Sowjet-Geheimprojekt Kosmonauten sollten 1974 zum Mars fliegen

Der erste Mensch auf dem Mars sollte ein Russe sein. Schon in den sechziger Jahren planten sowjetische Wissenschaftler eine bemannte Mission zum Nachbarplaneten. Ein Projekt-Insider verrät jetzt in einem Buch Details über das ambitionierte Projekt.


Die Trägerrakete N1 gilt als die Mondrakete der Sowjetunion. Chefkonstrukteur Sergej Koroljow (1907-1966) soll sie als Gegenstück zur amerikanischen "Saturn V" Wernher von Brauns für den bemannten Flug zum Erdtrabanten entwickelt haben. Kaum bekannt ist jedoch, dass der mächtige Flugkörper ursprünglich ein Raumschiff zum Mars bringen sollte, statt nur zum Mond.

Sowjetisches Mars-Raumschiff (Zeichnung): Drei Kosmonauten sollten zum Roten Planeten fliegen
DDP

Sowjetisches Mars-Raumschiff (Zeichnung): Drei Kosmonauten sollten zum Roten Planeten fliegen

Der Start sei für 1974 vorgesehen gewesen; das Projekt selbst sei so geheim gewesen, dass selbst einige Stellvertreter Koroljows nicht eingeweiht worden seien, schreibt Wladimir Bugrow in seinem jetzt erschienen Buch über das Projekt. Bugrow war nach eigener Aussage selbst maßgeblich an dem Vorhaben beteiligt. Im August 1964 sei es jedoch "stillschweigend" in ein Mondprogramm umgewandelt worden, um, so Parteichef Nikita Chruschtschow, "den Erdtrabanten nicht den Amerikanern zu überlassen".

Dass sowjetische Forscher in den sechziger Jahren ernsthafte Anstrengungen unternahmen, Kosmonauten zum Mars zu schicken, war unter Raumfahrtexperten schon länger bekannt. Bereits im Mai 1953 hatte Chefkonstrukteur Koroljow im Kreml Modelle seiner Raketen präsentiert und erklärt, damit könnten sowohl der Mars, als auch die USA erreicht werden. Nikita Chruschtschow war begeistert und protegierte die Raumfahrtpläne seiner Wissenschaftler fortan - mit Erfolg, wie die Flüge von "Sputnik" und dem ersten Menschen im All, Juri Gagarin, zeigten.

Doch der Ehrgeiz Moskaus reichte noch weiter: Qua Regierungsbeschluss vom 23. Juni 1960 war Koroljow beauftragt worden, bis 1967 Raketensysteme mit einer Startmasse von 1000 bis 2000 Tonnen zu bauen, um Nutzlasten zwischen 60 und 80 Tonnen auf eine Erdumlaufbahn zu befördern, schreibt Bugrow in seinem Buch. Im Juli 1962 habe eine interdisziplinäre Kommission das sogenannte Skizzenprojekt für die N1-Trägerrakete bestätigt. Deren Hauptaufgabe lautete: Sicherung eines bemannten Fluges zum Mars.

Ehrgeizige Pläne

Bereits 1964 stand dann die Konfiguration des Bemannten Raketenkosmischen Marskomplexes (MPRKK), wie er offiziell hieß, fest. Seine zwei Hauptelemente waren das Marsraumschiff (MPKK) für den Flug einer dreiköpfigen Besatzung zum Mars, die Landung auf ihm und die Rückkehr zur Erde, der Interplanetare Raketenkomplex (MRK), eine Basis im Orbit, und die dreistufigen N1-Trägerrakete. Diese sollte bei vier bis sechs Flügen die Blöcke für das Marsraumschiff auf eine Erdumlaufbahn bringen, wo sie dann zu dem Komplex mit einer Masse von 400 bis 500 Tonnen zusammengefügt werden sollten.

Zum Marsraumschiff gehörte auch eine Landeeinheit, die aus einem Landemodul und einer Aufstiegsrakete bestand, mit der zwei Kosmonauten von der Oberfläche des roten Planeten zum Raumschiff in der Marsumlaufbahn zurückkehren sollten, in dem ihr dritter Kollege Wache halten sollte.

Das flaschenförmige Raumschiff hatte fünf verschiedene Ebenen: In der ersten waren Einzelkajüten für die Besatzung, eine Toilette, eine Dusche, ein Aufenthaltsraum, die Küche und das Speisezimmer untergebracht. Die zweite Ebene war der Steuerung des Schiffes, Forschungslabors und ein Fitnessstudio vorbehalten. Die restlichen drei Ebenen beherbergten nach Bugrows Angaben eine biologische und eine Gerätesektion sowie den Landeapparat und die Kontrolltriebwerke.

Die Marsträume wurden jedoch bereits im Jahr 1964 begraben, als die Partei- und Staatsführung Koroljow den Auftrag gab, die Marsrakete binnen vier Jahren zur Mondrakete umzuwandeln. Spätestens 1968 wollten die Russen auf ihm landen und damit den USA zuvorkommen.

Vier Fehlstarts

Doch damit war die sowjetische Raumfahrt überfordert, denn die Trägerrakete N1 litt unter einem Geburtsfehler: Koroljow konnte bei ihrer Konstruktion nicht auf die Hilfe des wichtigsten Herstellerteams für starke Raketenmotoren unter Valentin Gluschko zählen. Eine alte Feindschaft trübte ihre Zusammenarbeit.

Es blieb ihm nicht anderes übrig als auf schwachbrüstigere Antriebe ausweichen. Dutzende gebündelte Exemplare sollten ersatzweise die Himmelfahrt ermöglichen. Doch 1966, mitten in der heißen Konstruktionsphase, starb Koroljow im Alter von 59 Jahren, sein Nachfolger erbte die Problemrakete. Die Synchronisierung des Triebwerkbündels erwies sich als Ingenieurs-Alptraum. Die unbemannten Testflüge gerieten zu einer katastrophalen Absturzserie: Vier Teststarts der N1, deren Startmasse auf 2800 Tonnen erhöht werden musste, schlugen fehl. Die langlebigste unter den Raketen funktionierte nach dem Start gerade einmal 107 Sekunden.

Die Sowjetunion behandelte sowohl das Mars-, als auch das bemannte Mondprogramm über Jahrzehnte hinweg als Staatsgeheimnis. Das "größte Weltraumprojekt des 20. Jahrhunderts", wie der Chef der Moskauer Raumfahrtagentur Roskosmos, Anatoli Perminow, die visionären Pläne Koroljows im Vorwort des Buches nennt, harrt bis heute seiner Verwirklichung. Immerhin schmieden russische Wissenschaftler heutzutage wieder Mars-Pläne.

hda/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.