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Tscheljabinsk-Meteorit: Kosmischer Weckruf

Foto: Science/ AAAS

Tscheljabinsk-Meteorit Die Kraft von 600 Kilotonnen TNT

Im Februar entging Tscheljabinsk nur knapp einer Katastrophe. Forschern zufolge hätte der 20-Meter-Meteorit die russische Stadt zertrümmert, wäre er etwas steiler auf die Erde gestürzt. Die Gefahr solch kleiner Brocken wurde stark unterschätzt.

"Der Meteor, der über Tscheljabinsk explodierte, war ein Weckruf", sagt Zhu Qing-Yin von der University of California, Davis. Er hat Fragmente des Himmelssteins, der im Februar über Russland explodiert ist, chemisch analysiert. "Wenn die Menschheit nicht denselben Weg wie die Dinosaurier einschlagen will, müssen solche Ereignisse genau untersucht werden." Und die nötigen Konsequenzen gezogen werden, könnte man hinzufügen - denn das Risiko durch die Eindringlinge aus dem All ist größer als gedacht. Tscheljabinsk war der heftigste Meteoriteneinschlag seit dem Tunguska-Ereignis vor mehr als einem Jahrhundert.

Insbesondere die Gefahr durch kleinere Exemplare mit Durchmessern von 10 bis 50 Metern, die zahlreich in Erdnähe umherschwirren, hatten Experten bislang zehnfach unterschätzt. Dies ist ein Teilergebnis von umfangreichen Analysen , die in den Fachmagazinen "Nature" und "Science" erscheinen. Drei Forscherteams präsentieren ihre Untersuchungen des Vorfalls vom vergangenen Februar, insgesamt firmieren knapp hundert Wissenschaftler als Autoren.

Bevor der Tscheljabinsk-Meteorit auf die Erdatmosphäre traf, hatte er einen Durchmesser von rund 20 Metern. Chemische Untersuchungen belegen, dass er zur häufigsten Meteoritensorte gehört, ein sogenannter gewöhnlicher Chondrit.

Heller als die Sonne

Große Meteoriten explodieren durch die enorme Reibungshitze, der sie beim feurigen Ritt in der Lufthülle ausgeliefert sind. Die Zertrümmerung des Tscheljabinsk-Meteoriten passierte in mehreren Ereignissen zwischen 40 und 20 Kilometern Höhe. Augenzeugen zufolge überstrahlte er kurzzeitig sogar die Sonne. Die Autoren der "Science"-Studie schätzen , dass währenddessen etwa drei Viertel des Gesteinsmaterials verdampfte. Zu Staub pulverisiert bildete der Rest eine orangefarbene heiße Wolke. Nur ein winziger Bruchteil, rund fünf Tonnen, erreichte den Boden. Das größte Trümmerstück, einen 650-Kilogramm-Brocken, konnten russische Forscher kürzlich aus einem See bergen.

Die Explosionsenergie war enorm, sie entsprach etwa 600 Kilotonnen TNT. Zum Vergleich: Die Atombombe, die 1945 Hiroshima zerstörte, detonierte mit der Wucht von 13 Kilotonnen - allerdings mit 580 Metern Höhe deutlich näher am Boden. Deshalb waren die Schäden im Februar vergleichsweise gering, obwohl der Bezirk Tscheljabinsk dicht besiedelt ist. Lediglich etwa 1200 Personen mussten in Krankenhäusern behandelt werden, meist mit Verletzungen durch zersplittertes Fensterglas.

Glück im Unglück war, dass der Meteorit in einem sehr flachen Winkel von 18 Grad der Erde entgegen stürzte. "Wenn der Anflugwinkel steiler gewesen wäre, hätte es eine Katastrophe geben können, denn dann wäre der Meteorit näher am Boden explodiert", sagt der Koordinator des europäischen NEO-Shield-Projekts zur Abwehr gefährlicher Asteroiden, Alan Harris. Der Berliner Forscher, der an den Publikationen nicht beteiligt war, hält es für möglich, dass Tscheljabinsk sonst zerstört worden wäre.

Weitere Trümmer im Anflug?

Was enthüllen die Untersuchungen über die Herkunft des Meteoriten? Anhand der zahlreichen Videofilme des Ereignisses kann seine Umlaufbahn vor dem Crash mit der Erde genau bestimmt werden. Dies schreiben tschechische Forscher vom Ondřejov Observatorium bei Prag in "Nature" . Demnach ist die Bahn des Tscheljabinsk-Meteoriten sehr ähnlich wie diejenige des erdnahen Asteroiden "86039 1999 NC43", beide gehörten einst wahrscheinlich zum selben Körper. Astronomen haben den 2,2-Kilometer-Brocken als "potentiell gefährlichen Asteroiden" eingestuft, der "Erdbahnkreuzer" kann uns unangenehm nahe kommen. Nasa-Experte Peter Jenniskens spekuliert in "Science" hingegen, dass der Tscheljabinsk-Meteorit einst zu einem größeren, nur locker zusammengefügten Asteroiden gehörte, der vor 1,2 Millionen Jahren zerbrach - womöglich als er schon einmal an der Erde vorbeischrammte. Weitere Trümmer könnten noch unterwegs sein.

Die dramatischen Ereignisse am Himmel über Russland stehen für eine Zäsur in der Bewertung des Einschlagrisikos. "Es werden Techniken zur Früherkennung dieser Objekte benötigt", fordert Yin. Ihm schweben Fernrohre wie das Large Synoptic Survey Telescope vor, das momentan in Chile errichtet wird und 2022 betriebsbereit sein soll. Alan Harris argumentiert in eine ähnliche Richtung: Die Bedrohung durch die kleinen Asteroiden sei unterschätzt worden. "Bevor über Abwehrmaßnahmen der kleinen Objekte nachgedacht werden könne, müsste die Früherkennung verbessert werden. Wir brauchen zusätzliche Teleskope speziell für diese Aufgabe."