Pentagon-Report »Ufos werden uns auch in Zukunft immer wieder besuchen kommen«

Mit Spannung wurde der Ufo-Report des Pentagon erwartet. Professor Alexander Geppert über historische Sichtungen von unidentifizierten Flugobjekten – und warum sie auch nach der jüngsten Untersuchung nicht abebben werden.
Landen hier Aliens? Nein. Ein Junge schaut im Nebel bei einem Baseball-Game zu, im Dorf Nyack im Bundesstaat New York (2016)

Landen hier Aliens? Nein. Ein Junge schaut im Nebel bei einem Baseball-Game zu, im Dorf Nyack im Bundesstaat New York (2016)

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MIKE SEGAR/ REUTERS

SPIEGEL: Herr Geppert, während der Coronapandemie haben Ufo-Sichtungen angeblich um 15 Prozent zugenommen, berichtet das US-amerikanische National U.F.O. Reporting Center. Was steckt hinter diesen mehr als 7200 Sichtungen?

Geppert: In der Tat meldeten New Yorkerinnen und New Yorker im vergangenen Jahr fast doppelt so viele Sichtungen wie im Jahr zuvor. Für Ufologen aus der Region war klar: Mit einer bevorstehenden Alien-Invasion habe das dennoch nichts zu tun. Vielmehr hätten viel mehr Menschen Zeit gehabt, um den Himmel zu studieren, der aufgrund des weitgehend eingestellten Luftverkehrs klarer und dunkler als sonst war. Große Aufregung hat in diesen Kreisen eher die Ankündigung des offiziellen Berichts an den US-Kongress hervorgerufen. Ufologen möchten gerne von der Mitte der Gesellschaft als seriöse Wissenschaftler anerkannt werden und erhoffen sich jetzt endlich Respekt.

SPIEGEL: Was steckt hinter dem Report an den US-Kongress? Wird er erstellt, weil die Ufo-Sichtungen seit vielen Jahren immer zahlreicher werden?

Geppert: Nein, schon Hillary Clinton hatte im Wahlkampf 2016 die Offenlegung der Ufo-Akten bei Militär und Geheimdiensten versprochen, falls sie die Präsidentschaftswahlen gewinnen sollte. Sie wusste, dass eine solche Forderung nach maximaler Transparenz bei vielen Wählerinnen und Wählern gut ankommen würde. Allerdings sind derlei offizielle Untersuchungen nichts Neues. Der jetzt angekündigte Bericht steht in einer langen Tradition und ist seit 1948 mindestens der Vierte. 1966 und 1968 gab es sogar Anhörungen im Kongress, 1979 übrigens auch im britischen House of Lords. Der vielleicht berühmteste Bericht war der Condon-Report 1968, verantwortet von Edward Condon, einem Physikprofessor aus Colorado. Der kam zu einem klaren Fazit: Das Studium von Ufos ist wissenschaftlich unergiebig.

Alexander Geppert  ist Professor für Europäische Geschichte an der New York University in Shanghai und am NYU Center for European and Mediterranean Studies in Manhattan. Zu seinen Fachgebieten zählt die Astrokultur und die Kulturgeschichte der Ufos.

SPIEGEL: Wieso beendete dieses klare Urteil die Debatte nicht?

Geppert: Es gibt unterschiedliche Lesarten des Condon-Reports. Einerseits stellte Condon im Vorwort der zeitgenössischen Ufo-Forschung ein vernichtendes Urteil aus. Andererseits ist der Bericht über 900 Seiten stark, und da sind Interpretationsspielräume fast unvermeidlich. Von den 91 untersuchten Fällen sind zudem 30 ungeklärt geblieben. Dieses Drittel an vermeintlich mysteriösen Sichtungen hat die Ufologen eher angefeuert als beschwichtigt.

Werbung mit fliegender Untertasse in Nevada (2019)

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Foto: David Becker/ AFP

SPIEGEL: Seit wann fürchten sich Menschen vor dem Besuch von fliegenden Untertassen?

Geppert: Als fast schon mythischer Gründungsmoment gilt der 24. Juni 1947, als der amerikanische Geschäftsmann und Hobbypilot Kenneth Arnold neun geheimnisvolle Objekte am Himmel beobachtete und eine Lokalzeitung anschließend von »Untertassen-ähnlichen Flugobjekten« sprach. Das prägte nicht nur den Begriff, sondern löste innerhalb kürzester Zeit weltweite Sichtungswellen aus. Von Furcht kann aber keine Rede sein, eher von Verwunderung, Unverständnis, Belustigung oder später auch von Hoffnung, wenn nicht sogar Erlösung. Die religiöse Dimension des Ufo-Glaubens ist sehr wichtig.

Ufo-Sichtungen

SPIEGEL: Steckten dahinter auch Ängste vor einer Sowjetinvasion zu Beginn des Kalten Krieges?

