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Verlorenes Mondgestein: Aufräumen bei der Nasa

Foto: AP/ NASA

Verlorenes Mondgestein Schwund ist überall

Unter Einsatz ihres Lebens brachten die "Apollo"-Astronauten 382 Kilogramm Mondgestein auf die Erde - dort ging dann so manche Probe verloren. Der Verlust ist vor allem der Nasa geschuldet. Ein Prüfbericht zeigt, wie schludrig die US-Raumfahrtbehörde mit den kostbaren Souvenirs umging.

Man muss sich das mal vorstellen: Da geben die USA Hunderte Millionen von Dollar aus, um zum Mond zu fliegen und Mondgestein zurück zur Erde zu bringen. Und dann, wieder hier, verliert die US-Raumfahrtbehörde die kostbaren Proben, als wären sie ein Schlüsselbund.

Wie schludrig die Nasa mit ihren Mondsouvenirs umgeht, belegt nun eine Prüfung, der sich die Behörde unterzogen hatte und deren Ergebnis vor Weihnachten bekannt wurde. Demnach gibt es bei 517 Proben von Mondgestein, Meteoriten und Kometen keinerlei Hinweis auf deren Verbleib.

Insgesamt 382 Kilogramm Mondgestein brachten die Astronauten von den "Apollo"-Mondmissionen in den Jahren von 1969 bis 1972 zurück - und die Nasa ging damit großzügig um. Allein im Jahre 1972 verschickte Richard Nixon kleine Proben des kostbaren Gesteins an 135 Staatsoberhäupter als diplomatische Geste. Über die Jahre wuchs die Zahl der steinigen Geschenke auf fast 400 an. 200 von ihnen gelten dabei heute als vermisst, zerstört oder gestohlen.

Die vergessenen Proben der Nasa

Auch an Forscher wurden die Proben verschickt, insgesamt 26.000-mal, an 377 Experten auf der ganzen Welt. Der Prüfungsbericht offenbart vor allem, wie planlos und unsystematisch die Behörde dabei vorging. Wie sonst kann man erklären, dass ein Forscher seine Proben 35 Jahre lang behielt - aber nie damit forschte?

Bei einer Anfrage, die die Nasa im Jahre 2008 an alle ihr bekannten Forscher im Besitz von Mondgestein stellte, gaben die meisten von ihnen an, zuletzt vor mindestens 15 Jahren mit den Proben gearbeitet zu haben. 30 Prozent allerdings antworteten erst gar nicht auf die Anfrage. Und zwölf der Forscher waren inzwischen verstorben, ohne die Proben zurückgegeben zu haben - und ohne einen Hinweis darauf zu hinterlassen, wo sie sich befinden.

Das Problem ist nicht neu: Bereits 1970 drohte Thomas O. Paine, damals Leiter der Nasa, in einer Anhörung durch den Kongress allen Forschern, die Mondgestein verlieren würden, harte Konsequenzen an. "Von dem Moment an, wo die 'Apollo'-Kapseln mit Mondgestein auf die Erde zurückkehrten, begann auch der Schwund", erklärt Generalinspekteur der Nasa, Paul K. Martin, im Prüfbericht.

Kein funktionierendes Inventar

Nur getan wurde offensichtlich nichts - oder zumindest nicht das Richtige. Bis heute gibt es kein funktionierendes Inventar über die Gesteinsproben. Und so wundert es nicht, wenn im Prüfbericht von Hunderten von der Nasa selbst zerstörten Gesteinsproben die Rede ist - die freilich von der Nasa selbst immer noch als vorhanden geführt werden.

Oder wenn man die Posse um eine Sammlung mehrerer Proben von Mondgestein und Mondstaub liest, die die Nasa 1978 an das Mount Cuba Observatorium in Greenville, Delaware, verliehen hatte. Als sich die Behörde immerhin 30 Jahre nach der Leihstellung nach dem Verbleib erkundigte, war der zuständige Forscher längst verstorben. Nun behauptet das Observatorium, es habe die Proben längst zurückgeschickt. Die Nasa behauptet das Gegenteil - kann es aber nicht beweisen.

Interessant auch die Reise einer 1,1 Gramm schweren Probe, die "Apollo 17" vom Mond mitgebracht hatte. Sie war ein Jahr nach der Landung als Geschenk an den Gouverneur von West-Virginia, Arch A. Moore, übergeben worden. Rein zufällig tauchte sie 2010 wieder auf - im Keller von Robert T. Conner, einem Zahnarzt im Ruhestand.

Souvenirs aus dem All - spurlos verschwunden

Einzige Verbindung zwischen den beiden: Conners Bruder, 2002 verstorben, war Inhaber einer Anwaltskanzlei in Washington, in der Moore einmal gearbeitet hatte. Die Probe befand sich in einer hölzernen Box - zusammen mit anderen Gegenständen aus dem Büro in der Kanzlei. Für die Nasa jedoch hatte sich die Spur des Gesteins bereits im Jahr 1973 verloren, Plan, Übersicht, Kontrolle - Fehlanzeige.

Und so drängt der Prüfbericht vor allem auch auf die Etablierung strengerer Richtlinien für die Vergabe von Material aus dem All - und die Einführung eines Inventarsystems, in dem sich Leiher, Leihdauer und Verbleib nachvollziehen lassen.

Die Vergabe einzustellen, ist für die Nasa keine Alternative: "Sicherlich ist es bedauerlich, wenn Mondgestein abhandenkommt", sagte der Sprecher der Behörde, William P. Jeffs, in einem Statement. Und betonte gleichzeitig: "Der Gewinn für die Wissenschaft, die Möglichkeiten, die Studenten und Forschern dadurch erhalten, dass wir ihnen das Material zur Verfügung stellen, wiegen das Risiko eines Verlustes aber immer auf."

Wiederbeschaffung unter Waffen

Die entspannte Haltung erklärt sich vor allem durch einen Blick auf die Gesamtzahlen: Bei insgesamt 26.000 Leihstellungen durch die Nasa bedeuten 517 verlorengegangene Objekte eine Verlustrate von gerade mal zwei Prozent. Führt man sich vor Augen, dass die Nasa insgesamt mehr als 150.000 Proben von Mond-und Meteoritengestein in ihrem Besitz hat, sind die verlorengegangenen Materialien tatsächlich so was wie ein Staubkorn im All.

Vor diesem Hintergrund wirkt es fast irrwitzig, mit welchen Aufwand und welchen Methoden die Nasa teilweise versuchte, die ihr abhandengekommenen Proben zurückzuergattern. So war zuletzt im Oktober 2011 bekannt geworden, wie die Behörde einer Rentnerin ihre Probe mit Hilfe bewaffneter Polizeibeamter abnahm.

Die Dame namens Joann Davis hatte sowohl eine Gesteinsprobe als auch eine Hitzeschildkachel der "Apollo 11"-Kapsel zum Verkauf angeboten. Ihr inzwischen verstorbener Mann hatte als Ingenieur bei North American Rockwell für die Nasa gearbeitet und beide Souvenirs aus dem All von Neil Armstrong geschenkt bekommen.

Um die Probe, die übrigens kleiner als ein Reiskorn und in einem durchsichtigen Kunststoffblock eingeschlossen war, sicherzustellen, fädelte die Nasa einen fingierten Kauf in einem kalifornischen Restaurant ein. In dem Moment, als Joann Davis das Mondgestein aus ihrer Tasche holte, stürmten die bewaffneten Beamten in das Restaurant und ergriffen die Frau. Nachdem die Ermittler sie befragt hatten, konnte die alte Dame gehen. Allerdings ohne den Mondstein.

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