Satellitenbild der Woche Ein See wird rot

Der riesige Urmia-See in Iran wechselt regelmäßig seine Farbe. Aus dem All lässt sich das gut erkennen. Was steckt hinter dem Phänomen?


Das Schicksal des Aralsees ist weltweit bekannt: Weil seine Zuflüsse über Jahrzehnte konsequent gedrosselt und für die Landwirtschaft genutzt wurden, trocknet das Gewässer zwischen Kasachstan und Usbekistan nach und nach aus. Einst war er mit 68.000 Quadratkilometern beinahe so groß wie Bayern - mittlerweile ist er fast weg.

Der Urmia-See in Iran ist nicht so vielen Menschen ein Begriff. Doch er hat ein ähnliches Schicksal wie der Aralsee. Einst war er zehnmal so groß wie der Bodensee. Doch dann musste auch er über die Jahre mit immer weniger Zuflüssen auskommen und schrumpfte massiv. Im Jahr 2014 lag seine Ausdehnung nur noch bei einem Drittel der ursprünglichen Größe.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Außerdem wird das Wasser des Sees immer salziger. Und das wiederum sorgt regelmäßig für ein interessantes Phänomen - das auf diesen Bildern des Nasa-Satelliten "Aqua" zu sehen ist. Eine Bildhälfte zeigt den See am 23. April dieses Jahres - das Wasser ist grün. Der Frischwasseranteil zu dieser Jahreszeit ist vergleichsweise hoch. Im Frühling fällt im Nordwesten des Irans der meiste Regen. Außerdem strömt Schmelzwasser aus den umliegenden Gebirgen in den See.

Ganz anders die Lage am 18. Juli. Der Urmia-See hat keinen Abfluss - und je wärmer es wird, desto mehr Wasser verdunstet. Dadurch steigt der Salzgehalt. Außerdem bilden sich an den Ufern dicke Salzkrusten, die als helle Streifen auf dem Satellitenbild erkennbar sind. Aber etwas anderes fällt noch viel stärker auf: Der See hat die Farbe gewechselt - und leuchtet nun rot.

Schuld sind nach Ansicht von Forschern vermutlich zwei Lebewesen. Da ist zum einen die Alge Dunaliella salina. Bei viel Sonneneinstrahlung und hohen Salzkonzentrationen kann der Einzeller große Mengen des Farbstoffs Betacarotin produzieren, der beispielsweise auch in Karotten oder Sanddorn vorkommt.

Das ist aber nur ein Teil der Erklärung für den roten Farbton des Wassers, denn auch sogenannte Halobakterien spielen offenbar eine Rolle. Diese Winzlinge lieben extrem salzige Umgebungen wie der Urmia-See sie bietet. Sie können ebenfalls Carotinoide einlagern - und mit ihrer Hilfe bei geringen Sauerstoffkonzentrationen trotzdem ihren Energiestoffwechsel aufrechterhalten. Entscheidend dafür ist der Farbstoff-Protein-Komplex Bacteriorhodopsin, der für die Absorption des einfallenden Lichtes dient.

Dass der Urmia-See seine Farbe so spektakulär ändert wie in diesem Jahr, ist immer wieder einmal vorgekommen. Doch in Zukunft ist es wahrscheinlich, dass häufiger rot und seltener grün zu sehen ist - weil immer weniger Frischwasser im See ankommt. Jedes Jahr verliere der Urmia-See mehr als einen Kubikkilometer Wasser, hat Mohammad Tourian von der Universität Stuttgart herausgefunden. Das bedeutet: Die Seefläche wurde im Schnitt um 220 Quadratkilometer pro Jahr kleiner, das Wasser dadurch immer salziger - zur Freude von Dunaliella salina und den Halobakterien.

chs



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