Turbulente Atmosphäre Doppelwirbel am Südpol der Venus

Ein gewaltiger Wirbel dreht sich über dem Südpol der Venus. Das hatte man erwartet, denn um den Planeten rasen Stürme. Völlig rätselhaft ist den Forschern hingegen, warum sich der planetare Quirl um gleich zwei Augen dreht.


Die erste Runde um den wolkenverhangenen Nachbarplaneten flog das Raumschiff "Venus Express" noch in gehörigem Abstand, und ihre Bahn glich einer Ellipse. Doch diese erste Umkreisung, der capture orbit, gab den Wissenschaftler der europäischen Weltraumbehörde Esa die Gelegenheit, den Südpol des Planeten in Gänze und besonders lange in Augenschein zu nehmen.

Bisher existierten außer groben schwarz-weißen Aufnahmen alter Nasa-Sonden kaum Bilder vom Südpol der Venus. Jetzt zeigen hochauflösende Fotos der sichtbaren, ultravioletten und infraroten Abstrahlung des Planeten Erstaunliches.

An der Unterseite unseres Nachbarplaneten gibt es einen Doppelwirbel. Klar kann man auf den Aufnahmen von "Venus Express" erkennen, wie sich die Luftmassen in der Atmosphäre kreisförmig um den Pol drehen. Ebenso deutlich sieht man aber auch, dass im Zentrum dieses Quirls nicht ein, sondern gleich zwei Augen sitzen.

Die Esa-Experten stehen vor einem Rätsel. "Wir können uns nicht erklären, warum die globale Zirkulation in der Atmosphäre zu diesem Doppelwirbel führt und nicht zu einem einzelnen", sagte Hakan Svedhem, Wissenschaftler beim Venus-Projekt der Esa.

Rasend schnelle Winde jagen westwärts über den kleinen Nachbarplaneten, so viel wussten die Astronomen bereits seit längerem. Und die Nasa-Sonde "Mariner 10" hatte Anfang 1970 einen Schnappschuss vom Südpol aufgenommen, der kreisförmig verwirbelte Wolken zeigte, aber nicht mehr.

Erste Einblicke in die Zusammensetzung der Atmosphäre

Atmosphärische Verwirbelungen seien sehr komplexe Strukturen, sagte Svedhelm. Selbst auf der Erde könne man diese kaum in Modelle fassen. Ein erster Hinweis auf die besondere Bewegung der Luftmassen über dem Venus-Südpol ist eine Art Manschette aus kalter Luft, die sich kreisförmig um den Wirbel legt. Vielleicht fallen in diesen Bereichen abgekühlte Luftmassen abwärts, spekulieren die Forscher.

Auf Infrarotaufnahmen konnten sie erkennen, wie reflektiertes Sonnenlicht in den oberen und thermische Erwärmung in den unteren Schichten der Atmosphäre die dichte Wolkendecke über dem Planeten unterschiedlich aufwärmen - ein erster Blick in tiefere Regionen. Denn die Venus ist von einem dichten Wolkenvorhang in rund 60 Kilometern Höhe verhüllt. Erst der Blick durch diesen Schleier hindurch wird die Wissenschaftler verstehen lassen, welche Kräfte in der stürmischen Atmosphäre am Werk sind.

Ein handfestes Ergebnis können die Esa-Forscher bereits aus den vorläufigen Daten über die chemische Zusammensetzung der Venus-Atmosphäre ablesen: Sie ist - nach irdischen Maßstäben - recht unwirtlich. Im Wesentlichen besteht sie aus Kohlendioxid, das von der Sonneneinstrahlung teilweise in Kohlenmonoxid und Sauerstoff zerlegt wird.

Nun werden die Messinstrumente von "Venus Express" dies im Detail untersuchen und so auch Aufschlüsse über tiefere Schichten der Venuswolkendecke liefern. Allerdings fliegt die Sonde dazu viel näher um den Planeten herum als in jener ersten Ellipse, bei der die spektakulären Südpolfotos entstanden sind.

stx

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