Spionagesatelliten Amateure jagen dunkle Späher

Astronomie-Fans entreißen dem Nachthimmel sein dunkelstes Geheimnis: Die Umlaufbahnen von Spionagesatelliten. Für die Jagd auf Multimillionen-Späher von Militärs und Geheimdiensten genügen den Amateuren gute Feldstecher und Stoppuhren.

Von Stefan Schmitt


Von seiner Terrasse aus kann Lutz Schindler geheimste Militärtechnik sehen, milliardenschwere Ausrüstung heutiger Geheimdienste und so manches Relikt des Rüstungswettlaufs im Kalten Krieg. Dabei wohnt Schindler in einem kleinen Reihenhaus im Dorf Lehre zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Von Beruf ist Schindler Kriminalpolizist, für sein Hobby braucht er einen Feldstecher. "Ich jage beruflich Verbrecher und privat Satelliten", sagt er.

Schindler kennt den Sternenhimmel der nördlichen Halbkugel gut. Eine kleine Skizze auf einem Schmierzettel genügt ihm, um seinen Feldstecher auf den Ort auszurichten, wo der Satellit erscheinen muss. In der linken Hand hält er eine Stoppuhr, die auf das Zeitsignal einer Atom-Funkuhr geeicht ist. Eine Leuchtspur erscheint am Himmel - der Satellit, der das Licht der Sonne nach Lehre reflektiert. Viele Astronomie-Fans auf der ganzen Welt ergötzen sich an diesem Schauspiel: Stimmen Mathematik und Timing, offenbart sich der dunkle Himmel als Technik-Zoo. Von der Space-Track-Website der US-Regierung lassen sich entsprechende Bahndaten abrufen; auch Amateure können sich dort bedienen und ihre Ferngläser entsprechend ausrichten.

"Black satellites" gibt es offiziell gar nicht

Lutz Schindler hat größere Ambitionen. Er gehört zu einer Gruppe von weltweit rund 20 Himmelsguckern, die es auf "black satellites" abgesehen haben, schwarze Satelliten. So heißen jene Objekte im Erdorbit, die in keiner offiziellen Datenbank auftauchen und auch nicht im Registry of Space Objects der Vereinten Nationen. Bis vor gut 20 Jahren gehörte es zum guten Ton, die Bahnen ins All geschossener Objekte bekanntzugeben. Im Kalten Krieg war das nicht zuletzt eine vertrauenfördernde Maßnahme - bis 1983. Da machte US-Präsident Reagan Schluss mit der Offenheit. Nur die Bahnen sowjetischer Militärsatelliten veröffentlichten die Amerikaner munter weiter. Ihre eigenen wurden als "classified payload", vertrauliche Ladung, in den Himmel geschossen, der Rest war Schweigen.


"Immer wenn solche Neustarts anstehen, sehe ich zu, dass ich mich beteilige", sagt Schindler. Beteiligen an einer ausgefuchsten, transkontinentalen Teamarbeit, deren Schlüsselfigur der Kanadier Ted Molczan aus Toronto ist. Wann immer ein Raketenstart angekündigt wird, horcht Molczan auf: Welcher Luftraum, welches Seegebiet wird gesperrt? Und für welchen Zeitraum? Das alles sind zivile Daten, die Küstenwache und Luftsicherung verbreiten. Startet etwa von der kalifornischen Luftwaffenbasis Vandenberg eine Titan-Rakete, über die nicht mehr bekannt ist als ihr Status "classified payload", fängt Ted an zu rechnen. Welcher Meeressektor an der Pazifikküste für den Bootsverkehr gesperrt ist, verrät ihm die grobe Richtung der Rakete. Die Uhrzeit sagt ihm, zu welchen anderen Satelliten der neue aufschließen könnte - oder welche Lücke er besetzen soll.

