinsternis rund 2,5 Minuten gedauert", sagte der griechische Astrophysiker Ioannis Seiradakis einem Fernsehsender. Die winzige Insel vor der türkischen Küste war das einzige EU-Territorium, das vom Kernschatten des Mondes gestreift wurde. Rund 2000 Besucher waren am Vormittag an Bord von Schiffen zu einer Tagesfahrt von der Touristeninsel Rhodos nach Kastellorizon gekommen. 

Zuletzt war in Mitteleuropa vor knapp sechs Monaten eine Teilfinsternis der Sonne zu beobachten. Die Route der vierten totalen Sonnenfinsternis in diesem Jahrhundert führt nach der Türkei noch über Georgien, Kasachstan oder Russland. In der westlichen Mongolei schließlich soll sie am Abend als "schwarze Sonne" untergehen.

stx/AFP/dpa/rtr



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