SpaceX-Chefingenieur "Die wilde Party kommt später noch"

Der Start sollte den Amerikanern in der Coronakrise gute Nachrichten bringen. Dann kam der Fall George Floyd. Im Interview erzählt SpaceX-Chefingenieur Hans Königsmann, wie es sich anfühlte, als die Rakete abhob.
Ein Interview von Christoph Seidler
Königsmann (re.) beim Start des "Crew Dragon" im Kontrollzentrum

Königsmann (re.) beim Start des "Crew Dragon" im Kontrollzentrum

Foto: Joel Kowsky/Nasa/ Xinhua/ imago images

SPIEGEL: Sie sind einer der dienstältesten Mitarbeiter von SpaceX und seit 18 Jahren dabei. Was empfinden Sie, wenn mit Doug Hurley und Bob Behnken jetzt erstmals Menschen in den Raketen Ihrer Firma fliegen?

Königsmann: Es fühlt sich überwältigend und fast ein bisschen irreal an. Wir haben hart und lange auf diesen Moment hingearbeitet. Schon in unser erstes Frachtraumschiff haben wir Fenster eingebaut. Wir wollten klar zeigen, dass die bemannte Raumfahrt unser Ziel ist. Aber so richtig habe ich erst ein paar Tage vor dem Start begriffen, dass es jetzt wirklich so weit ist.

Zur Person

Hans Königsmann ist Chefingenieur für die Raketenstarts bei SpaceX und Vizepräsident des US-Raumfahrtunternehmens. Er arbeitet seit 2002 für die Firma und war damals der vierte technische Angestellte. Zuvor hatte Königsmann Luft- und Raumfahrttechnik in Berlin und Bremen studiert und an der Universität Bremen (ZARM) sowie bei der kalifornischen Firma Microcosm gearbeitet.

SPIEGEL: Was war der Auslöser?

Königsmann: Da hatten wir einen entscheidenden Test in Florida. Bob und Doug sind in ihre Anzüge gestiegen, haben in der Kapsel Platz genommen und sind ihre Checklisten durchgegangen wie vor dem Start. Da habe ich zum ersten Mal verstanden: Jetzt sitzen tatsächlich Menschen an der Spitze der Rakete.

SPIEGEL: Sie kennen die Astronauten schon lange.

Königsmann: Bob und Doug waren mehrere Jahre regelmäßig bei uns in der Fabrik in Hawthorne in Kalifornien. Sie haben uns in vielen Fragen beraten, damit wir alles richtig machen. Dabei sind wir auch Freunde geworden.

"Kurze Zeit hat uns ein kleines Leck Kopfzerbrechen bereitet"

SPIEGEL: Wie haben Sie den Starttag dann erlebt?

Königsmann: Ich saß im Kontrollraum am Kennedy Space Center. Mein Job war es, die Verbindung zur Nasa aufrechtzuerhalten. Wir haben uns eine Zeit lang Sorgen über das Wetter gemacht. Das hatte uns schon den ersten Startversuch drei Tage zuvor vereitelt. Und dann kamen wieder Gewitter auf, scheinbar aus dem Nichts, und bewegten sich auf den Startplatz zu. Aber eine Stunde vor dem Start war alles frei.

Satellitenbild der Rakete auf dem Startplatz am Kennedy Space Center

Satellitenbild der Rakete auf dem Startplatz am Kennedy Space Center

Foto: -/ AFP

SPIEGEL: Dann kam der Countdown...

Königsmann: Da gab es zum Glück keine technischen Probleme. Nur kurze Zeit hat uns ein kleines Leck Kopfzerbrechen bereitet. Da hat es an der Rakete getropft.

SPIEGEL: Wie bitte?

Königsmann: Ja. Aber es hat zum Glück von allein wieder aufgehört. Da war klar, dass wir fliegen können. Und das haben wir dann auch gemacht. Der Start lief prima. Es war wunderbar!

SPIEGEL: Bei welchem Punkt haben Sie am ehesten Probleme befürchtet?

Königsmann: Die Kapsel ist ganz neu. Wir hatten damit bisher erst einen unbemannten Start. Der lief glatt. Fast ein bisschen zu glatt, für mein Gefühl. Da fragt man sich als Ingenieur immer, wo Probleme lauern. Beim zweiten Mal schaut man dann besonders genau hin.

"Astronauten müssen nur eingreifen, wenn es Probleme gibt"

SPIEGEL: Zumal Sie ja auch Technik an Bord hatten, die beim ersten Testflug noch nicht dabei war.

