US-Mondprogramm Obama und McCain ringen ums Nasa-Land

Ein Shuttle-Start zusätzlich, zwei Milliarden Dollar extra für das US-Weltraumprogramm: Im US-Wahlkampf inszenieren sich Barack Obama und John McCain als Nasa-Unterstützer. Kein Wunder - denn es geht um den Sieg im Swing State Florida, wo Tausende in der Raumfahrt arbeiten.

Von


Im Jahr 2000 spielte Florida das Zünglein an der Waage. 36 Tage dauerte das Auszählungschaos, bis feststand, ob Al Gore oder George W. Bush in dem Bundesstaat die Mehrheit geholt und damit die gesamte US-Wahl gewonnen hatte. Schließlich machte Bush das Rennen und zog ins Weiße Haus ein - mit den bekannten Folgen.

Auch 2008 könnte der Swing State Florida den Ausgang der Präsidentschaftswahl mitentscheiden. Deshalb bemühen sich Obama und McCain besonders um den Bundesstaat. Und so gerät auch die Zukunft der US-Raumfahrt mitten hinein in den Wahlkampf, denn Florida ist Nasa-Land. Nördlich von Miami an der sogenannten Space Coast liegt das Kennedy Space Center, von dem die Nasa ihre bemannten Flüge ins All startet. Auf dem US-Weltraumbahnhof arbeiten derzeit 13.500 Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure.

Noch, muss man freilich sagen. Denn das für 2010 geplante Ende der Shuttle-Flüge wird Tausende Angestellte den Job kosten - nicht nur bei der Nasa selbst, sondern auch bei Zulieferern und Dienstleistern. Das Folgeprojekt, das sogenannte Constellation Program, das bis 2020 bemannte Flüge zum Mond und später auch zum Mars vorsieht, kann diesen Jobabbau zunächst nicht ausgleichen. Zudem übte das Raumfahrtsicherheitskomitee ASAP massive Kritik an der Technik des künftigen Raumschiffs "Orion": Bei der Planung sei nicht genügend an die Sicherheit gedacht worden.

6400 Stellen auf der Streichliste

Was aber macht ein Präsidentschaftskandidat, wenn er auf Stimmenfang in einer Kommune ist, die direkt oder indirekt von den Budgetkürzungen der Nasa betroffen ist? Er verspricht Geld. So ging zumindest Barack Obama vor, der bis vor vier Wochen noch als Raumfahrtskeptiker galt. Obama hatte bis dahin immer erklärt, dass er das ambitionierte Mondprogramm am liebsten nach hinten strecken wolle, um mehr Geld in Bildungsprojekte stecken zu können.

Am 2. August verkündete er die neue Linie: Der Nasa-Etat solle nicht angetastet werden, die USA könnten die Führung im Weltall keinesfalls abgeben, sagte er bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Kleinstadt Titusville nahe des Kennedy Space Centers (KSC). Er wolle sich dafür einsetzen, dass es nach 2010 einen zusätzlichen Shuttle-Flug gebe und dass Tausende Angestellte ihren Job behalten könnten. Nach Nasa-Angaben stehen bis zu 6400 KSC-Stellen auf der Streichliste.

Zwei Wochen später legte Obama nach - mit einem siebenseitigen Plan für die Zukunft der US-Raumfahrt. Darin bekennt sich der Präsidentschaftsbewerber ausdrücklich zu den geplanten Mondflügen. Zudem soll der Nasa-Etat um zwei Milliarden Dollar aufgestockt werden. "Die bemannte Raumfahrt ist wichtig für die politische, wirtschaftliche, technologische und wissenschaftliche Führung Amerikas", heißt es in dem Papier. Worte, die an der Space Coast Floridas gut ankommen.