Geppert: Das ist die naheliegende Standarderklärung, aber sie greift für meine Begriffe zu kurz. Umfragen von Gallup und anderen Instituten zeigen, dass 1947 zunächst kaum jemand an sowjetische Geheimwaffen hinter den Sichtungen dachte. 29 Prozent der Befragten tippten eher auf Wetterphänomene oder schlicht Einbildung. 15 Prozent vermuteten US-Waffentests, aber nur ein Prozent solche aus der Sowjetunion. Und zehn Prozent hielten die Sache ohnehin für einen groß angelegten Scherz. Damit fällt die These vom Kalten Krieg in sich zusammen, zumal das Ende des Kalten Krieges ganz offenkundig nicht das Ende des Ufo-Phänomens bedeutete.

Werbung am Highway 95 in Nevada (2019)

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Foto: David Becker/ AFP

SPIEGEL: An Besucher vom Mars dachte anfänglich niemand?

Geppert: Nein, das wurde erst ab den frühen Fünfzigerjahren breiter diskutiert. Seitdem spricht man von der »extraterrestrischen Hypothese«, kurz ETH. Mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich hat das Kürzel übrigens nichts zu tun.

SPIEGEL: Kenneth Arnold, der mit seiner ersten Sichtung 1947 das erste Ufo-Fieber ausgelöst hatte, wandte sich später selbst ab vom Thema, das er losgetreten hatte, und war eher genervt von den Spekulationen. Warum setzte sich diese Haltung nicht durch?

Geppert: Die Debatte verselbstständigte sich sehr schnell. Einerseits wurde gemahnt, man solle die Phänomene mit naturwissenschaftlichen Methoden gründlich untersuchen, ohne aber die ETH zu ernst zu nehmen. Andererseits traten ab 1953 sogenannte Kontaktler auf den Plan. Angeführt wurden sie von dem polnisch-amerikanischen Esoteriker George Adamski, dessen auch ins Deutsche übersetzte Buch »Fliegende Untertassen landen« ein Bestseller wurde. Er beschrieb, wie er in der kalifornischen Wüste einen Venusbewohner namens Orthon traf und in sein Raumschiff eingeladen wurde.

SPIEGEL: Kann es sein, dass die meisten Ufos entlang der US-Küsten gesehen werden, wogegen weite Teile des Planeten verschont bleiben: Südamerika, Afrika, Europa?

Geppert: Das täuscht Fliegende Untertassen waren von Anfang an ein globales Phänomen. Es gibt etwa Berichte aus Südafrika, Australien, später auch aus der Sowjetunion, und in Europa sowieso. Auch die Faszination ist kein allein amerikanisches Phänomen. Adamski selbst machte ausgiebige Lesereisen und füllte Säle in Italien, Österreich, Dänemark, Schweden, der Schweiz und natürlich auch in Deutschland. In den Niederlanden wurde er von Königin Juliana in einer Sonderaudienz empfangen, anwesend war auch der Stabschef der niederländischen Luftwaffe. Und Adamski wurde groß vom SPIEGEL interviewt. Überhaupt war der SPIEGEL beim Thema Ufos von Anfang sehr engagiert. Nur wenige Wochen nach Arnolds Sichtung 1947 veröffentlichte der SPIEGEL einen ersten Artikel unter der Überschrift »Transatlantisches Sausen«. Und auch danach war der SPIEGEL bei fast jeder Ufo-Welle vorne dabei, zum Teil sogar mit Titelgeschichten.

SPIEGEL: Aber immer mit skeptischer Distanz…

Geppert: Eher belustigt und mitunter etwas herablassend, würde ich sagen. Die Frage nach der Herangehensweise an dieses Thema stellt sich beim Ufo aber in der Tat in ganz besonderer Weise. Einerseits darf es keine Denkverbote geben, andererseits möchte niemand für verrückt gehalten werden. Die sogenannte Ufo-Forschung hat es schwer im Kreis der etablierten Wissenschaften. Da kein Konsens darüber herrscht, ob ihr Forschungsobjekt überhaupt existiert, wird sie misstrauisch beäugt. Intern gibt es immer wieder Absetzbewegungen, bei denen sich strikt naturwissenschaftlich vorgehende Ufo-Forscher von Vertretern der ETH in ihren unterschiedlichen Schattierungen zu distanzieren versuchen. Die westdeutsche Gesellschaft für Weltraumforschung um den Berliner Raketeningenieur Heinz-Hermann Koelle zum Beispiel hatte einen Passus in ihrer Satzung: »Wer fantastische oder pseudowissenschaftliche Ideen propagiert, wird nicht aufgenommen.«

Alien-Kostüm in Lima, Peru (2013)

Alien-Kostüm in Lima, Peru (2013)

Foto: ENRIQUE CASTRO-MENDIVIL/ REUTERS

SPIEGEL: Folgen die Wellen der Ufo-Begeisterung bestimmten Mustern?

Geppert: Schwer zu sagen, zumal sich die Historiker und Ufo-Forscher nicht einig sind, wann und wo Ufo-Wellen, sogenannte Flaps überhaupt genau aufgetreten sind. Grundsätzlich lässt sich etwa einmal pro Dekade eine solche markante Welle konstatieren: 1947 natürlich, dann wieder Mitte der Fünfzigerjahre, sowohl vor als auch nach Sputnik. Im Juli 1967 gab es einen großen paneuropäischen Flap. 1978, im Jahr nach Steven Spielbergs Blockbuster »Unheimliche Begegnung der Dritten Art«, verdoppelte sich die Anzahl britischer Ufo-Berichte im Vergleich zum Vorjahr. Und im November 1989 gab es dann eine große Sichtungswelle in Belgien.

