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12. Dezember 2006, 13:00 Uhr

Vermeintlicher Gigant

Riesenstern als Duo enttarnt

Der Titel "Größter Stern der Milchstraße" ist futsch: Im Sternbild Schütze wähnten Forscher einen Giganten von der bis zu 300-fachen Masse unserer Sonne. Doch das Weltraumteleskop "Hubble" hat ihn enttarnt - als Doppelstern. Vielleicht handelt es sich gar um ein Trio.

Er galt als Gigant, als Kandidat für den Titel "Größter Stern der Milchstraße". Doch daraus wird nichts. Denn Pismis 24-1 besteht in Wirklichkeit aus zwei Sternen. Und diese sind für sich genommen einfach zu klein und leicht für die Kandidatenliste der Giganten - selbst wenn man beide als ein Sternsystem betrachtet.

Duo oder gar Trio: Der gigantische Stern Pismis 24-1 soll ein Doppelstern sein, vielleicht sogar ein System aus drei Sternen
AP / NASA / ESA

Duo oder gar Trio: Der gigantische Stern Pismis 24-1 soll ein Doppelstern sein, vielleicht sogar ein System aus drei Sternen

Enttarnt wurde der vermeintliche Rekordanwärter aus dem Sternbild Schütze mithilfe der detailgenauen Kamera des Weltraumteleskops "Hubble". Einige hoch aufgelöste Beweisfotos wurden gestern vom europäischen "Hubble"-Zentrum in Garching bei München vorgestellt.

Bislang schätzten Astronomen, dass Pismis 24-1 etwa 200 bis 300 Mal so viel Masse hat wie unsere Sonne. Dabei ist bis heute nicht eindeutig geklärt, wie schwer ein Stern überhaupt werden kann. Wenig präzise legt die Theorie einen Wert von 120 bis 300 Sonnenmassen nahe. Pismis 24-1 galt daher als einer der schwersten bekannten Sterne in unserer Galaxie, der Milchstraße.

Wie Astronomen um den Spanier Jesús Maíz Apellániz vom Astrophysikalischen Institut Andalusiens mit "Hubble" beobachtet haben, handelt es sich jedoch bei dem Giganten tatsächlich um mindestens zwei Sterne die sich gegenseitig umkreisen. Dabei gehen die Forscher offenbar auch von einer geringeren Gesamtmasse aus - nämlich von jeweils etwa 100 Sonnenmassen pro Doppelstern-Partner.

Oder gleich drei Sterne auf einmal?

Möglicherweise müsse die Masse der Einzelsterne sogar noch weiter nach unten korrigiert werden. "Bodengestützte Beobachtungen deuten darauf hin, dass Pismis 24-1 sogar ein System aus drei Sternen sein könnte", teilte die europäische Raumfahrtbehörde Esa mit. Jeder Einzelne des Trios käme dann auf rund 70 Sonnenmassen. Der Titel "Größter Stern der Milchstraße" wäre dann zwar in weiter Ferne, aber immerhin wäre das Duo oder Trio von Pismis 24-1 immer noch in der Top-25-Liste der massenreichsten bekannten Sterne unserer Galaxie.

Unter den mindestens hundert Milliarden Sternen der Milchstraße ist der Anteil übergroßer Himmelskörpern jedoch verschwindend gering: Auf jeden entstehenden Stern, der mindestens 65 Mal schwerer ist als die Sonne, kämen 18.000 Sterne von der Masse der Sonne, haben die Forscher ausgerechnet. Zudem sei die Lebensdauer eines solchen superschweren Sterns mit rund drei Millionen Jahren sehr viel geringer als die sonnenähnlicher Sterne, die rund 3000 Mal so lange leben könnten.

Maíz und seine Astronomie-Kollegen wollen nun ihre Suche nach Superschwergewichten in der Milchstraße fortsetzen – und so die Frage klären, wie schwer ein Stern maximal sein kann.

Pismis 24-1 liegt im rund 8000 Lichtjahre entfernten Gasnebel NGC 6357, der von heißen, jungen Sternen teilweise zum Leuchten gebracht wird. Ein Lichtjahr ist die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt, und entspricht knapp zehn Billionen Kilometern.

fba/ddp/dpa

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