Besonders sorgt sich Obama um jene fünf Jahre von 2010 bis 2015, in denen die USA über kein Raumschiff verfügen werden, das Menschen ins All befördern kann. Die Shuttles sind eingemottet, der Nachfolger noch in Entwicklung. Deshalb unterstützt der Demokrat die Kongresspläne für einen zusätzlichen Shuttle-Flug, "um Angestellte in Lohn und Brot" zu halten. Zudem solle die Entwicklung der neuen Raumschiffgeneration beschleunigt werden, um die Fünf-Jahres-Lücke möglichst zu verkleinern. Der in diesem Zeitraum geplante Mitflug mit russischen "Sojus"-Raumschiffen wird nach dem Georgien-Krieg von einigen US-Politikern ohnehin in Frage gestellt.

Mit irgendjemanden mitfliegen?

Obama spricht sich zudem für den weiteren Ausbau der Internationalen Raumstation ISS aus, was vor allem die beteiligten Europäer gern hören werden. Geht doch in der Alten Welt immer mal wieder die Angst um, die Amerikaner könnten sich aus dem internationalen Großprojekt von heute auf morgen verabschieden - aller abgeschlossenen Verträge zum Trotz. Obama will sogar überprüfen lassen, ob man die ISS auch über das Jahr 2016 hinaus betreiben könnte: "Nachdem so viel in die Entwicklung der ISS investiert wurde, wäre es eine Schande, sie nicht so lange wie möglich zu nutzen."

Kritik übte der Präsidentschaftsbewerber an George W. Bush. Der Präsident habe eine ambitionierte Nasa-Planung vorgestellt, eine adäquate Finanzierung fehle jedoch ebenso wie ein klares Konzept zur Umsetzung. Die Nasa habe schließlich eigene Programme kannibalisieren müssen, um die fehlenden Gelder aufzutreiben.

Obamas Konkurrent, der Republikaner McCain, verhält sich in Raumfahrtfragen so wie sonst auch. Er hält sich mit Versprechungen zurück. Ein umfangreiches Strategiepapier, das wie bei Obama sogar die Weiterführung von Robotermissionen und den Ausbau der Klimaforschung mit Satelliten umfasst, hat er nicht vorzuweisen. Einzig konkret war seine Aussage, die fünf Jahre dauernde Lücke ohne eigenes US-Raumschiff möglichst zu verkürzen. Allerdings auch nicht um jeden Preis, wie McCain betonte, man müsse sich zunächst über die eigenen Prioritäten klar werden.

Flip-Flop mit der Nasa

Zum 50. Geburtstag der Nasa gab der Republikaner ein unverbindliches Statement zur Zukunft der Raumfahrtbehörde ab. Als Präsident wolle er sicherstellen, dass "unsere Astronauten die Eroberung des Alls fortsetzen, und zwar nicht nur, indem sie mit irgendjemanden mitfliegen". Das Nasa Constellation-Programm solle über genügend Mittel verfügen, damit die neue Raumfahrtära beginnen könne.

Ansonsten beschränkt sich das McCain-Team darauf, über Obamas geänderte Raumfahrtpläne zu lästern. "Barack Obama hat wieder einmal gezeigt, dass man seinen Worten nicht glauben kann" - so kommentierten seine Wahlkämpfer den plötzlichen Richtungswechsel des Demokraten. Für McCains Unterstützer ein weiterer sogenannter Flip-Flop Obamas.

Die Demokraten ätzten umgehend zurück: McCain selbst habe in der Vergangenheit für Kürzungen des Nasa-Etats gestimmt und angekündigt, Gelder für die Nasa in Zukunft einzufrieren, um Steuerkürzungen zu finanzieren. Im Juni habe McCain dann plötzlich für mehr Steuergelder plädiert, welche die Nasa bekommen soll - also auch seine Position geändert.

Die Republikaner ficht das nicht an: "Seien wir ehrlich", sagte Alex Conant vom Republican National Committee der Zeitung "Houston Chronicle", "Obama umarmt jetzt die Nasa wegen seiner politischen Probleme in Florida."

Mancher Wissenschaftler sieht das etwas anders. Obamas Richtungsänderung sei wichtig, sagte Dale Ketcham vom Space Research and Technology Institute der University of Central Florida nach der Rede Obamas im Städtchen Titusville. "Es war ein guter Tag für Obama und ein guter Tag für die Space Coast."

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.