SPIEGEL: Warum werden die Wellen immer gewaltiger?

Gepper: Glaubt man den von interessierten Kreisen vorgelegten Zahlen, werden seit etwa 20 Jahren immer mehr Sichtungen berichtet, vielleicht weil das Internet das Melden erleichtert. Mehr Berichte von Sichtungen bedeutet aber nicht zwangsläufig mehr Sichtungen, und ich selbst bin sehr skeptisch, was die aktuellen Zahlen anbelangt. Meiner Wahrnehmung nach hat das Ufo als Thema in den letzten Jahren eher ein Schattendasein geführt. Gleichzeitig sollte man es offenkundig nicht unterschätzen, auch nicht in seinem 75. Lebensjahr.

Ufo-Beobachter in Arizona (2013)

Ufo-Beobachter in Arizona (2013)

Foto: MIKE BLAKE/ REUTERS

SPIEGEL: Erleben wir gegenwärtig eine Versachlichung der Ufo-Debatte?

Geppert: Wir erleben zumindest einen solchen Versuch, der indes in einer langen Reihe steht. Als Edward Ruppelt 1952 vorschlug, fortan nicht mehr von »fliegenden Untertassen«, sondern von »unidentifizierten Flugobjekten«, das heißt Ufos zu sprechen, stand exakt dieselbe Absicht dahinter. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass naturwissenschaftlich vorgehende Ufo-Forscher seit etwa einem Jahrzehnt versuchen, anstelle von Ufos nun eben von Unexplained Aerial Phenomena, kurz UAP, zu sprechen. Auch hier ist das Motiv identisch: Das physische Phänomen soll von allem metaphysischen Beiklang gesäubert und so seiner »wissenschaftlichen« Erforschung der Weg geebnet werden. Umgekehrt sprachen deutsche Ufolgen in den Sechziger- und Siebzigerjahren gerne von Ifos.

SPIEGEL: Ifos?

Geppert: Ja. Identifizierte Flugobjekte, im Gegensatz zu Ufos, denn für sie war die Realität des Phänomens keine Frage.

Das Arecibo-Teleskop, Puerto Rico auf der Suche nach außerirdischem Leben

Das Arecibo-Teleskop, Puerto Rico auf der Suche nach außerirdischem Leben

Foto: Leemage / imago images

SPIEGEL: Können neue Technologien endlich Klarheit bringen?

Geppert: Selbst mit besten Digitalkameras und KI wird es nicht gelingen, den Himmel zu entzaubern, da die vorgelegten Daten kaum jemals unzweideutig sind und niemals für sich selbst sprechen. Wissenschaftlichkeit setzt Falsifizierbarkeit voraus, und Evidenz bleibt das zentrale Problem jedweder Ufo-Forschung.

SPIEGEL: Wird der Bericht an den US-Kongress zur Klärung beitragen?

Geppert: Nein, die diskursive Spirale wird einfach eine Runde weitergedreht. Zudem wird gerne übersehen, dass es bei wiederkehrenden Ufo-Sichtungen um viel mehr als um Physik, Meteorologie oder die »Wahrheit« geht. Das Ufo ist seit 1947 zentraler Bestandteil globaler Astrokultur und erfüllt eine wichtige kulturelle Funktion, die weit über das rein Physische des Phänomens hinausreicht. Kollektivpsychologisch hat das schon der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung erkannt. 1958, ein Jahr nach Sputnik, brachte Jung ein noch immer höchst lesenswertes Buch heraus: "Ein moderner Mythus: Von Dingen, die am Himmel gesehen werden“.

SPIEGEL: Auch C.G. Jung betätigte sich als Ufologe?

Geppert: Na ja, er umschiffte geschickt die Frage nach der physischen Realität der beobachteten Phänomene. Er sprach eher von »visionären Gerüchten«, die als Trigger für kollektive Projektionen begriffen werden müssten. Säkularisierung und technischer Fortschritt haben die Sehnsucht nach Transzendenz und religiöser Erlösung nicht obsolet werden lassen, sondern verstärkt. Ufos bedienen, zumindest in der Lesart von Jung und den sogenannten Ufo-Sekten, das Bedürfnis nach spiritueller Heilserwartung in der Moderne.

SPIEGEL: Was sehen wir, wenn wir Ufos sehen?

Geppert: Nach meinem Verständnis steht das Ufo für nichts. Es kann weder gewusst noch erkannt werden. Ufos markieren eine Leerstelle, die den Menschen in einer durchorganisierten Welt riesige Freiheiten verspricht, eine Spielwiese für Interpretation und Fantasie. Der Preis seiner Erklärung wäre das Ende des Phänomens, und das wollen selbst interessierte Kreise nicht. Ufos müssen in der Schwebe bleiben, und spätestens im nächsten Sommer, anlässlich seines 75. Geburtstages am 24. Juni 2022, kommt das Thema wieder hoch.

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