Königsmann: Ja, das Lebenserhaltungssystem war dieses Mal komplexer. Auch die Displays für die Astronauten wurden beim ersten Flug nicht benutzt. Diese Dinge testet man zwar besonders oft, im Weltraum kann trotzdem immer etwas schieflaufen. Aber bisher weiß ich noch nichts von Problemen.

SPIEGEL: Apropos Displays, die Steuerung der Raumkapsel läuft ja über Touchscreens. Was passiert, wenn da mal der Bildschirm ausfällt?

Königsmann: Grundsätzlich fliegt der "Crew Dragon" automatisch. Die Astronauten müssen nur eingreifen, wenn es Probleme gibt. Aber klar, da sollte kein Bildschirm ausfallen. Zur Sicherheit haben wir daher gleich drei eingebaut. Da ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie alle gleichzeitig den Dienst quittieren.

Astronauten vor den Touchscreens im "Crew Dragon"

Astronauten vor den Touchscreens im "Crew Dragon"

Foto: HANDOUT/ AFP

SPIEGEL: Das Cockpit des "Crew Dragon" sieht futuristisch aus. Ging es Ihnen vor allem um die Optik?

Königsmann: Nein, die Steuerung über Touchscreens ist auch sehr praktisch. Ein Flugzeug könnte man wohl nicht so fliegen. Aber eine Kapsel reagiert langsam, wenn sie auch schnell fliegt. Und die Steuerung über den Bildschirm zwingt einen dazu, ebenfalls langsam zu sein. Als ich das im Simulator getestet habe, war ich mit dem Touchscreen besser unterwegs als mit einem Joystick.

SPIEGEL: Bei der Rückkehr zur Erde wird die Kapsel stark durchgeschüttelt. Treffen die Astronauten da auf dem Monitor überhaupt das richtige Feld?

Königsmann: Ähnliche Bildschirme werden seit Jahren bei den Tesla-Autos verwendet und Millionen von Nutzern kommen gut damit klar. Aber so ganz sicher waren wir uns trotzdem nicht. Deswegen haben wir wichtige Kommandos für den Rückflug, zum Beispiel für den Fallschirm, auch noch einmal auf Knöpfe gelegt. Die sind unter den Displays angebracht. Für den Fall der Fälle.

"Lange nachgedacht, ob wir den Start verschieben sollen"

SPIEGEL: Bei Ihrem Flug ist zum ersten Mal seit fast 40 Jahren ein neues US-Raumschiff mit Besatzung getestet worden. Wie hoch haben Sie vor dem Start das Risiko für einen Fehlschlag eingeschätzt?

Königsmann: Es gibt Anforderungen der Nasa zum Design des Transportsystems. Demnach darf das Risiko, die Crew zu verlieren, über die gesamte Mission gerechnet nur bei 1 zu 270 liegen. Wir liegen etwas besser, bei einem rechnerischen Wert von 1 zu 276. Und da ist noch nicht einmal das Rettungssystem berücksichtigt, das die Kapsel bei Startproblemen absprengen und wegtransportieren kann. Berücksichtigt man das, ist das reale Risiko für ein katastrophales Ereignis noch deutlich geringer.

SPIEGEL: Wie hoch liegt es?

Königsmann: Die Zahl haben wir nie im Detail ausgerechnet. Aber sicher bei 1 zu mehreren Tausend. Das sollte passen.

SPIEGEL: Der Flug sollte auch für die Menschen am Boden ein großes Fest werden. Dann kamen die Coronakrise und die auf rassistische Polizeigewalt folgenden, teils gewaltsamen Proteste in den ganzen USA. Hätten Sie sich einen anderen Startzeitpunkt gewünscht?

Königsmann: In Bezug auf Corona haben wir selbst lange nachgedacht, ob wir den Start verschieben sollen. Wir haben uns aber dagegen entschieden. Wir waren uns sicher, das durchziehen zu können, ohne unsere Mitarbeiter oder die Astronauten zu gefährden. Wir hatten auch ein bisschen gehofft, gute Nachrichten zu produzieren in einer Zeit, die sonst ziemlich schrecklich ist.

SPIEGEL: Und dann kamen der Fall George Floyd, die Proteste und die Polizeigewalt dazu.

Königsmann: Ich habe die aktuellen Ereignisse vor dem Start nur am Rande wahrgenommen. Inzwischen habe ich mich ein bisschen eingelesen und finde das alles sehr tragisch. Man könnte sagen, dass es besser gewesen wäre, an einem anderen Termin zu starten. Aber andererseits war es uns auch wichtig, die Astronauten jetzt mal dort hochzubringen.

