Sonnensturm Kamera sieht irdischen Schutzschild glühen

Zum ersten Mal wurde das Partikel-Bombardement der Sonne beim Aufschlag auf das Erdmagnetfeld gefilmt. Die Aufnahmen bergen eine Überraschung: Nordlichter in 800 Kilometern Höhe, die bisher für Hirngespinste von Astronauten gehalten wurden, existieren tatsächlich.



Es war der gewaltigste Sonnensturm, den Menschen jemals beobachtet hatten: Mehrere Eruptionen des Zentralgestirns schleuderten Milliarden Tonnen heißen Gases und geladener Teilchen in Richtung Erde. Messinstrumente fielen unter dem Dauerfeuer aus, Satelliten, die nicht zuvor abgeschaltet worden waren, versagten den Dienst, der Flugverkehr musste gedrosselt werden.

Ein sehenswerter Effekt der so genannten koronalen Massenauswürfe (Coronal Mass Ejections, CME) waren spektakuläre Nordlichter in vielen Teilen der Welt. Die Lichtschauspiele kommen zu Stande, wenn die geladenen Partikel bei heftigen Sonneneruptionen das Erdmagnetfeld durchschlagen und mit Luftmolekülen kollidieren.

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Farben-Spektakel: Sonnensturm lässt den Himmel glühen

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Wissenschaftler reagierten deshalb stets mit Skepsis und offenem Unglauben, wenn Astronauten von Auroren in großer Höhe berichteten. In höheren Schichten der Atmosphäre, so die bisherige Annahme, seien Sauerstoff- und Stickstoffmoleküle zu spärlich verteilt, um nennenswerte Lichtspektakel zu verursachen. Die Bilder des "Solar Mass Ejection Imager" belehren die Wissenschaftler nun eines Besseren. Mit der Orbitalkamera gelang es zum ersten Mal, die Elektronenwolken von der Sonne bei ihrem Auftreffen auf das Erdmagnetfeld direkt zu beobachten. Das überraschende Ergebnis: Nordlichter, die normalerweise wenig höher als hundert Kilometer reichen, sind auch in Höhen von mehr als 800 Kilometern keine Seltenheit.

"Während jedes koronalen Massenauswurfs haben wir Nordlichter in großer Höhe beobachtet", sagte Bernard Jackson von der University of California in San Diego, welche die Kamera zusammen mit der US-Luftwaffe, der University of Birmingham und der Boston University konstruierte und im Januar ins All schoss. Die großen Eruptionen Ende Oktober und Anfang November hätten zahlreiche dieser Auroren ausgelöst, erklärte Jackson. Der Weg ihrer Entstehung aber sei noch rätselhaft.

"Es ist mysteriös", sagte Jackson. "Die Nordlichter stehen bei weitem höher, als irgendjemand erwartet hätte." Möglicherweise werde während einer Sonneneruption Stickstoff aus der Ionosphäre in höhere Schichten katapultiert und löse so die Lichteffekte aus, spekulierte der Physiker. Fest stehe bisher nur eines: Die Bilder des "Solar Mass Ejection Imager" würden die Weltraumwetter-Vorhersagen bedeutend verbessern.

"Wir leben in der Atmosphäre der Sonne", so Jackson, "aber hatten dennoch keine Möglichkeit, sie zu beobachten." Die Weltraum-Wetterfrösche hätten nie mit Sicherheit sagen können, ob ein Sonnensturm die Erde mit voller Wucht trifft oder wirkungslos vorbeizieht. "Jetzt, da wir diese Wolken auf ihrem Weg durch den Weltraum sehen, können wir ihre Flugbahnen berechnen."

Markus Becker

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