US-Geheimprogramm Mistys dritte Himmelfahrt

Über das umstrittene Weltraum-Rüstungsprogramm von US-Präsident George W. Bush sind neue Details durchgesickert: Der Militär-Konzern Lockheed Martin soll einen Tarn-Satelliten bauen, mit deren Hilfe die USA ihre Feinde unerkannt ausspionieren wollen. Kosten: Knapp zehn Milliarden Dollar.


Hamburg - Auf dem Radarschirm sieht es aus wie ein Stück Weltraumschrott, ein Metallteil von Tausenden, die durch den erdnahen Kosmos jagen. Doch tatsächlich würde sich hinter dem schwachen Lichtsignal ein Stück hoch entwickelte Weltraumtechnik verbergen, Ergebnis eines einzigartigen und milliardenteuren Rüstungsprogramms. Zumindest, wenn es nach hochgeheimen Plänen der US-Regierung ginge, die derzeit in den Fachausschüssen des Kongresses, im Pentagon und in der CIA diskutiert werden.

Seit Monaten rätseln Beobachter, was die Experten in den Gremien aushecken. Kaum haben sie die Beratungszimmer verlassen, flüchten sie sich in vage Andeutungen, wie die Senatorin Dianne Feinstein, Mitglied des Geheimdienst-Komitees: "Ich kann da nicht ins Detail gehen, aber wenn wir über Satelliten reden, dann hat der eine oder andere von uns ein paar harte Fragen." Obwohl es sich um das spektakulärste Militärvorhaben der Bush-Administration handelt, hat noch niemand offiziell zu dem Projekt Stellung genommen.

Kosten auf 9,5 Milliarden gestiegen

Nun enthüllt die US-Zeitung "Washington Post", um was es bei dem umstrittenen Programm geht und wieviel es den amerikanischen Steuerzahler kosten wird: Die US-Regierung plant den Bau eines Tarnkappen-Satelliten. Er soll mit empfindlicher Spähtechnologie ausgerüstet sein, aber selbst für hoch entwickelte Gegner unerkennbar um die Erde kreisen.

Sinn der Übung: Die Tarnung soll verhindern, dass Amerikas Feinde ihre Raketen, Truppen oder andere erkennbare Militärmaterialien immer dann verschieben, wenn gerade kein Weltraum-Beobachter über ihr Terrain hinwegschwebt. In der Tat beobachten genau aus diesem Grund etliche Geheimdienste den Weltraum und berechnen die Umlaufzeiten von Spähsatelliten. Rund 95 Prozent aller Spionage-Körper werde auf diese Weise enttarnt, schätzen Experten.

In den letzten Monaten ist das Programm indes auf immer heftigeren Widerstand gestoßen. Laut "Washington Post" hat sich das Projekt, das unter der Regie des Rüstungskonzerns Lockheed Martin entwickelt werden soll, von 5 Milliarden Dollar auf 9,5 Milliarden Dollar verteuert. Hunderte von Millionen seien bereits für Planungen und Tests draufgegangen. "Mit diesem Geld könnte man einen komplett neuen CIA aufbauen", zitiert das US-Blatt einen Regierungsoffiziellen.

Photos nur bei Tageslicht

Der demokratische Senator Jay Rockefeller konnte vergangene Woche trotz der strengen Geheimhaltungspflicht seinen Zorn nicht mehr zurückhalten. Was der US-Kongress da vorhabe, schimpfte er, sei nicht nur "total ungerechtfertigt und äußerst verschwenderisch", sondern auch "eine Bedrohung für die nationale Sicherheit".

Der Satellit soll in den nächsten fünf Jahren in die Erdumlaufbahn geschossen werden und wäre das teuerste Einzelvorhaben in dem neuen Geheimdienstbudget. Es wäre der dritte Weltraumkörper, der unter dem Programm mit dem Namen "Misty" entwickelt werden würde.

Kritiker merken an, dass der Satellit seine Photos ohnehin nur bei Tageslicht und klarem Wetter schießen kann, die Tarnung also wenig zusätzlichenn Nutzen bringt. Die Abneigung der Senatoren wird noch verständlicher, wenn man das Schicksal seiner Vorgänger berücksichtigt: Der erste Tarnkappensatellit wurde, so der Buchautor und CIA-Spezialist Jeffrey Richelson, von dem Space-Shuttle Atlantis im März 1990 gestartet. Bereits kurze Zeit später erspähten Amateur-Astronomen in England und Kanada das Objekt.

Den zweiten Satelliten schossen die Militärs 1999 in den Weltraum, zur Tarnung wurde er in einer Wolke von Schrottteilen auf seine Umlaufbahn gebracht. Auch dieser Himmelsspion wurde enttarnt: In einem Artikel eines russischen Weltraummagazins.



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