Jubelnder SpaceX-Chef Elon Musk nach dem Start

Jubelnder SpaceX-Chef Elon Musk nach dem Start

Foto: STEVE NESIUS/ REUTERS

SPIEGEL: Hat das Team nach dem erfolgreichen Start ein bisschen mit Ihrem Chef Elon Musk gefeiert?

Königsmann: Hier in Florida gelten recht strenge Corona-Regeln. Man muss Abstand zu anderen Leuten halten. Auch das Tragen von Mundschutz ist eigentlich Pflicht, auch wenn das nicht immer ernst genommen wird. Die Stimmung war etwas gedämpft. Ich war auf keinem Fest nach dem Start. Wir haben uns im Hotel getroffen. Es war aber keine wilde Party. Die kommt später noch.

SPIEGEL: Die erste Raketenstufe ist kurz nach dem Start auf einem ferngesteuerten Schiff gelandet. Was passiert jetzt mit ihr?

Königsmann: Sie wird inspiziert und startet dann wieder, nach aktueller Planung mit einem internationalen Satelliten.

SPIEGEL: Dieses historische Gerät kommt nicht irgendwo ins Museum?

Königsmann: Wir brauchen die Stufe noch. Die ist viel Geld wert, die müssen wir fliegen. Das ist das Prinzip der Wiederverwendbarkeit. Wenn sie zehnmal geflogen und gut gelandet ist, können wir immer noch über das Museum nachdenken.

SPIEGEL: Zur Kapsel. Wie macht sich der "Crew Dragon" bisher? Die beiden Astronauten haben berichtet, dass es sich doch ein bisschen anders fliegt als im Simulator.

Königsmann: Die Astronauten sind zweimal von Hand geflogen. Das Dockingmanöver lief aber automatisch und meines Wissens auch fehlerfrei ab. Aber natürlich ist klar, dass es sich in einem Simulator, wo sich nichts bewegt, anders anfühlt als in einem echten Fluggerät.

SPIEGEL: Wie lange bleiben Hurley und Behnken jetzt auf der Raumstation?

Königsmann: Da müssen Sie die Nasa fragen. Uns wurde gesagt: Sechs bis sechzehn Wochen könnte es dauern. Ich glaube, es wird eher eine längere Mission.

SPIEGEL: Auch die Solarzellen des "Crew Dragon" spielen eine Rolle dabei, wie lange die beiden bleiben dürfen.

Königsmann: Ja, die Zellen müssen ausreichend Leistung für den Rückflug liefern. Ich habe sie mir aber angesehen, und es würde mich schwer wundern, wenn sie Probleme machen.

SPIEGEL: In Texas baut SpaceX schon am nächstgrößeren Raumschiff, dem "Starship". Das soll auch für Reisen zu Mond und Mars taugen. Gerade ist aber wieder ein Prototyp bei einem Test zerstört worden. Ist das Programm noch auf Kurs?

Protoyp eines "Starships" (im September 2019)

Protoyp eines "Starships" (im September 2019)

Foto: Callaghan O'Hare/ REUTERS

Königsmann: Das Programm ist klar getrennt von unserer Arbeit mit dem "Crew Dragon". Dort geht es um Forschung. Wir wollen sehen, wie weit man bei bestimmten Dingen gehen kann. Das Ziel ist, so viel wie möglich in kurzer Zeit zu lernen. Wenn es dabei Rückschläge gibt, macht uns das natürlich langsamer. Aber das gehört dazu.

SPIEGEL: Wann fliegt das "Starship" dann zum ersten Mal?

Königsmann: Erste Testflüge in, sagen wir, 150 Meter Höhe erwarte ich in den kommenden Wochen. Das machen wir dann ein paar Mal. Wenn alles klappt, wollen wir Ende des Jahres in den Erdorbit. Vielleicht dauert es aber auch ein bisschen länger.

"Den Mond könnte ich mir durchaus vorstellen"

SPIEGEL: SpaceX soll der Nasa Technik zur Mondlandung liefern. Klappt es tatsächlich bis 2024, eine Amerikanerin und einen Amerikaner auf der Mondoberfläche zu haben?

Königsmann: Das ist ehrgeizig und wird nicht ganz einfach. Aber wenn wir die entsprechenden Ressourcen bekommen, ist das durchaus möglich.

SPIEGEL: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass Sie sich für einen Marsflug zu alt fühlen würden. Hätten Sie wenigstens Ambitionen auf den Mond?

Königsmann: Das mit dem Mars würde ich am liebsten zurücknehmen. Wenn es schnell geht, bin ich vielleicht ja doch noch nicht zu alt. Und auch den Mond könnte ich mir durchaus vorstellen.

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