US-Raumfahrt Nasa lockert Sicherheitsvorschriften für Shuttle-Start

Mehrfach musste die Nasa den Start der Raumfähre "Atlantis" wegen defekter Treibstoff-Sensoren verschieben. Damit der Starttermin am kommenden Donnerstag nicht wieder platzt, schraubt die US-Raumfahrtbehörde jetzt einfach ihre Sicherheitsanforderungen zurück.

Von Guido Meyer, Miami


Eigentlich hätte "Atlantis" schon Ende letzten Jahres starten und das europäische Weltraumlabor "Columbus" zur Internationalen Raumstation transportieren sollen. Doch das Dauerproblem der Sensoren im großen, braunen Außentank des Space Shuttles sorgte für eine Startverschiebung.

Space Shuttle "Atlantis" auf der Startrampe in Cape Canaveral (Dezember 2007): Nasa senkt die Sicherheitsstandards
DPA

Space Shuttle "Atlantis" auf der Startrampe in Cape Canaveral (Dezember 2007): Nasa senkt die Sicherheitsstandards

Am kommenden Donnerstag soll es nun so weit sein. Die Nasa ist zuversichtlich, dass ihre Techniker den Defekt in den Griff bekommen haben und das Problem auf der Startrampe am Kennedy Space Center beheben konnten.

Doch selbst wenn das nicht hundertprozentig gelingen sollte, will die Nasa den Shuttle fliegen lassen. Eigentlich besagen die Vorschriften der Nasa, dass alle vier Tank-Sensoren funktionieren müssen. Sie geben Auskunft darüber, ob noch flüssiger Treibstoff vorhanden ist. Melden sie einen leeren Tank, stellen sich die drei Haupttriebwerke am Heck der Fähre ab, und der große Außentank wird automatisch abgesprengt.

Sollte nach dem ersten auch noch der zweite, dritte und vierte Sensor seinen Dienst einstellen, wüsste niemand mehr, ob der Außentank wirklich leer ist oder nur die Sensoren versagen. Dieser Ausfall würde im Extremfall nach dem Abheben zum automatischen Abschalten der Triebwerke und damit zu einer Katastrophe führen. Bisher galt deshalb bei der Nasa die Richtlinie, dass alle vier Sensoren vor dem Start funktionieren müssen.

Drei von vier Sensoren sollen genügen

Viele Systeme haben aber eine Startvorschrift, nach der jeweils nur drei von vier Einheiten funktionieren müssen. Das will die Nasa nun auch auf die Tanksensoren ausdehnen. "Wir bevorzugen ein gewisses Maß an Redundanz bei den Fähren", sagte Wayne Hale, Manager des Space-Shuttle-Programms, nach einem Treffen mit Nasa-Experten in der Nacht zum Donnerstag. Soll heißen: Fällt ein Teil der Hardware aus, übernimmt ein anderes. Aber man habe sich darüber unterhalten, "wie viele dieser Sensoren wir wirklich brauchen", so Hale über die gestrige Konferenz, auf der darüber entschieden wurde, ob "Atlantis" als startklar bezeichnet werden kann.

Offiziell heißt es bei der Nasa, man habe das Problem der Sensoren in den Griff bekommen. Techniker haben in den letzten Wochen die Elektronik der Sensoren im Inneren des Tanks sowie einige Leitungen außen komplett ausgetauscht. Auf diese Weise wurden in den letzten Jahren derartige Probleme schon öfters behoben, jedoch noch nie auf Dauer gelöst. Um am kommenden Donnerstag nicht wieder auf das gleiche Problem zu stoßen, haben sich die Verantwortlichen nun entschlossen, künftig auch bei den Sensoren auf das Prinzip Drei von Vier zu setzen. Fällt einer aus, will die Nasa "Atlantis" dennoch starten lassen - in der Hoffnung, dass es bei diesem einen Ausfall bleibt.

Kein Betankungstest mehr geplant

Bill Gerstenmaier, bei der Nasa für Weltraumoperationen zuständig, rechtfertigte dennoch die Bemühungen der letzten Wochen, alle vier Sensoren startklar zu bekommen. "Es bestand die Möglichkeit, dass unser gesamtes Sensor-System ausfällt - wir mussten also etwas tun." Bei Tests hat sich gezeigt, dass die Sensoren alle bei etwa minus 253 Grad Celsius versagen. Solche Temperaturen entstehen beim Betanken mit flüssigem Wasserstoff. "Wir haben das komplette System ausgetauscht und eines eingebaut, das den Bedingungen auf der Startrampe genügt - so, wie es eigentlich schon immer hätte sein sollen", so Gerstenmaier.

Seit 1994 schlägt sich die US-Raumfahrtbehörde mit widerspenstigen Sensoren in den Tanks ihrer Raumfähren herum. Viermal musste deshalb das Betanken eines Shuttles abgebrochen und der Start verschoben werden. Auch bei unbemannten Raketen vom Typ Atlas-Centaur trat dieses Problem schon auf. Zwar habe die neue Elektronik bei zwei Tests im letzten Monat funktioniert, so die Nasa. Aber das hat sie früher auch schon gemeldet.

Bei nur noch einem Dutzend ausstehender Shuttle-Missionen scheint der Ehrgeiz, das System komplett zu überarbeiten, allmählich zu schwinden. Auf einen Betankungstest auf der Startrampe will die Nasa im Vertrauen auf die Elektronik verzichten. "Wenn wir einen zufälligen Fehler haben, der auftaucht und wieder verschwindet, ist seine Lokalisierung meist schwierig", gibt Nasa-Manager Gerstenmaier zu. "Die Fehlersuche ist immer einfacher, wenn mehrmals das gleiche schief geht, weil uns das die Möglichkeit gibt, etwas daraus zu lernen und zu verstehen, was wirklich vor sich geht."



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