Kurz nach dem Start greifen alle zum Feldstecher

Molczan rechnet und kombiniert: Ein Austausch-Späher für ein altersschwaches Modell einer bekannten Späher-Serie vielleicht? Oder Verstärkung für Himmelsaugen, die während der Kriege der letzten Jahre die Krisengebiete überflogen? Genug für Molczan, um über mögliche Orbits zu mutmaßen. Deren Beschreibungen schickt er dann über die Mailingliste SeeSat an seine Mitstreiter, in Form kryptisch wirkender Two-Line-Elements (TLE). Mit dieser mathematisch knappen Darstellung lassen sich für jeden Punkt der Erde Überflugzeit und -richtung eines Satelliten bestimmen - sofern er eben ins Sichtfeld gerät.

Spionagesatelliten stehen nicht still über einer Position wie beispielsweise TV-Satelliten. Die Späher umfliegen den Globus oft in anderthalb bis zwei Stunden, entsprechend kurz sind sie am Himmel zu sehen. Daher ist es so wichtig, dass mehrere Späher-Jäger an unterschiedlichen Orten mit Molczans spekulativen TLEs, Fernglas und Stoppuhr ins Dunkel treten. Kurze Lichtspuren am Nachthimmel verraten ihnen, ob Ted wieder richtig lag oder wenigstens nah dran war. "In ein bis zwei Tagen haben wir den Satelliten dann meistens", sagt Lutz Schindler. Erst aus mehreren Beobachtungen kann man aber eine verlässliche, präzise Umlaufbahn errechnen.

Nur dass die nicht lange gültig sind. Die Internationale Raumstation ISS etwa verliert jeden Tag hundert Meter an Höhe, angezogen von der Erdgravitation, abgebremst durch die Atmosphäre. Auch auf Spähsatelliten wirken diese Kräfte. Außerdem können sie per Steuerdüse jederzeit in eine andere Umlaufbahn bugsiert werden. TLEs sind also vergängliches Wissen.

Die Bahndaten müssen ständig korrigiert werden

Das ist der Grund, warum die Tracker immer wieder raus müssen. "Rund 140 Spionagesatelliten bleiben wir so dicht auf den Fersen", sagt Russell Eberst. Der Astronom aus Edinburgh in Schottland ist der Rekordhalter unter den Trackern. Schon vor Jahren feierte er seine 150.000ste Beobachtung. Wie viele Satelliten tatsächlich noch als "schwarz" gelten können, weil sie den Augen der Amateure entgehen? "Pure Spekulation", sagt Eberst. Jeder Unentdeckte ist eine sportliche Herausforderung, wie jener "Misty" aus der Reihe der "Keyhole"-Satelliten, hochauflösende fliegende Kameras, die funktionieren "wie Hubble-Weltraumteleskope, die man auf die Erde gerichtet hat", so Eberst. Ende der Neunziger Jahre glaubten die Amateure den Satelliten mit der Nummer USA 53 gesichtet zu haben, dann wechselte er seinen Orbit und blitzte nirgends mehr auf.

Für Militärs und Geheimdienstler ist das ein Ärgernis, aber auch kostenloses Training. "Wir zeigen denen, was mit schlichter Amateurausrüstung alles möglich ist - für jeden", sagt Eberst. "Kein einziges Mal bin ich bezüglich meines Hobbys von jemandem kontaktiert worden, der sich als Vertreter der US-Regierung zu erkennen gegeben hätte", sagt Molczan. Dennoch sahen sich die freimütigen Späher-Jäger in der Zeit nach den Terroranschlägen von New York und Washington in Internetforen und auf Mailinglisten kritisiert: Schwächten sie nicht die nachrichtendienstliche Aufklärung? Lieferten sie gar potentiellen Bösewichtern Anleitung, sich der himmlischen Hightech-Überwachung zu entziehen? "Nach dem 11. September hat das Amateurnetzwerk verantwortungsvoll gehandelt. Wir haben den Zugang zu Umlaufbahn-Daten bewusst auf uns selbst beschränkt", sagt Eberst. Dass aber Terroristen tatsächlich TLEs für ihre Zwecke missbrauchen könnten, dafür fanden sie keinerlei Anzeichen. "Jetzt veröffentlichen wir unsere Daten seit zwei oder drei Jahren wieder freigiebig."

Exklusiver Zirkel der Späher-Jäger

Der harte Kern der Späher-Jäger, über Australien, Europa, Nordamerika und Südafrika verteilt, tauscht seine TLEs über die SeeSat-Mailingliste aus. Für Laien sind diese Zahlenkolonnen aber reichlich kryptisch. Benutzerfreundlich aufbereitet und damit für jedermann interessant gemacht werden die Umlaufbahnen der Späh-Sputniks im bayerischen Oberpfaffenhofen. Chris Peat, der hauptberuflich Software für das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) schreibt, betreibt dort die Website "Heavens Above". Mit deren Hilfe ist Satelliten-Gucken kaum schwerer als Fernsehen. Denn der Server generiert abhängig von Standort und Bahndaten bequeme Anleitungen.

"Wir machen Vorhersagen für viele Satelliten, die meisten davon sind keine Spionagesatelliten", sagt Chris Peat, der Betreiber von "Heavens Above". Tatsächlich bezieht seine Website den Großteil der nötigen Aktualisierungen automatisch von Servern der US-Regierung. Aber komplett wird der Katalog der Himmelsbewohner eben erst durch die Daten der Hobbyisten. Dank ihnen spuckt "Heavens Above" auch für "Keyhole" und Co. Beobachtungshilfen aus. Jeder kann so die millionenschwere geheime Überwachungstechnik über den Himmel flitzen sehen. "Satelliten, die so tief fliegen, also in rund 600 Kilometer Höhe, sind sehr groß und mit bloßem Auge zu erkennen", sagt Betreiber Peat. "Satelliten der 'Lacrosse'-Baureihe zum Beispiel sind 16 Tonnen schwer und so groß wie ein Schulbus." So bröckelt die Geheimhaltung.

Nur noch gefährlicher Schrott

"Von den wenigen hundert Objekten, die von der Öffentlichkeit ausgeschlossen sind, handelt es sich längst nicht bloß um aktive Spionagesatelliten", sagt Sebastian Stabroth von der Technischen Universität Braunschweig. Längst ausgemusterte Spähtrabanten zählen genauso dazu wie Raketenoberstufen und eventuell Trümmer geheimer Raketenstarts. Dass Militärs auch deren Umlaufbahnen weiterhin nicht veröffentlichen wollen, sei unnötig. "Viele verdienen ihre Geheimhaltung gar nicht mehr, und gefährlich ist das auch", sagt er.

Stabroth gehört zur Weltraummüll-Arbeitsgruppe am Institut für Luft- und Raumfahrtsysteme. Gerade haben er und seine Kollegen für die Europäische Raumfahrtbehörde Esa die Software "Master-2005" fertig gestellt. Sie berechnet für einen frei wählbaren Zeitpunkt die Einschlagwahrscheinlichkeit von Weltraummüllobjekten auf Satellitenoberflächen in Erdumlaufbahnen. Das ist wichtig für Wissenschaftler und kommerzielle Satellitenbetreiber, deren kostbares Hightech im All ja nicht dem Müll zum Opfer fallen soll. Um eine Kollision mit ausgedienten Satelliten oder ausgebrannten Raketenstufen vorhersagen zu können, ist man auf den Bahndatenkatalog des strategischen Kommandos der US-Streitkräfte angewiesen.

Die Gemeinde der Satelliten-Tracker demonstriere ganz nebenbei, wie jeder Interessierte ohne millionenschweres Hightech zum Himmelsforscher werden kann. Stabroth sagt: "Nicht jedem ist bewusst, dass man die Raumfahrt mit bloßem Auge sehen kann - wenn man nur weiß, wo genau man hinschauen muss."



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